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13. Februar 1945: Wie eine 17-Jährige die Angriffe auf Dresden und den Einsturz der Frauenkirche erlebte

Christa Kittel war als 17-Jährige Zeugin der Angriffe vom 13. und 14. Februar 1945 auf Dresden. Ihr Sohn schreibt heute, 75 Jahre nach den Bombenangriffen, was der Teenager damals erlebte. Und wie die Schülerin erst am 15. Februar begriff, was wirklich geschehen war.

Von Olaf Kittel

75 Jahre nach Bomberstaffel-Angriff: Überlebende von Luftangriff auf Dresden: "Ich habe gezittert, alles zitterte an mir"

Vor 75 Jahren wurden bei den Luftangriffen alliierter Bomber auf Dresden bis zu 25.000 Menschen getötet. Die Altstadt wurde fast völlig zerstört, berühmte Bauten wie Zwinger und Frauenkirche brannten aus. Die "Sächsische Zeitung" hat den Angriffen vom 13. und 14. Februar 1945, den Folgen und dem Gedenken eine ganze Zeitungsausgabe und aufwändige Multimedia-Beiträge gewidmet. Dieser Text, den wir freundlicherweise auch bei stern.de veröffentlichen dürfen, ist ein Teil dieser Dokumentation. Ein Dresdner schildert, wie seine Mutter damals jene Tage im Februar erlebte.

Der 13. Februar 1945 begann ziemlich normal. Christa war am Vormittag in der Schule. Die 17-Jährige stand wenige Wochen vor den Abiturprüfungen, für die letzte Schulklasse fand der Unterricht im letzten Kriegswinter noch halbwegs geordnet statt. Allerdings hatte sie sich wenige Tage zuvor beim Sport den Arm angebrochen und musste nun mit dem Gips klarkommen. Nachmittags beobachtete sie Kinder auf dem Martin-Luther-Platz, die an diesem Faschingsdienstag in ihren Kostümen herumtobten und Luftschlangen warfen. Die gab es manchmal noch zu kaufen.

Christa Kittel weiß das 75 Jahre später alles noch ziemlich genau, so wie spätere Generationen exakt sagen können, was sie am Tag des Mauerfalls getan haben. Dieser 13. Februar 1945 und die beiden darauf folgenden Tage haben sich tief ins Gedächtnis der heute 92-Jährigen eingebrannt und ihr Leben geprägt. Dies hier ist die Geschichte meiner Mutter.

Die Reste der Frauenkirche nach dem Bombenangriff amerikanischer und britischer Flugzeuge auf Dresden am 14. Februar 1945

Die Reste der Frauenkirche nach dem Bombenangriff amerikanischer und britischer Flugzeuge auf Dresden am 14. Februar 1945. Bei dem Angriff wurde die historische Innenstadt von Dresden nahezu völlig zerstört, viele tausend Menschen wurden getötet.

Ein Teenager aus der Dresdner Neustadt

Christa wohnte in der Dresdner Neustadt mit ihren Eltern und der Oma. Die Mutter wollte immer noch an den Endsieg glauben, der Vater, der die Familie als Vertreter mühsam ernährte, tat das nie. Ihm konnte man nichts erzählen, er hatte die französischen Schützengräben im Ersten Weltkrieg überlebt. "Psst, sei still, die holen dich sonst ab", bekam er im Familienkreis regelmäßig auf seine Kritik an den Nazis zu hören.

Abends, Christa war gerade zu Bett gegangen, gingen die Sirenen los. Fliegeralarm, es muss nach 21.30 Uhr gewesen sein. Ziemlich träge kleidete sich die Familie an, zu oft hatten sie das schon erlebt, nie war etwas passiert. Doch diesmal kam aus dem Radio, anders als sonst, eine klare Botschaft: Achtung, Achtung, starke Bomberverbände fliegen auf Dresden zu.

Christa Kittel hat diese Warnung noch heute im Ohr. Die Familie verstand sofort, dass es ernst wird, Hektik brach aus. Die Verdunkelung der Fenster wurde noch mal überprüft, ein paar warme Sachen mitgenommen, dann schnell in den Keller. Im langen Gang vor den Kellerboxen, weit genug von den Fenstern entfernt, versammelten sich die Hausbewohner, setzten sich auf ihre Kisten und alten Stühle, wie seit Monaten schon oft. Aber noch nie war ihnen so bang. Nach 22 Uhr hörten sie in der Ferne dumpfe Einschläge. Die Erde bebte.

Nach der Entwarnung rannten alle in ihre Wohnung, um zu sehen, was passiert war. Nichts. Auch draußen war nichts zu sehen, alles dunkel. Alle gingen wieder ins Bett. Aber schon nach ein Uhr in der Nacht kam der nächste Fliegeralarm. Alle wieder in den Keller. Diesmal waren deutlich mehr Einschläge zu hören, einige auch in der Nähe. Später dann wieder in der Wohnung sahen sie durchs Fenster, wie eine kleine Hinterhoffabrik in Flammen aufgegangen war, sie stellte Ski her. Das dazugehörige Holzlager brannte wie Zunder. Das Feuer griff auf die Wohnhäuser in der Martin-Luther-Straße über.

Der Vater bewahrte das Wohnhaus vor einem Brand

Am nächsten Morgen schienen die meisten Häuser der Umgebung unbeschädigt geblieben zu sein. Allerdings wurden jetzt erst kleine Brandbomben entdeckt, die nachts durch Fenster und auf Dächer geflogen waren und nun dort schmorten. Auch auf ihrem Dachboden fanden sie Brandbomben. Christas Vater warf sie mit einer Schaufel durch eine Dachluke auf die Straße und rettete damit das Wohnhaus.

Dann trafen die ersten Familienmitglieder am Luther-Platz ein, die aus der Innenstadt geflohen waren. Ein Onkel und eine Tante, sie wohnten hinter dem Hauptbahnhof, ein weiterer Onkel kam von der Fetscherstraße. Auch eine Freundin der Mutter floh mit ihrer Tochter von der Bautzner Straße, wo sie ausgebombt wurden. Alle waren rußgeschwärzt, mit verbrannter Winterkleidung auf dem Leib. Sie hatten außer ein paar Habseligkeiten alles verloren und baten um Unterkunft. Erst durch ihre Berichte erfuhr die Familie von den beiden Angriffswellen, dem Feuersturm, den vielen Toten, dem ganzen Ausmaß der Katastrophe in der Innenstadt. Von nun an und für lange Zeit lebten sie zu acht in der Wohnung.

Der 13. Februar sollte Christa Kittels letzter Schultag gewesen sein

Am Morgen des 15. Februar wollte Christas Mutter zum Zoo im Großen Garten, dort war sie kriegsdienstverpflichtet. Spätestens drei Tage nach einem Luftangriff hatte sie sich in ihrer Arbeitsstelle zu melden. Mutter und Tochter zogen los, es muss zwischen 8 und 9 Uhr gewesen sein. Zu Fuß, Straßenbahnen fuhren ja nicht mehr. An der Ecke Lutherstraße/Bautzener Straße sahen sie, dass zwar alle Häuser noch standen, aber in einigen brannte es. So auch in einem Bürohaus, früher ein Hotel, das den Großeltern gehörte.

In der Karlstraße, heute Lessingstraße, gingen sie am zerstörten Haus ihres Arztes vorbei, der gerade noch ihren Arm eingegipst hatte. Weiter wollten sie zu ihrer Schule in der Weintraubenstraße, heute das Gymnasium Romain Rolland. Aber sie kamen nicht durch, alle Straßen dahin waren abgesperrt. Erst später erfuhr Christa, dass der Erlweinbau zwar getroffen, aber "nur" die oberste Etage zerstört war, ein großes Nebengebäude allerdings auch.

Auch erst später wurde klar, dass der 13. Februar 1945 ihr letzter Schultag gewesen war. Der Schulbetrieb wurde für lange Zeit nicht wieder aufgenommen, an das Abi war nicht zu denken.Wegen der Straßensperrungen gingen die beiden Frauen direkt an die Elbe und durch den Rosengarten zur Alberbrücke. Bisher hatten sie zwar einige Zerstörungen gesehen, aber kein Gefühl für die große Katastrophe bekommen. Dies änderte sich zunächst auch nicht, als sie von der Alberbrücke die Silhouette der historischen Altstadt sahen. Qualm hüllte sie ein, aber alle Türme standen, auch die große Kuppel der Frauenkirche war deutlich zu sehen. So schlimm kann es also gar nicht gewesen sein, so ihr Eindruck.

Verbrannte Leichen lagen noch auf dem Fußweg

Am Sachsenplatz änderte sich das Bild. Schon hier waren viele Gebäude getroffen, einige brannten noch, so auch die Kunstakademie, in der Christa eigentlich mal studieren wollte. Was wirklich in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar keine zwei Kilometer von ihrer Wohnung entfernt geschehen war, konnten sie nun in der Güntzstraße sehen, die zum zentralen Stübelplatz, dem heutigen Straßburger Platz, führt. Alle Häuser waren von Bomben getroffen, die Fassaden rußgeschwärzt, die Fenster zersplittert, die Bäume zerzaust. Auf den wenigen Hundert Metern bis zum Platz kamen sie an drei verbrannten Leichen vorbei, die in unnatürlich gekrümmter Haltung noch immer auf dem Fußweg lagen. Eine Straßenbahn stand in der Güntzstraße, scheinbar unversehrt. In einem der sonst leeren Wagen saß eine junge Frau aufrecht in ihrem Wintermantel mit Pelzkragen. Es waren die ersten Toten, die Christa in ihrem Leben sah.

Kuppel der Dresdner Frauenkirche stürzt ein

Am Stübelplatz angekommen, wollten sie gerade über die Kreuzung und weiter durch den Großen Garten, als es einen dumpfen Knall gab, eine schwarze Wolke aufstieg und sie - so ihre Erinnerung - eine Druckwelle erfasste. Die Frauen klammerten sich an einen Straßenbaum, es regnete Ruß und Sand vom Himmel. Was war das? Die logischste Erklärung erschien ihnen, dass ein neuer Bombenangriff begonnen hatte. Augenblicklich machten sie kehrt, nur rasch wieder heim. In schnellen Schritten zurück über die Güntzstraße, den Sachsenplatz wieder auf die Albertbrücke. Etwa in der Mitte der Brücke sahen sie, was den dumpfen Knall und die schwarze Wolke ausgelöst hatte: Die Kuppel der Frauenkirche war eingestürzt, die Altstadt eingehüllt in eine dichte Staubwolke. Jetzt, erst jetzt flossen Tränen.

Als sie gerade weiter nach Hause wollten, überholte sie ein kleiner Lkw-Konvoi stadtauswärts. Auf den Ladeflächen Berge von Leichen, viele verbrannt, Arme hingen von den Ladeflächen. Die 17-Jährige versuchte noch, die Mutter abzulenken, um ihr den Anblick zu ersparen. Eine Schockreaktion.

Sie kamen schließlich unbeschadet wieder daheim an. Aber verändert. Die beiden Frauen hatten soeben das Grauen des Krieges erlebt, das ihr Dresden erreicht hatte und das künftige Leben prägen würde.

Angst vor der Rache der Alliierten

Für die erste Schlussfolgerung hatte noch die Nazi-Propaganda gesorgt: Der Familienrat beschloss, dass die Frauen in eine kleine Wohnung in Gostritz am äußersten Stadtrand ziehen sollten, sicherheitshalber. Denn: Die Rache der Alliierten würde furchtbar sein, die der nahenden Russen ganz besonders. Der Zufall wollte es, dass dann ausgerechnet im Haus gegenüber der Fluchtwohnung eine sowjetische Kommandantur einzog. Den Frauen geschah nichts.

Im Frühjahr dann, schon im Frieden, schob die musisch Begabte die Abipläne endgültig beiseite, half erst, Trümmer zu beseitigen, und verdiente dann lieber ihr eigenes Geld, als wie viele ihrer Klassenkameradinnen ein Jahr später die Abiprüfungen nachzuholen. Sie wurde Sängerin in einem philharmonischen Chor. Später gründete sie ihre eigene Familie. Jahrzehntelang und bis ins hohe Alter führte sie Touristen durch Dresden und die großen Museen der Stadt.

Für Christa Kittel war es immer "mein Dresden"

Viele Gäste schätzten ihren Vortrag, weil er nicht nur Fakten vermittelte, sondern auch lebensnah und emotional von der Zerstörung der Stadt und ihrem Wiederaufbau zu berichten wusste. Viele Reiseveranstalter buchten gerade sie. "Mein Dresden" gehört zu Christa Kittels am meisten gebrauchten Wendungen. Niemand zweifelte je an dieser Bindung.

Mit großem Unverständnis hat sie auf die Neonazi-Demos am 13. Februar reagiert, auch mit den linken Gegendemos konnte sie nichts anfangen. Wie viele andere Dresdner wollte sie am 13. Februar ungestört gedenken, dem jährlichen Glockengeläut um 22:03 Uhr lauschen. Das Gedenken mit Kerzen vor der Frauenkirche und die Menschenkette sind ihr bis heute nah. Besonders an diesem Tag sagte sie dann stets einen Satz, der aus ihrem Munde alles andere als nach einer Binse klingt: "Kinder, bloß nie wieder Krieg.

Quellen: Artikel der "Sächsischen Zeitung", Themenseite der "Sächsischen Zeitung"


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