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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Natürlich wussten wir, dass gefoltert wird

Wundert sich wirklich irgendjemand darüber, dass Folter brutal ist? Die Aufregung über den CIA-Folterbericht ist scheinheilig. Und das Auswälzen der Details Folterporno.

Von Sophie Albers Ben Chamo

"Niemand kann denken und dabei gleichzeitig zuschlagen" (Susan Sontag)

"Niemand kann denken und dabei gleichzeitig zuschlagen" (Susan Sontag)

So lange wir Mitgefühl haben, fühlen wir uns nicht als Komplize dessen, was das Leiden verursacht. Unser Mitgefühl proklamiert unsere Unschuld und auch unsere Hilflosigkeit", hat die begnadete Denkerin Susan Sontag in ihrem Essay "Das Leiden anderer betrachten" geschrieben. Deshalb wohl ist unser Mitgefühl so groß für jene, die im Rahmen des "Kriegs gegen den Terror" von der CIA gefoltert wurden. Je mehr wir uns empören, desto mehr entlasten wir uns.

Deshalb wohl baden wir in den Details, die die rund 500 freigegebenen Seiten von eigentlich 6000 liefern, um uns laut klagend darüber zu empören, wie brutal die Folter tatsächlich gewesen sei. Und geben damit zu, was wir doch eigentlich nicht zugeben wollen: dass wir natürlich wussten, dass gefoltert wird, und dass wir mit weniger brutalen Methoden einverstanden gewesen wären.

Die Frage, wo wir die Grenzen ziehen, stellen wir uns dabei nicht. Dabei sind sie längst gezogen. Sie stehen in unserem Grundgesetz ("Die Würde des Menschen ist unantastbar"), vor allem aber im Artikel fünf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, die 1948 auch auf Betreiben der amerikanischen Regierung von Vertretern von 48 Nationen unterzeichnet wurden:

"Niemand darf der Folter oder grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden."

Das ist die Grenze, die Amerika und seine Verbündeten nach den Anschlägen vom 11. September 2001 komplett gerissen haben. Es kommt darauf an, das zu begreifen, einzugestehen und danach zu handeln, anstatt sich an Folterdetails zu ergötzen, die wir ablegen werden in die schwarze Kammer unseres Wissens, in der auch all die anderen Folterberichte liegen, aus denen wir offenbar nicht gelernt haben, was schon im 18. Jahrhundert zu Anti-Folter-Gesetzen geführt hat: dass Folter zwar schnelle Geständnisse bringt, aber nicht der Wahrheitsfindung dient, da der Gefolterte naturgemäß das sagt, was der Folternde hören will. (Siehe Michel Foucault 1975 in "Überwachen und Strafen"). Zu dem Schluss kommt - oh Wunder - auch der CIA-Folterbericht.

Aber wir haben lieber Jack Bauer geguckt. Folterexperte und Held der gefeierten TV-Serie "24" des Bush-und-Kriegsunterstützer-Senders Fox, deren Ausstrahlung keine zwei Monate nach 9/11 begann. In der Jack-Bauer-Fiktion hat Folter immer wieder Amerika und die ganze Welt gerettet. In der Realität passiert das Gegenteil davon.

Zeit, die Verantwortlichen juristisch zu belangen. Zeit, aufzuhören, sich selbst so bequem unschuldig zu fühlen.

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