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Erziehung: Gefährlichste Kinderkrankheit: Eltern

Im Streit um mehr Kindergartenplätze ist meist von Elternrechten die Rede. Viel wichtiger ist jedoch das Wohl der Kinder. Und darum ist es nicht gut bestellt. In Deutschland herrscht akuter Erziehungsnotstand. Diskutieren Sie mit im stern.de-Forum.

Von Walter Wüllenweber

Je nach Studie haben bei der Einschulung 30 bis 40 Prozent der Kinder "Sprachkompetenz-Defizite" und brauchen dringend Förderung oder gar Therapie. Ein gutes Drittel der Kinder kann sich nicht richtig bewegen. Über die Hälfte der Schulanfänger in Nordrhein Westfalen haben beim Schuleingangstest einen medizinischen Befund: meist Übergewicht, Haltungsschäden oder schlechte Zähne. Fast 15 Prozent aller Fünf- bis Neunjährigen haben so gravierende Entwicklungs-Rückstände, dass sie eine der Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie.

Sorry, es kommen noch mehr Horrorzahlen: Der Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung nennt Bewegungsmangel, Übergewicht und Verhaltensstörungen "die neuen Kinderkrankheiten". Allein über zwölf Prozent der Jungen sind verhaltensgestört. Kein Wunder also, dass sich die Zahl der Praxen für Kinder- und Jugendpsychiater seit dem Jahr 2000 verdoppelt hat. Unzählige Kinder wachsen zudem unter erschwerten Bedingungen auf: Drei Millionen leben in Familien mit Suchtproblemen. 15 Prozent werden häufig und heftig geschlagen. Und in der vergangenen Woche meldete Unicef, dass nur 40 Prozent der Eltern von 15-Jährigen mehrmals in der Woche mit ihren Kindern sprechen.

Seit vielen Jahren verfasst Prof. Klaus Hurrelmann die Shell Jugendstudie, die umfassendste Untersuchung der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. "Wenn man alles zusammenfasst, gibt es keinen Zweifel: Ein gutes Drittel der Eltern in Deutschland sind mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Und ihr Anteil wächst."

Keine Chance ohne Sparchförderung

Was bedeutet es, wenn Eltern überfordert sind und ihr Kind in der entscheidenden Entwicklungsphase vor der Schule nicht richtig fördern? Wer zum Beispiel zu Schulbeginn nicht richtig sprechen kann, wird kaum dem Unterricht folgen können, hat nur eine winzige Chance, die Schule erfolgreich abzuschließen, wird nur mit Lotto-Glück einen Beruf erlernen können. Die heutige Arbeitswelt - und erst recht die der Zukunft - hat für so jemanden nur eine Rolle als Almosen-Empfänger zu bieten. Nicht richtig sprechen zu können, ist für Kinder die Höchststrafe. Urteil: lebenslänglich.

Die Mehrheit der engagierten, kompetenten Eltern können ihre Kinder notfalls auch alleine auf das Leben vorbereiten. Sie brauchen den Staat und seine Institutionen nicht. Doch eine erschreckend große und stark wachsende Minderheit sind ihren Aufgaben als Eltern nicht gewachsen. Sie - und vor allem ihre Kinder - sind auf die Hilfe des Staates existenziell angewiesen. Sie brauchen dien Staat als Erzieher.

Kein Land kann es sich leisten, die Entwicklungschancen von einem Drittel seiner Kinder nicht zu fördern - weder moralisch noch ökonomisch. Die effizienteste Methode Kindern zu helfen, ist der Kindergarten, denn in den ersten Lebensjahren wird die Basis für den Spracherwerb und für die gesamte Lernfähigkeit eines Menschen gelegt. Die Schulpflicht ermöglicht es allen Kindern, lernen zu dürfen, egal wer ihre Eltern sind. Doch die Pflicht des Staates zur Förderung der Kinder setz erst ein, wenn die entscheidende Entwicklungsphase fast vorüber ist. Wer also für die Schulpflicht ist, muss auch die Pflicht zur Förderung der Kinder im Kindergarten unterstützen.