Berlin vertraulich! Merkel und der Polit-Thriller


Bisweilen wirkt Angela Merkel optisch fast unscheinbar, aber die Kanzlerin taugt zur Hauptfigur für jeden Polit-Thriller. Das hat wohl auch ein Krimi-Autor gedacht, dessen Heldin Merkel zumindest ähnelt. Für ganz andere Vergehen steht derzeit Bundestagsvize Wolfgang Thierse am Pranger.

200 Meter vom Kanzleramt entfernt steht der Killer hinter den dunklen Fenstern einer konspirativen Wohnung, blickt durch das Nachtsichtzielgerät seiner Waffe und hat die Kanzlerin scharf im Visier. Drückt er ab. Ein Anschlag auf Angela Merkel? Nein. Mit dieser Szene endet der Polit-Thriller "Trias", geschrieben von dem Journalisten Marc Kayser, erschienen im Heyne-Verlag. Die Kanzlerin in diesem Buch heißt Lydia Sprado, trägt - anders als Merkel - gerne eng geschnittene Kostüme, hat das Aussehen "einer Dame von Ende fünfzig, die sich vorgenommen hat, in Würde zu altern". Aber natürlich ist die fiktive Kanzlerin der realen, regierenden vielfach nachempfunden. Sprado-Merkel geht harsch mit männlichen Politikern in ihrer Umgebung um, sie wohnt mit ihrem Mann unweit des Hackeschen Markts und des Monbijou-Parks - wo auch die Merkels wohnen. Der Mann der Kanzlerin Sprado ist, selbstverständlich, Physiker, und zieht seinen Anzug nur noch unmittelbar vor dem Zubettgehen aus. Zu oft schon, so der Autor, hätten "Referenten der Kanzlerin zu später Stunde die gemeinsame Privatheit durchbrochen". Kayser versichert zwar, sein Thriller sei kein Schlüsselroman. Selbst "winzige Ähnlichkeiten" mit lebenden Personen seien Zufall. Naja, diesem Zufall hat er zufällig energisch nachgeholfen.

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In Sonntagsreden Demokratie predigen, im Alltag sie missachten - dafür steht jetzt Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD). Er wohnt an einem der schönsten Berliner Flecken, am Kollwitz-Platz in Prenzlauer Berg. Dort haben SPD, Linke und Grüne es gewagt, den wöchentlichen Samstags-Markt auf eine andere Seite des Platzes zu verlegen, weil am alten Standort eine verkehrsberuhigte Zone eingerichtet wurde. Alle waren mit der mehrheitlich-demokratischen Entscheidung einverstanden. Sauer war nur der Bundestagsvizepräsident, der an diesem Straßenstück wohnt und auf dem Markt gerne einkauft. Er finde die Umsiedlung "höchst befremdlich" teilte er der Bezirksverwaltung mit. Sie habe die Bürger "getäuscht und demokratische Gremien nicht angemessen einbezogen". Damit die zuständigen Frechlinge des Stadtrats auch gleich wussten, was damit gemeint war, schrieb Thierse den Brief auf seinem Dienstpapier samt Bundesadler auf dem Briefkopf. Man ist ja wer und nicht nur Abgeordneter im Wahlkreis Prenzlauer Berg. Und mutig gab sich der Sozialdemokrat seiner Basis gegenüber auch noch. Er wisse, dass als "Wichtigtuer, Miesmacher, Spielverderber gilt", wenn man sich beschwere. Weil alles rund um den Kollwitz-Platz den Kopf schüttelte über den versuchten Amtsmissbrauch, schob der Herr Präsident tags darauf schnell die Erklärung nach, den Brief habe er nur aus Versehen auf amtlichem Papier geschrieben.

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Thierse gibt ja gerne den volksnahen, sparsamen Politiker. Als er noch Bundestagspräsident war, ließ er sich gerne dafür loben, dass er lieber in seiner Mietwohnung am Kollwitz-Platz wohnen blieb anstatt in die ihm zustehende Dienstvilla im Grunewald umzuziehen. Was er nicht sagte: Der Verzicht wurde ihm quasi vergoldet. Denn Thierse gehört zu den so genannten "Heimschläfern" in Berlin. Das sind jene, deren Wahlkreis so günstig liegt, dass sie in Berlin keinen zweiten Wohnsitz mieten müssen. Dafür sind in der Kostenpauschale für Abgeordnete (4700 Euro) 1000 Euro eingerechnet. Thierse braucht den Mietzuschuss natürlich nicht - und bessert damit wohl sein Haushaltsgeld auf. 1000 Euro und die auch noch steuerfrei!

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Emotional sehr bewegt verließen viele der gut 200 gekommenen Politiker, darunter auch Angela Merkel, die Sondervorführung des ZDF-Films "Die Gustloff" (am 2./3. März im TV) im Berliner Sony-Center. Was viele nicht wussten: Der Film über den Untergang des Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff", bei dem Ende Januar 1945 mehr als 9000 Menschen in der eiskalten Ostssee starben, geht auf eine Anregung des Unionsfraktionsvorsitzenden Volker Kauder zurück. Kauder, dessen Eltern bei Kriegsende selbst aus Jugoslawien flüchten mussten, hat fünf Jahre lang bei Regisseur Joseph Vilsmaier dafür geworben, Geschichte und Elend der Flucht in jenen letzten Kriegstagen filmisch umzusetzen. Kauder, den Vilsmaier "meinen lieben Volker" nennt: "Der Film ging mir sehr nahe. Wer die Gesichter der dem Tod geweihten Kinder an Bord des Schiffes gesehen hat, wird sie nie mehr vergessen." Ganz persönlich betroffen war die CDU-Abgeordnete Erika Steinbach, Präsidentin des Bundes der Vertriebenen. Ihre Mutter hatte es damals nicht mehr geschafft, mit ihren Kindern auf die "Gustloff" zu kommen. Zwei Tage später fand sie dann einen Platz auf der "Pelikan", die es schaffte, mit den Flüchtlingen den Hafen Stralsund zu erreichen.


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