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Die Folgen der Entvölkerung (Teil 3): Wenn Kirchen sterben

Vor 50 Jahren gab es 1,5 Millionen Katholiken im Bistum Essen. Heute sind es noch 900.000. Jetzt sollen fast 100 Kirchen geschlossen werden, weil sowohl Gläubige als auch das Geld fehlen. In Bochum wehrt sich eine Initiative dagegen - es geht auch um den Erhalt eines Stücks Kulturgeschichte.

Von Sebastian Christ

Diese Kirche ist außer Betrieb. Sie ist eingezäunt, entsegnet und entrümpelt. Das Gestühl haben Bauarbeiter rausgebrochen, die Fenster sind blind, zum Teil eingeschlagen, und alles was rostgefährdet ist, rostet auch. Doch es gibt auch einen zweiten Eindruck von St. Marien in Bochum-Mitte, der Kirche im Ruhestand, mit ihrem 70 Meter hohen Turm aus rotem Backstein, den neugotischen Ornamenten an den Seiteneingängen, und dem ganzen Grün, das rundherum und mittlerweile auch auf dem Kirchengemäuer wächst. Die Stufen vor dem Haupteingang sind ein steinernes Blumenbeet geworden, mit Löwenzahn, verschiedenen Gräsersorten und Butterblumen. Auf 30 Metern Höhe wachsen Sträucher von der steinernen Aussichtsbalustrade. Wenn die Sonne scheint, wirkt das Gebäude wie ein eingeschlafenes Märchenschloss, das auf einen Retter wartet.

Christel Darmstadt würde sofort den stählernen Bauzaun einreißen, der die Kirche umgibt. Wenn sie nur dürfte. Seit Jahren kämpft sie für den Erhalt des Gotteshauses. Es stand einige Male schon sehr schlecht um St.Marien, und Gottesdienste wird es hier wohl nie wieder geben. Aber der Turm ragt immer noch in die Höhe. "Als ich gehört habe, dass die Kirche abgerissen werden soll, habe ich mir gesagt: Die müssen wissen, was sie hier kaputt machen wollen", sagt sie. "Wenn ich mich hier heulend auf die Stufen gesetzt hätte, wäre dadurch auch nichts anders geworden."

Katholikenschwund im Ruhrgebiet

Die Kunsthistorikerin hat deswegen die Initiative "Rettet Bochumer Kirchen" gegründet. Und es gibt viel zu tun: Allein in Bochum ist gut ein Dutzend Kirchen von den Sparplänen der katholischen Kirche betroffen. St.Marien ist da nur ein Beispiel "Den Krieg hat die Kirche kaum beschadet überlebt", sagt Darmstadt: "Der Turm ist eine richtige Stadtmarke. Er prägt die Silhouette von Bochum." Doch mehr noch als Sprengbomben und saurer Regen setzt dem Gemäuer der demografische Wandel im Ruhrgebiet zu.

Bochum gehört zum Bistum Essen, in dem 1958 noch insgesamt 1,5 Millionen Katholiken lebten. Heute sind es 900.000, was nur zum kleineren Teil mit Kirchenaustritten zu erklären ist. "Die nächsten Jahre werden wir einen weiteren Einwohnerrückgang verzeichnen. Auch die Zahl der Katholiken wird weiter abnehmen", warnte Ruhrbischof Felix Genn erst kürzlich in der "Neuen Ruhr Zeitung". Am augenscheinlichsten ist diese Entwicklung am Bischofssitz selbst. Essen war in den 60er Jahren nach Berlin, Hamburg, München und Köln die fünftgrößte deutsche Stadt mit 730.000 Einwohnern. Davon sind heute noch 580.000 übrig geblieben, bis 2020 prognostiziert die Bertelsmann-Stiftung einen weiteren Bevölkerungsschwund auf dann 550.000 Bürger. In Bochum selbst sank die Einwohnerzahl seit 1975 zwar nur um etwa neun Prozent - ein vergleichsweise niedriger Wert, die Stadt hat Zukunft. Doch durch den Bevölkerungsverlust im gesamten Bistum und Kirchensteuerausfällen in Millionenhöhe sei das Geld knapp geworden, sagt ein Sprecher der katholischen Kirche in Essen.

"Dokumente unserer Zeit"

Von den 350 Kirchen des Bistums sollen nun 96 keine Steuer- und Personalzuweisungen mehr erhalten. Spätestens mittelfristig kommt so für ein Viertel der Gotteshäuser zwischen Ruhr und Lenne das Aus.

Christel Darmstadt lässt die Argumente des Bistums nicht gelten. "Als von der großen Finanznot gesprochen wurde, hatte die Kirche schon längst wieder mehr Geld eingenommen", sagt sie. "Und wenn gekürzt werden muss: Wozu brauchen wir immer mehr kirchliche Altersheime? Oder unzählige Priesterseminare und Studentenwohnheime?" Für sie ist der Kampf um die Kirchen in Bochum nicht zuletzt auch ein geschichtlicher Auftrag. Selbst die zum Teil wenig ästhetischen Nachkriegskirchen hält sie für schützenswert. "Das sind Dokumente unserer Zeit!", sagt sie, beinahe empört. "Manche haben natürlich den Charme des Funktionalismus, aber da waren ganz hervorragende Kirchenbauer am Werk." In den 70er Jahren hat sie angefangen, die Kirchen der Stadt zu fotografieren. Daraus ist ein Buch entstanden, "Sakrale Baukunst in Bochum". In einigen Jahren wird es historischen Wert haben.

Abriss von 20 Kirchen?

Das Bistum hat bereits begonnen, erste Kirchen abzureißen. Drei sind es bisher, und es könnte nach verschiedenen Schätzungen noch bis zu 17 weitere Gotteshäuser dasselbe Schicksal ereilen. Viel Zeit bleibt nicht mehr, die Gemeindereform ist bereits angelaufen. Für St.Marien gab es ähnliche Pläne. Doch die sind mittlerweile vom Tisch. Da es aber noch keine neue Nutzung für die 136 Jahre alte Kirche gibt, verfällt sie nach und nach. Der Zutritt auf das Grundstück ist mittlerweile untersagt, Steinschlaggefahr. Vor dem Bauzaun bleiben immer wieder Touristen stehen und wollen sich das Gemäuer aus der Nähe betrachten. Keine Chance. Das Inventar wurde bereits nach Donezk in die Ukraine verschenkt, wo es in einem Kirchenneubau Verwendung gefunden hat.

Sakralbauten sind schwierig zu vermitteln: teure Heizkosten, markante Architektur. Ein Veranstaltungssaal würde passen, aber mittlerweile gibt es mehr stillgelegte Kirchen als Bedarf für Gemeinschaftseinrichtungen. Die Initiative beauftragte einen Architekten, der ein Konzept für einen Konzertraum entwickelt hat. Der Chor soll vom Kirchenschiff getrennt werden, so könnte wenigstens ein Teil des Baus weiter genutzt werden. Bisher konnte der Plan nicht jedoch verwirklicht werden.

Aus dem Helm des Kirchturms von St.Marien wächst mittlerweile ein Baum, der jetzt im Sommer grüne Blätter trägt. Ein Symbol des Lebens. Oder?