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Schlag 12 - der Mittagkommentar aus Berlin: Der Tod steht ihnen gut

Jeder Katastrophe folgt der Kampf um das beste Bild. So auch jetzt wieder beim Erdbeben in Nepal. Damit wir hingucken, muss sogar das Sterben gut aussehen. Was ist los mit uns?

Ein Kommentar von Sophie Albers Ben Chamo

In der nepalesischen Stadt Kathmandu bergen Rettungskräfte einen Mann aus einem zusammengestürzten Haus.

In der nepalesischen Stadt Kathmandu bergen Rettungskräfte einen Mann aus einem zusammengestürzten Haus.

Die Komposition ist perfekt: Die verschiedenen Bildtiefen sind elegant verbunden, geborstener Beton, gerahmt von Arm und Bein zweier Bergungshelfer. Auf die nächste Ebene gezogen von einem unscharfen Kopf über einen Oberkörper mit blauem Helm folgen wir dem Blick nach unten zu einem Pfeiler, der Mittelpunkt des Bildes ist. An den klammert sich ein Mann, halb verschüttet, offenbar in Schmerzen um sein Leben ringend. Neben ihm, mit ihm ein toter Mensch, ganz nah, ganz still im Staub. Wie ein Gemälde wirkt dieser zu einem Foto gefrorene Blick auf Opfer des Erdbebens in Nepal. Einer hat es geschafft, der andere nicht.

"Leben und Tod in einem Bild" titelt das "Time"-Magazin und feiert diesen ästhetischen Volltreffer. Die Agentur AFP bietet es als "Topshot" an, als eines der besten Bilder zum Thema. Warum fühlt sich das alles so falsch an?

"Quälend schön"

Katastrophen gehören seit jeher zum Alltag des Nachrichtengeschäfts. Treten sie ein, werden wir überschwemmt mit unbewegten und bewegten Bildern. Da muss es schon besonders sein, damit wir überhaupt richtig hingucken. Nicht zu heftig, lieber was fürs Auge. Ästhetik verpackt den Schock, dämpft das Entsetzen, schafft noch mehr Distanz, die den Blick aus der Sicherheit auf das Chaos erträglicher macht.

Wie auch schon im Mai 2013. Nachdem in Bangladesh eine Billig-Klamotten-Fabrik einstürzte und 1127 Menschen in den Tod riss, ging ein Foto um die Welt, das ganz ähnlich funktionierte wie das der Verschütteten in Nepal: Inmitten von Trümmern und Tod hält ein toter Mann eine tote Frau umschlungen. Taslima Akhter hat mit der Aufnahme unter anderem einen World-Press-Fotopreis gewonnen. "Dieses Bild ist zum einen zutiefst verstörend, zum anderen quälend schön", sagte sie. "Eine Umarmung im Tod, diese Zärtlichkeit steigt aus dem Schutt auf und berührt uns, wo wir am verwundbarsten sind."

Welche Zärtlichkeit eigentlich? Was soll diese Poesie über das brutale, sinnlose Ende von Leben?

Aber gut sieht es aus

Die Toten sind längst Spielfiguren unserer Fantasie geworden. Die ästhetische Form steht über dem tragischen Inhalt ihres Sterbens. Denn weder bei den beiden Männern in Nepal, noch bei dem "Paar" in Bangladesh wussten wir, wer diese Menschen waren, in welcher Beziehung sie zueinander standen. Wir benutzen sie, um uns von Katastrophen noch mehr zu distanzieren, die uns meist sowieso nicht wirklich berühren. Zu weit weg, zu fremd, zu egal. Und jetzt zum Sport.

Der Blick ist schon so weit entfremdet, dass wir ästhetische Ansprüche an die Dokumentation von Schrecken stellen. Die Kette reicht vom Fotografen, der das Bild schießt, über die Medien, die es verbreiten (davon ist der stern nicht ausgenommen) bis zum Rezipienten, der es betrachtet.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach: "Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden", heißt es im Pressekodex des Deutschen Presserats.

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