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Fischer wird 60: Der oliv-grüne Machtpolitiker

Er war der heimliche Leitwolf der Grünen und ihr Aushängeschild. Er schaffte es vom Schulabbrecher bis zum Vize-Kanzler. Doch Joschka Fischer, der am Samstag 60 wird, warf das Grundprinzip seiner Partei skrupellos über Bord. Und das nur für ein Ziel: Macht.

Eine Abrechnung von Arno Luik

Joschka Fischer - Tusch! Tusch! Und noch mal ein Tusch! - wird heute 60 Jahre alt. Und er sieht sehr zufrieden aus, scheint mit sich und der Welt im Reinen zu sein, er ist heute wieder etwas fülliger als vor ein paar Jahren, eine junge Frau ist an seiner Seite, gerne kocht er mit ihr, ja, Joschka Fischer, Metzgersohn aus dem schwäbischen Gerabronn, der einige Zeit lang sein Leben mit Buchdiebstählen finanzierte - ist nun ein Staatsmann im Ruhestand, sehr angesehen allüberall.

Er, der die Schule abgebrochen, kein Abitur, kein Studium absolviert, keinen Berufsabschluss hat, der ein bisschen Taxi gefahren ist, Filmstatist war, jahrelang nicht wusste, was aus ihm werden sollte, "zur Erleuchtung" im Wald Pilze sammelte, hat allen Grund zufrieden zu sein. Er ist Minister a.D. und hat überdies - zumindest für ein paar Monate - an der amerikanischen Elite-Universität Princeton gelehrt. Joschka Fischer - das ist eine deutsche Karriere der ganz besonderen Art.

Joschka Fischer kann im Blick zurück stolz auf sich sein. Kann er das wirklich?

Ein Rabauke, der gerne rumbüllte

Zum ersten Mal habe ich Fischer in den späten 70ern, frühen 80ern des vorigen Jahrhunderts erlebt, als einen, der gern rumbrüllte, der in einer abgewetzten Lederjacke mürrisch rumhing; ein Rabauke, der damals gegen die Startbahn West in Frankfurt agitierte - mit krächzender, knarrender Stimme, einer Vollversammlungsstimme bei der selbst Banalitäten aufwühlend pathetisch klingen. Wer anderer Meinung war, wer vom Ziel des revolutionären Kampfes auch nur einen Millimeter abzuweichen drohte, den versuchte er niederzubügeln, zu diffamieren; stalinistisch war sein Verhalten - wer nicht für ihn war, war nicht sein Gegner, nein, er war sein Feind.

Es waren jene Jahre, in denen Fischer dem Staat, der Gesellschaft den Kampf erklärt hatte, in denen er kräftig zuschlug, mit Steinen bei Demos um sich warf, in den Wäldern bei Frankfurt mit seiner "Putztruppe" den revolutionären Kämpf übte, das Attackieren von Polizisten, das Zurückschlagen, und Dinge schrieb wie: "Es ist erwiesen, dass bei den Nato-Truppen, auch bei der Bundeswehr und teilweise auch beim Grenzschutz, systematisch geübt wird, was zum Einmaleins des Militärs im Kapitalismus gehört...: Folter."

Im Herbst 1994 traf ich Joschka Fischer für ein langes Gespräch in seiner Frankfurter Wohnung. Über seine militante Vergangenheit wollte er nicht reden, nicht über seine Schlägereien, nicht über die Molotovcocktails auf einen Polizeiwagen, nicht über seine jahrelange Perspektivlosigkeit, auch nicht darüber, wie er es geschafft hatte, die grüne Partei, deren Gründer er lange Zeit verhöhnt hatte, nach und nach - mit Hilfe seiner Putztruppe - zu übernehmen.

Fischer will Macht. Und die mit aller Macht

Joschka Fischer hatte damals, 1994, ein klares, neues Ziel: Er wollte unbedingt in die Regierung, und dafür musste er seine Vergangenheit neu erfinden. Ich habe viele Gespräche mit Politikern geführt - aber bei niemandem war es so schwierig, ein Gespräch abgesegnet zu bekommen. Der Minister in spe, er wollte, er musste, die Widersprüche seines Lebens ausradieren. Er musste sich neu erfinden. Seine Politik. Seine Figur. Er sah sich damals schon als ein Großer der Geschichte, der sich um seinen korrekten Nachruf sorgte.

Joschka Fischer ist ein simpler Mann. Er tickt extrem einfach. Er will Macht. Und die mit aller Macht. Wichtig sein. Man muss sich nur jenes Bild in Erinnerung rufen, als er das erste Mal auf der Regierungsbank in Berlin saß: Er konnte, so sehr er sich auch mühte, sein Triumphlächeln nicht unterdrücken.

Mitmachen, dabei sein, oben sein - das ist Joschka Fischer, dafür müht er sich. Und dass ihm das so perfekt gelang, dafür hat Joschka Fischer eine besondere Gabe: Wenn er eine Meinung hat, dann hat er sie tausendprozentig. Und keine Selbstzweifel, keine Skrupel, das gibt ihm Kraft. Und wenn er seine Meinung ändert, was häufig geschieht, dann ändert er sie wieder tausendprozentig. Und tritt markig für eine Politik ein, die er kurz zuvor markig verurteilt hat.

Ein kleiner Exkurs: Im August 1995, er saß frustriert in der Opposition, war Joschka Fischer noch gegen die Beteiligung deutscher Truppen in Ex-Jugoslawien - wegen der deutschen Geschichte. Ein paar Jahre später, nun als Außenminister, kämpfte er vehement für den deutschen Truppeneinsatz - eben wegen der deutschen Geschichte. Wegen Auschwitz, "um ein neues Auschwitz" zu verhindern.

Auschwitz und Faschismus als Begründungen für Krieg - auf diese Idee musste ein Deutscher erstmal kommen! Aber nichts dokumentiert konkreter Fischers unbändige Lust auf, ja seine skrupellose Gier nach Macht: Es waren nicht die Konservativen, nein, es war dieser Joschka Fischer, Chef einer Partei, die aus anti-militaristischem Gedankengut entstanden war, der die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg, Lehren, die von allen Politikern aus allen Lagern proklamierte Formel "Nie wieder Krieg!" hinwegwischte.

Aber um an der Macht zu bleiben, schaffte Joschka Fischer wahrhaft Heroisches. Sein Meisterstück lieferte er am 16. November 2001 ab: Dort, mit der Abstimmung über den Afghanistan-Einsatz, verwandelte er eine pazifistische Partei in eine Kriegspartei, in eine Partei, die plötzlich heftig verteidigte, was sie gestern heftig bekämpft hatte. Nun führte sich die oliv-grüne Fischer-Partei auf, als wäre sie zum Schirmherrn der Militärs mutiert.

Das grüne Prinzip Hoffnung zerstört

Joschka Fischer ist ein Realpolitiker. Dafür wird er gelobt. Für seine realpolitische Machtpolitik hat er stets einen Satz parat, mit dem sich alles, aber auch wirklich alles rechtfertigen lässt. Fischers Credo: "Man muss die Welt nehmen, wie sie ist."

Man muss die Welt nehmen, wie sie ist, das hat der italienische Schriftsteller Ignazio Silone auch mal geschrieben und hinzugefügt: "Nur muss man sie nicht so lassen, wie sie ist." Und das, genau das, war aber der Grund, weshalb die Grünen mal gegründet wurden: das Prinzip Hoffnung.

Joschka Fischer hat es zerstört. Dafür wurde er aber Außenminister eines mächtigen Landes. Dafür ist er nun hoch angesehen und hoch verehrt, vor allem bei jenen, die er früher verachtet hat.

Nur: Wen sieht Joschka Fischer, wenn er abends in den Spiegel blickt? Einen Helden? Oder einen Opportunisten?