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Deutsche Exklave: Mini-West-Berlin in der Schweiz

Die Bürger sprechen Schweizerdeutsch, gezahlt wird mit Franken und im Ort stehen Swisscom-Telefonzellen: Dieses Dorf ist nicht normal. Denn Büsingen ist deutsch, gehört zum Landkreis Konstanz, ist aber eingerahmt von der Schweiz. Eine Reportage aus dem "West-Berlin in Miniaturausgabe" mit geteiltem Biergarten.

Von Marco Lauer

Ein ganz normales Dorf. Büsingen. Zwei Lebensmittelläden für das Nötige, eine Bank für das Weltliche, für das Leibliche zwei Gaststätten und die evangelische Kirche für das Geistliche. Vor zehn Jahren 1'500 Einwohner, hundert weniger heute. Häuser von schlichter 60er-Jahre-Architektur stehen Spalier entlang der Durchgangsstraße.

Ein ganz normales Dorf. Fast. Es liegt im Landkreis Konstanz, südliches Baden, auf halber Strecke zwischen Basel und Bodensee. Gesprochen wird hier Schweizerdeutsch. Auf den gelben Ortsschildern, die dorfauswärts stehen, liest man über einem durchgestrichenen "Büsingen": Schweiz. Auf jenen Richtung Norden, Westen und Osten. Nach Süden hin begrenzt der Hochrhein den Ort und an dessen jenseitigem Ufer liegt: die Schweiz.

Hinter der Zollstation ist manches anders

Dieses Dorf ist nicht normal. Nicht seine geographische Lage zumindest. Es ist die einzige Exklave Deutschlands. Eine Insel, umgeben nicht von Wasser, sondern einem anderen Land. Ein deutsches Dorf, dass von Deutschland nur zu erreichen ist über eine von zwei winzigen Schweizer Zollstationen, die wenige Kilometer vor Büsingen unwirklich in der idyllischen Hügellandschaft stehen.

In diesem Ort ist alles ein wenig anders als im Rest der Republik. Keiner weiß das besser als Bürgermeister Gunnar Lang, Büsinger von Geburt an. Seine Heimatgemeinde bezeichnet er gerne als "West-Berlin in Miniaturausgabe". Mit dem einzigen Unterschied, dass rund herum nicht der dunkle Kommunismus liegt, sondern glücklicherweise nur die liebliche Schweiz.

Lang empfängt im Sitzungszimmer des Rathauses. Ein 55-jähriger Mann mit blauen Augen hinter randlosen Brillengläsern, weicher Stimme und ruhigem Gemüt. Über dem Mund trägt er einen grauen Schnauz, wie man hier auf 'Schwizerdütsch' sagen würde. Einen Schnauzbart.

Franken statt Euro

"Der normale Büsinger ist ja fast schon ein Schweizer", beschreibt Lang die lokale Befindlichkeit. Tatsächlich macht sich der Einfluss der umliegenden Schweiz fast überall bemerkbar im Ort. In der 'Milchzentrale Büsingen' zum Beispiel, dem kleinen Lebensmittelgeschäft gegenüber des Rathauses. Wo andere Läden vor einigen Jahren viel Arbeit hatten, um die Auszeichnung der Preise von D-Mark auf Euro umzustellen, ging man hier dem Tagesgeschäft nach. Seit je zahlt man in Büsingen mit Schweizer Franken, Euro-Einführung hin oder her. Und man zahlt damit für Schweizer Waren. Denn weder Käse noch Konserven oder Fleisch kommen aus dem "deutschen Mutterland". Zu teuer, die Waren extra von dort einzuführen - wegen des Zolles. Seit 1967 nämlich gilt zwischen Deutschland und der Eidgenossenschaft ein Staatsvertrag, der Büsingen zu schweizerischem Zollgebiet erklärt und somit zumindest wirtschaftlich zum Ausland.

Büsinger tanken billiger

Damit "der kleinen Verrücktheiten des Exklavendaseins" kein Ende, wie Lang es nennt. Einige Schritte durch den Ort. Vorbei an der Post, an deren Fassade die beiden verschiedenen Postleitzahlen des Ortes prangen, die eine schweizerisch vierstellig, die andere deutsch und fünfstellig. Weiter über den Rathausplatz, auf dem zwei Telefonzellen stehen, Telekom und Swisscom - der beiden unterschiedlichen Vorwahlen wegen. Nur Bürgermeister Lang hat einen Apparat, mit dem er in beide Netze kommt. Mit der Null am Anfang telefoniert er in Deutschland, mit der Neun davor in der Schweiz - immer zum Inlandstarif. Ein Ortsvorsteher mit internationaler Anbindung, regiert er doch schließlich nicht nur ein Dorf, sondern ein kleines Deutschland, wenn auch mit sieben Quadratkilometern Gemarkungsfläche eines im Modellbahnmaßstab.

Das Dorf wie ein Land - man merkt es auch an den Autos, die hier parken oder von der Gärtnerei am einen zur Tankstelle am anderen Ende des Ortes bewegt werden. Der billigsten Deutschlands im Übrigen - indirekte Steuern und deshalb auch jene auf Mineralöl erhebt in Büsingen die Schweiz. Also: Benzin zum billigeren Schweizer Steuertarif.

Zurück zu den Autos. Die sind hier an sich natürlich nichts besonderes, sehen aus wie überall. Große, kleine, rote, schwarze. Die Besonderheit ist das Kennzeichen. Stets nur eine Buchstabenkombination ist darauf zu lesen: BÜS-A. Mit dreistelligen Nummern dahinter. Auch das ein Büsinger Unikum. Das einzige Dorf in Deutschland mit eigenem Autokennzeichen und deshalb auch dem seltensten. Gerade 1020 Fahrzeuge hat das zuständige Landratsamt im fernen Konstanz damit registriert. Die spezielle Nummer erleichtert Schweizer Zöllnern die Arbeit, erkennen sie daran doch sofort den Büsinger. Und der wird an der Schweizer Grenze wie ein Landsmann behandelt.

Viele Besonderheiten also, die das Leben hier ein bisschen anders machen - schwieriger eigentlich nicht.

Die Jungen gehen, die Alten kommen

Nun aber, im Rathaus, bei Kaffee und Mineralwasser, mischt sich Besorgnis in den Plauderton des Bürgermeisters. Kein Wunder, kommen jetzt doch wenig vergnügliche Vokabeln über den großen Konferenztisch: Einwohnerschwund, Vergreisung, Minderheitendiskriminierung.

"Fast alle von uns arbeiten in der Schweiz", sagt Lang. Die meisten davon in der benachbarten 34'000-Einwohner-Stadt Schaffhausen. Das Problem: dort müssen sie die hohen Schweizer Sozialversicherungsbeiträge zahlen. Und gleichzeitig deutsche Einkommenssteuer auf ihre Franken-Gehälter, die wiederum viel höher ist als jene in der Schweiz. Der Effekt: allein in den vergangenen zehn Jahren sind fast zweihundert Büsinger mit ihrer Familie einfach einen Ort und ein Land weiter gezogen - und sparen nun viel Geld. Zwar fand gleichzeitig auch eine Zuwanderung in die andere Richtung statt. Schweizer Pensionäre kamen, die ihre Rente unversteuert genießen wollen, was ihnen in Deutschland vergönnt ist. Aber erstens kamen nicht so viele wie gingen und zweitens stieg dadurch der Altersdurchschnitt in Büsingen so stark an, dass es mittlerweile die älteste Kommune Deutschlands ist - älter noch als das greise Baden-Baden.

Ein weiteres Problem, dass über Gemeinderatssitzungen wie Stammtischrunden schwebt, ist die Frage nach der Wahlberechtigung. So sind die alteingesessen Schweizer in Büsingen (der Ausländer-, sprich: Schweizeranteil im Ort liegt bei knapp 25 Prozent) von kommunalen Wahlen ausgeschlossen. Was stetigen Unmut auslöst, da sich manche als Bürger zweiter Klasse fühlen. "Zu Recht. Das ist nicht gerade demokratisch", befindet Lang. Doch sind ihm die Hände gebunden, weil bei der Landesregierung in Stuttgart oder gar in Berlin andere Themen auf der Agenda stehen als eine Wahlrechtsreform im kleinen Büsingen.

Von der "Fluwo" zur "Fewo"

Trotzdem gab es auch hier schon Zeiten, in denen die großen Linien der Politik den Ort berührten. "Das begann im Kalten Krieg", erzählt Gunnar Lang. "Vor allem Menschen mit Fluchterfahrung aus dem zweiten Weltkrieg haben sich hier kleine Häuser gebaut." Die dachten: "Wenn der 'Russe' auch im Ernstfall Deutschland überrollt, die neutrale Schweiz würde er nie angreifen." Vor allem West-Berliner - der Nähe zum Ostblock wegen - wurden auf die günstige Lage Büsingens aufmerksam und bauten sich am Ortsrand schlichte Appartements, Ferienwohnungen gleich. Lang nennt sie in der Rückschau aber "Fluwos" - Fluchtwohnungen. Glücklicherweise wurden sie dann doch nur als Ferienwohnungen genutzt. Erst standen fünf, sechs von den Häuschen aus Waschbeton auf der Wiese. Irgendwann aber kamen immer mehr aus dem Nordosten, ein regelrechter Bauboom begann und die Grundstückspreise stiegen bis auf astronomische 600 Franken pro Quadratmeter. "Dagegen mussten wir dann schließlich mit einem Baustopp angehen." Heute steht die Siedlung entlang der 'Paradiesstraße' weitgehend leer. "Nach dem Fall der Mauer und nachdem viele mit Flüchtlingserfahrung gestorben sind, machte es keinen Sinn mehr", erklärt Lang. Nur einige Schweizer Rentner zogen nun hier ein.

Schweizer sind die Wessis des Biergartens

Nach der etwas schwereren Kost empfiehlt der Bürgermeister nun ein leichtes Bier. Und weil auch heute der Sommer sich wieder in den April verirrt hat, rät er zum Besuch des "Waldheims", eines Ausflugslokals mit Biergarten, eineinhalb Kilometer außerhalb Büsingens. Dort, wo sich die Schweizer Grenze vom Hochrhein her ein Stück nordwärts windet und als gestrichelte Linie quer über den gepflasterten Boden des Biergartens läuft. Die Schweizer Plätze sind die besseren, weil sie Blick auf den träge fließenden Fluss bieten. Doch da hier weder Passkontrollen stattfinden noch scharfe Hunde diese EU-Außengrenze bewachen, lässt es sich problemlos zu ihnen überwechseln. So wie es ein Pudel macht, der unter den Tischen von einem Land ins andere springt. Scharf ist der nur auf Wurststückchen in Deutschland und Käsescheiben in der Schweiz. Büsingen. Ein fast normales Dorf.