HOME

Atommüll-Transport nach Gorleben: Aktivisten verzögern Castor-Abfahrt

Ungewöhnlicher Auftakt eines Castor-Transports: Anders als früher rührt sich diesmal Widerstand bereits zum Start des Transports in Frankreich. Die Technik des "Schotterns" ist auch dort bekannt.

Atomkraftgegner haben wenige Stunden vor dem Start eines für Gorleben bestimmten Castor-Transports Gleise in der Nähe des Verladebahnhofs Valognes besetzt und diese offenbar auch beschädigt. Trotz eines erheblichen Aufgebots an Sicherheitskräften versuchten sie nach eigenen Angaben an mehreren Stellen, Steine aus dem Gleiskörper zu entfernen und die Schienen zu verschieben. Eine offizielle Bestätigung gab es dafür zunächst nicht. Die Polizei reagierte mit dem Einsatz von Tränengas und nahm mindestens zwölf Demonstranten fest. Ein Polizeiwagen ging nach Angaben des TV-Senders BFM in Flammen auf.

Der Protest wird organisiert von einem Zusammenschluss französischer Atomkraftgegner namens "Valognes Stop Castor", die auch vom Netzwerk Atomausstieg ("Sortir du nucléair") unterstützt wird.

Eigentlich hätte der Zug den Verladebahnhof nahe der Wiederaufbereitungsanlage La Hague gegen 14.30 Uhr verlassen und nach 1200 Kilometern Wegstrecke am Wochenende im Wendland eintreffen sollen. Er setzte sich mit eineinhalb Stunden Verspätung in Bewegung und soll am Freitag oder Samstag das Wendland erreichen.

"Wollen die, dass wir ihn behalten?"

Seit dem frühen Morgen kam es in der Nähe des Bahnhofs und entlang der Gleise wiederholt zu Zusammenstößen zwischen den rund 400 Demonstranten und der Polizei. Polizisten setzten massiv Tränengas und Schlagstöcke ein, mindestens fünf Demonstranten wurden festgenommen. Augenzeugen zufolge warfen Atomkraftgegner ihrerseits mit Steinen auf Polizisten. Den Behörden zufolge wurden zwei Menschen leicht verletzt, ein Polizist und ein Demonstrant.

Die französische Umweltministerin Nathalie Kosciusko-Morizet zeigte wenig Verständnis für die Proteste. "Wir schicken diesen Müll ins Ausland zurück. Wollen die Demonstranten, dass wir ihn behalten?", fragte sie.

Route des Castors ist unklar

Die Polizei schickte nach Medienberichten eine Hundertschaft Bereitschaftspolizisten, um die Gleise zu räumen. Zugleich untersuchten Bauarbeiter nach TV-Berichten die Strecke. Augenzeugen sprachen von einem wahren Katz- und Maus-Spiel, bei dem die Gegner Lücken in den Reihen der zahlreich aufmarschierten Sicherheitskräfte suchten. "Wir machen weiter, wir suchen die Lücken", äußerte sich die junge Französin Anna Laurent im TV-Nachrichtensender BFM kampfbereit.

Die Route des Transports ist noch unklar. Drei Varianten für den Grenzübertritt sind möglich: über Kehl, Berg oder Saarbrücken. Welche Strecke der Zug nimmt, wird offiziell nicht mitgeteilt. Entlang der Strecke planen Anti-Atomkraft-Initiativen Proteste. Im Vorjahr war es den Atomkraftgegnern immer wieder gelungen, den Zug zu stoppen oder Nachschubwege für die Einsatzkräfte zu blockieren. Mit den Castor-Spezialbehältern wird deutscher Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Gorleben gebracht.

Röttgen bittet um Diskussion statt Demonstration

Die Behörden haben auf beiden Seiten der Bahngleise eine Art Sperrzone eingerichtet. Mitarbeitern der Umweltorganisation Greenpeace, die den Transport begleiten und dabei mit Blick auf die Radioaktivität der Behälter Thermographie-Aufnahmen machen wollen, wurde am Mittwoch eine Genehmigung von der Polizei verwehrt. "Wir werden daher die Aufnahmen an einem anderen Ort in Richtung der deutschen Grenze machen", erklärte Greenpeace-Experte Andree Böhling.

Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) rief zu einem friedlichen und besonnenen Verhalten auf. "Es gibt ein Recht auf Demonstrationsfreiheit, es gibt aber kein Recht auf Gewalt", sagte er am Mittwoch in Berlin. "Gewalttätigkeiten sind kein Mittel der politischen Auseinandersetzung". Er forderte die Gorleben-Kritiker auf, sich konstruktiv an der Diskussion über den Neustart bei der Suche nach einem Endlager für hoch radioaktiven Atommüll zu beteiligen. "Wer jahrelang einen grundlegenden Neuanfang bei der Suche nach einem Endlager fordert, der sollte die einmalige Chance, die es jetzt gibt, nutzen, den Kampf der vergangenen Jahrzehnte zu begraben und das Thema im Konsens zu lösen", sagte der CDU-Politiker.

swd/DPA/AFP / DPA