Christa Müller Die Super-Nanny der Linken


Sie hat das Parteibuch der Linken, aber Ansichten wie eine CSU-Politikerin: Christa Müller, Ehefrau von Linksparteichef Oskar Lafontaine, sorgt mit ihren konservativen Thesen für große Empörung unter den Parteifreunden. Ein Porträt der "Eva Hermann der Linken".
Von Sebastian Christ

"Die schon wieder", werden sich einige Genossen in Berlin gedacht haben. Frau Lafontaine. Christa Müller. Die Ehefrau des linken Protestpop-Patriarchen. Ausgerechnet die! Doch Frau Müller erlaubt sich immer wieder, eine eigene Meinung zu haben. Im Streitgespräch mit Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, das der "Spiegel" kürzlich druckte, wurde eigentlich nur aus den Bildunterschriften ersichtlich, wer hier nicht im Auftrag christlich-konservativer Familiensache politisieren möchte.

Da zitiert Christa Müller Umfragen: "Kinder fühlen sich in den Familien am besten aufgehoben, in denen Vater und Mutter Teilzeit arbeiten oder die Mutter Hausfrau ist." Und mäht en passant über die Schnittkanten des Politspektrums hinweg: "Aus der Intelligenz- und Bindungsforschung weiß man aber auch, dass für die intellektuelle Entwicklung des Kindes die Bindung an eine feste Bezugsperson ganz entscheidend ist. Das ist normalerweise die Mutter, aber nicht wechselndes Personal in Kinderkrippen." Sie sagt: "Man ist ja nicht in allen Fragen in Übereinstimmung mit jedem Parteimitglied. Letztendlich kommt es auf die Mehrheiten an."

Mit diesen Ansichten bringt sie viele Parteifreunde in Rage: Vizeparteichefin Katina Schubert sagte meinte, "die Auffassungen von Christa Müller passen zur katholischen Kirche aber nicht zur Linken". Einige Genossen würden wohl am liebsten Oskar empfehlen, seiner Frau den Mund zu verbieten. Doch der spielt da nicht mit. Und nicht nur er. Besonders in ihrem saarländischen Landesverband hat sie viele Unterstützer.

SPD-Parteimitglied seit 1979

Christa Müller, eine Frau geht ihren Weg. Selbst, wenn der nicht an jeder Kreuzung nach links führt. Die 51-Jährige ist eine der schillerndsten Figuren der westdeutschen Linken - wo die Errungenschaften der sozialistischen Emanzipation eigentlich genauso halsstarrig verteidigt werden wie das traditionelle Volkstanzgut im oberbayerischen Voralpenland. Krippen stehen im linken Ideenuniversum für selbständige, freie Mütterbiografien. Hausfrauen dagegen müffeln nach Saumagen und Küchendunst. Da ist es leicht, sich Feinde zu machen. Selbst wenn Frau Müller eigentlich nie etwas anderes wollte, als Wahlfreiheit in Erziehungsfragen. Nicht mehr, nicht weniger.

Manche reden von Christa Müller bereits von einer "Eva Herman der Linken". Doch während viele westdeutsche Linke - gerade an der Basis - mit antiautoritären Ideologiemustern sozialisiert wurden, verhält es sich bei ihr anders.

Christa Müller ist im sozialdemokratischen Milieu groß geworden, wo "Linkssein" eben nicht immer mit Progressivität einhergeht. Müller wurde als Tochter eines katholischen Hoteliers in Frankfurt geboren. Nach dem Abitur studierte sie Volkswirtschaft. Mit 23, im Jahr 1979, trat sie der SPD bei, und blieb der Partei 26 Jahre lang treu. Sie galt als eine hoffnungsvolle Nachwuchspolitikerin, intelligent und eloquent. Nach ihrem Studium arbeitete sie unter anderem in der damals noch roten Hessischen Staatskanzlei und in der Bonner SPD-Zentrale.

Dann lernte sie 1987 Oskar Lafontaine kennen, bald darauf wurden sie ein Paar. Ihre eigene politische Laufbahn aber bekam in der Folge eine schwere Delle: In der Öffentlichkeit wurde sie zu allererst als Frau an der Seite des Spitzenpolitikers und Kanzlerkandidaten wahrgenommen, nicht als junge Politikerin mit eigenen Ideen. In den 90er Jahren arbeitete sie bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Also dort, wo politische Karrieren eher zu Ende gehen als beginnen. Nebenher engagierte sie sich als Vorsitzende des Vereins "Intact", der sich gegen Beschneidungen von Mädchen in Afrika einsetzt.

Comeback in der WASG

Im Jahr 1997 kam Sohn Carl Maurice zur Welt, und Christa Müller entschied, sich fortan als Hausfrau um ihre Familie zu kümmern. Dass sie bei aller Fürsorge ihre politischen Ambitionen nie ganz aufgegeben hatte, bewies sie 1998. In einer Talkshow forderte sie die stärkere Kontrolle von Banken. Das war damals wenigstens einen kurzen Aufreger wert, und man nannte die selbstbewusste Frau in Anlehnung an Hillary Clinton "Müllery". Als ihr Mann im Frühjahr 1999 mit Carl Maurice auf den Schultern dem rot-grünen Projekt Lebewohl sagte, wurde es still um sie, während Lafontaine zum quälenden Stachel im sozialdemokratischen Fleisch avancierte.

Die Chance zum Comeback kam, als in der Spätphase der Schröder-Ära die Zahl der Unzufriedenen innerhalb der SPD immer größer wurde. Oskar Lafontaine erklärte seinen Parteiaustritt, Christa Müller auch. Beide fanden 2005 in der WASG eine neue politische Heimat.

Seitdem fällt sie immer wieder mit vermeintlich unlinke Thesen auf. Als im vergangenen Oktober nach einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung über Armut und die "gesellschaftliche Unterschicht" diskutiert wurde, forderte sie als familienpolitische Sprecherin der saarländischen WASG ein Frühwarnsystem gegen Kindesmisshandlung. So solle die "Reproduktion des asozialen Milieus" begrenzt werden. Später präzisierte sie, sie habe damit zum Ausdruck bringen wollen, dass erlittene Gewalt im Jugendalter Gewalttäter im Erwachsenenalter heranbildet. Trotzdem hatte der saarländische SPD-Chef Heiko Maas reichlich Gelegenheit, öffentlich an ihrem Menschenbild zu zweifeln.

Im Frühjahr erarbeitete sie dann zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Familienpolitik der saarländischen WASG einen Vorschlag für ein "Erziehungsgehalt". Wenn es nach Christa Müller geht, sollen Mütter im ersten Erziehungsjahr 1560 Euro brutto pro Monat und Kind bekommen. Egal, ob berufstätig oder nicht. Viele verstanden diese finanzielle Vergütung der Kindererziehung als Anreiz für Mütter, den Job zugunsten der Familie ruhen zu lassen. Da klatschte auch die katholische Kirche im Saarland Applaus. Anders die "Linke Sozialistische Arbeitsgemeinschaft"(LISA) der Frauen in der Linkspartei. Christa Müller stehe für "die drei Ks" in der Familienpolitik: "Kinder, Küche und Kontrolle." Und die LISA keifte weiter: "Dieses Konzept ist obrigkeitsstaatlich, nicht emanzipatorisch. Es bedient Rollenklischees aus der Mottenkiste, die alle fesseln: Kinder, Mütter und Väter."

Die richtige Frau am richtigen Ort

Im Saarland kann man das gelassen sehen: alles Gedröhne aus der Bundespartei. Denn die Linke ist in Deutschlands kleinstem Flächenland auf dem besten Weg, eine feste politische Größe zu werden. Mittlerweile hat der Landesverband nach eigenen Angaben bereits 1650 Mitglieder. Anders gesagt: Fast 0,2 Prozent der saarländischen Bevölkerung haben ein dunkelrotes Parteibuch. Grüne und Liberale stehen weit weniger gut da. Auch bei der Landtagswahl im Jahr 2009 werden der Linken hervorragende Chancen auf den Einzug in den Landtag eingeräumt, unter Umständen sogar auf ein zweistelliges Ergebnis. Es wäre ein Fanal. Doch im strukturkonservativen Saarland lässt es sich schwer mit Marx und Gysi punkten. Mit bodenständigen Ansichten zur Kindeserziehung schon eher. Vielleicht ist es ja so: Christa Müller ist die richtige Frau am richtigen Ort. Nur in ihrer eigenen Partei hat es bisher kaum jemand gemerkt.


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