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Medienbericht Coronavirus könnte über Gottesdienst von Schlachthof zu Schlachthof gewandert sein

Tönnies-Werbevideo aus April zeigt mangelnde Hygienemaßnahmen
Sehen Sie im Video: Tönnies-Werbevideo aus April zeigt mangelnde Hygienemaßnahmen.




Dieses Tönnies-Werbevideo sorgt derzeit für Aufregung.


Der Youtube-Clip mit dem Titel "Die Burgermacher" soll eigentlich zeigen, wie der nordrhein-westfälische Fleisch-Konzern Burger-Patties produziert. 


Doch er zeigt auch, wie es um die Corona-Hygienemaßnahmen bei Tönnies bestellt ist. 


An mehreren Stellen des Videos wird deutlich, dass der Clip im April 2020, also nach Inkrafttreten des Kontaktverbotes durch die Bundesregierung, aufgenommen wurde.


Bereits am 22. März forderte die Regierung “strenge Schutz-Maßnahmen” in geöffneten Betrieben. Die scheinen bei Tönnies keine Priorität gehabt zu haben. Das geht aus dem Werbevideo hervor. 


Zahlreiche Mitarbeiter halten sich nicht an den empfohlenen Mindestabstand von zwei Metern.


Außerdem sind einige Mitarbeiter ohne einen Mund-Nasen-Schutz zu sehen.


Gegenüber "Spiegel TV" äußert die Tönnies-Fleischerei, dass es zum Zeitpunkt des Drehs ein "Mundschutzangebot" gegeben habe. Weiter führt das Unternehmen aus, dass "ein großer Teil der Mitarbeiter" dieses Angebot auch angenommen habe. 


Doch die Bilder des Werbevideos und die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Mehr als 1500 Tönnies-Mitarbeiter haben sich mit Covid-19 infiziert. 


Die Folge: ein regionaler Lockdown der NRW-Landkreise Gütersloh und Warendorf. Betroffen sind insgesamt rund 640.000 Einwohner.
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Wie konnte es zu dem verheerenden Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies kommen? Ein Gottesdienst, bei dem sich Mitarbeiter zweier Betriebe trafen, rückt laut einem Medienbericht in den Fokus. Wanderte das Virus womöglich von Schlachthof zu Schlachthof?

Die erste Welle von Corona-Infizierten im Kreis Gütersloh hat es nach Angaben des Gesundheitsministeriums Ende Mai im Zusammenhang mit einer "kirchlichen Veranstaltung" gegeben. Das sagte Staatssekretär Edmund Heller am Donnerstagmorgen in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses im Düsseldorfer Landtag. Er bestätigte damit indirekt Recherchen von T-Online.de. Das Nachrichten-Portal berichtet über einen Gottesdienst, der am 17. Mai stattfand. Dort seien auch Mitarbeiter eines Tönnies-Konkurrenten anwesend gewesen. Demnach könnte das Virus von Schlachthof zu Schlachthof gewandert sein. Dies allerdings nicht nur aufgrund des Kirchenbesuchs.

Firmenschilder von Westcrown und Tönnies
Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Corona-Ausbrüchen in den Schlachthöfen Westcrown und Tönnies? Laut einem Medienbericht trafen sich Mitarbeiter beider Unternehmen bei zwei Gelegenheiten.
© Friso Gentsch / Sean Gallup / DPA / Getty Images

Laut dem Bericht gab es zwei Gelegenheiten, bei denen sich Mitarbeiter von Tönnies und dem Zerlegebetrieb Westcrown im niedersächsischen Dissen trafen. Die Gemeinde im Kreis Osnabrück liegt nur eine gute halbe Stunde Autofahrt vom Tönnies-Standort Rheda-Wiedenbrück entfernt. Zum einen hätten sich Mitarbeiter beider Unternehmen bei besagtem Gottesdienst getroffen, zum anderen gab es einen Tag zuvor, am 16. Mai, ein Treffen anderer Mitarbeiter der beiden Schlachthöfe in einem Restaurant. Beide Begegnungen wurden T-Online laut dem Bericht von den Kreisen Gütersloh beziehungsweise Osnabrück sowie von Tönnies bestätigt. Darüber, ob bei diesen Anlässen die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten oder verletzt wurden, wird nichts gesagt. Die Infektionsketten wurden oder werden in beiden Fällen nachvollzogen, so der Bericht.

Steckten sich Tönnies-Arbeiter bei Kirchenbesuch an?

Bei Westcrown, einem Joint Venture von Westfleisch in Münster und dem dänischen Unternehmen Danish Crown in Randers, hatte es bereits im Mai einen massiven Corona-Ausbruch gegeben. Mehr als die Hälfte der 280 Beschäftigten waren positiv auf das Virus getestet worden, der Betrieb war zeitweise ausgesetzt. Auch der Westfleisch-Standort in Coesfeld hatte zuvor schon wegen eines Corona-Ausbruchs zeitweise schließen müssen.

Die Gütersloher Kreisbehörde hält es daher ebenso wie Tönnies für möglich, dass Westcrown-Mitarbeiter den Erreger am 17. Mai in die Kirche getragen hätten, so dass sich Tönnies-Mitarbeiter infiziert hätten und - so das Unternehmen - ahnungslos zurückgekehrt seien. Während Tönnies laut dem T-Online-Bericht nun nahezu den gesamten Ausbruch im eigenen Betrieb auf den Gottesdienst zurückführen will, reagierte der Kreis Gütersloh auf Anfrage zurückhaltender. "Wir konnten nicht lückenlos die Infektionskette auflösen", zitiert T-Online.de die Kreisverwaltung. Bei Tönnies habe es aber nicht ausschließlich Infizierte aus dem Personenkreis des Gottesdienstes gegeben. Auch das Unternehmen habe eine Infektion bei einem Reiserückkehrer angeführt.

Zeitpunkt passt zum Infektionsgeschehen

Dafür, dass die zwei bestätigten Treffen von Arbeitern der beiden Schlachthöfe eine maßgebliche Rolle für den Corona-Ausbruch bei Tönnies gespielt haben, spricht dem Bericht zufolge auch der Zeitpunkt. Während der Großbetrieb in Rheda-Wiedenbrück zuvor von Infektionen weitgehend verschont geblieben sei, stiegen die Zahlen in der zweiten Mai-Hälfte zunehmend an. Unglücklicherweise seien zudem am 22. Mai vom Land NRW angeordnete Reihentestungen bei Tönnies durch den Kreis Gütersloh ohne große Befunde zu Ende gegangen, nachdem einen Tag zuvor der Landkreis Osnabrück den massiven Ausbruch bei Westcrown  gemeldet hatte, so der T-Online-Bericht.

Eine Frauenhand greift Hackfleisch in einem Supermarkt (Symbolbild)

Aufgrund des Ausbruchs bei Tönnies mit mehr als 1500 Infizierten trat in den Kreisen Gütersloh und Warendorf, wo sich ebenfalls Unterkünfte von Arbeitern in den Schlachthöfen der Region befinden, wieder ein weitgehender Lockdown in Kraft. Die Behörden wollen nun ermitteln, ob sich das Virus auch außerhalb des Betriebes verbreitet hat. NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) informierte den Gesundheitsausschuss des Landtags am Donnerstag darüber, dass von aktuell rund 2000 durchgeführten Corona-Tests im Kreis Gütersloh bisher nur einer positiv ausgefallen sei. Für Bewohner der beiden Landkreise gelten derzeit dennoch Reise- und Beherbergungseinschränkungen vor allem in den Bundesländern mit ausgeprägten Tourismusgebieten.

Quellen: T-Online.de, Nachrichtenagentur DPA, NDR, Westcrown.de

dho

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