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Buch von Christian Wulff: Eine Abrechnung mit der Justiz und den Medien

"Ganz oben, ganz unten" lautet der Titel des Buches, das Ex-Bundespräsident Christian Wulff in Berlin vorgestellt hat. Er schildert darin seine Sicht der Dinge - und erhebt schwere Vorwürfe.

Die Frage war unvermeidlich. Wo er sich denn derzeit sehe: ganz oben oder ganz unten, will ein Journalist von Ex-Bundespräsident Christian Wulff (CDU) wissen. Der antwortet: "In der Mitte. Und auf dem Weg nach oben."

Nach dem Prozess, der mit einem Freispruch endete, war es kurzzeitig still um den Niedersachsen geworden. Nun ist er wieder da: mit einem Buch, das, wie er sagt, weder "Erinnerungsbuch" noch "Rechtfertigungsschrift" oder "Abrechnung" sein soll. Es ist bei C. H. Beck erschienen, zählt 256 Seiten und kostet 19,95 Euro. Eine Leseprobe, nämlich die Einleitung, hat der Verlag ins Netz gestellt.

Die Jagd und die Ehre

In dem Buch will Wulff seine Sicht darstellen. Auf seine Fehler, auf die Medien, auf die Justiz. Und er sieht sich, daran lässt er auf der Pressekonferenz in der Berlin keinen Zweifel, als Opfer. "Der Rücktritt war falsch und ich wäre auch heute der Richtige im Amt", sagt er. Auf Nachfragen hin präzisiert Wulff, dass der Rücktritt nur deshalb unvermeidlich gewesen sei, weil die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung seiner Immunität beantragt hatte. Das sei jedoch nicht korrekt gewesen. Die Justiz habe sich von den Medien unter Druck setzen lassen. Über seine eigenen Fehler sagt Wulff, er hätte gelegentlich mehr Distanz halten müssen. Gleichwohl: "Mir ist mehr Unrecht getan, als ich je Unrecht getan habe."

Mehrfach spricht Wulff auf der Pressekonferenz von der "Jagd", die auf ihn veranstaltet worden sei, ein Kapitel seines Buches ist mit diesem Wort überschrieben. Einem anwesenden "Bild"-Reporter sagt er bei einem kurzen Wortgefecht: "Ich glaube, es ist vor allem für Sie lesenswert." Es gehe ihm darum, seine Ehre wiederherzustellen. Der Ausgang des Gerichtsprozesses hat aus Sicht Wulffs dafür nicht gereicht: "Der juristische Freispruch wiegt die mediale Vorverurteilung nicht auf." Es sei bei vielen Bürger ein "fader Nachgeschmack" geblieben.

Die Tochter und die Slammerin

Auf die Frage, ob nicht auch die Politik zu seinem Sturz beigetragen habe, hält sich Wulff weitgehend bedeckt. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) habe immer zu ihm gestanden und keinen Druck ausgeübt. Aber es hätten auch anonyme Beschuldigungen eine Rolle gespielt. Andererseits: "Eine unmittelbare Anknüpfung in Richtung Kampagne, Verschwörungtheorie habe ich nicht gefunden."

Nach etwa einer Stunde ist die Buchvorstellung in dem völlig überfüllten, stickig heißen Raum der Bundespressekonferenz vorbei. Wulff, dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, hellblaue Krawatte, verlässt zügig die Location. Er strebe kein aktives politisches Amt mehr an, hat er noch wissen lassen. Er wolle sich vielmehr ehrenamtlicher Arbeit widmen und als Schlichter tätig sein. Einen Grund, das Buch zu schreiben, habe auch seine Tochter Annalena geliefert: "Sie hat mich mit der Slammerin Julia Engelmann vertraut gemacht."

Eines Tages werde ich alt sein, Baby, rapt Engelmann, und an all die Geschichten denken, die ich hätte erzählen können. Wulff wollte die seine jetzt erzählen.

lk