Forschung Der genetische Zeitplan des Lernens


In den ersten zwölf Lebensjahren wird das Gehirn grundlegend geformt. In dieser Zeit lernen Kinder besonders leicht.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr - was der Volksmund schon lange weiß, hat die moderne Wissenschaft belegt. Das menschliche Gehirn durchläuft entscheidende Entwicklungsphasen, in denen die Gehirnzellen auf bestimmte Reize angewiesen sind, um Fähigkeiten aufzubauen. In diesem Zusammenhang wird oft von Entwicklungsfenstern oder kritischen Phasen gesprochen, in denen wir besonders leicht und schnell von unserer Umgebung lernen. Werden diese Perioden verpasst, kann ein Kind im jeweiligen Bereich kaum noch dieselbe Leistungsfähigkeit erreichen wie andere Kinder. Wann sich welches Fenster allerdings öffnet, ist von Kind zu Kind unterschiedlich und sollte nicht forciert werden. Als grobe Richtschnur gilt:

In den

ersten drei Lebensjahren

werden die Grundlagen für das Denken, Sprechen und Fühlen gelegt. Scheinbar ohne Anstrengung eignen sich die Kleinen bis zu 30 Wörter täglich an und sind in der Lage, die Laute einer jeden Fremdsprache zu imitieren. Auch die Musikalität entwickelt sich jetzt rasant. Schon wenige Monate alte Babys können zwischen harmonischer und dissonanter Musik unterscheiden.

Mit etwa

zwei Jahren

klappt das Fenster auf, das uns zu sozialen Wesen macht. Im Gehirn formt sich ein Ich-Bewusstsein, Mitgefühl entwickelt sich. Erst ab einem Alter von drei, vier Jahren ist es aber so weit gereift, dass es über ein Langzeitgedächtnis verfügt. Der Grund, weshalb sich kaum einer an Erlebnisse vor der Kindergartenzeit erinnern kann. Mit sechs beginnt dann eine neue Phase der intellektuellen Reife. Wir können unsere Gefühle stärker kontrollieren, die Konzentrationsfähigkeit steigt. Logisches Denken, Rechnen und "vernünftiges" Verhalten sind jetzt möglich. Mit dem

zehnten bis zwölften

Lebensjahr tritt dann zunehmend das Prinzip "Use it or lose it" (Benutze es oder verliere es) in Kraft. Das Gehirn wird optimiert, häufig gebrauchte neuronale Verbindungen werden gefestigt, andere verschwinden. Eine neue Sprache kann jetzt nur noch in Ausnahmefällen akzentfrei beherrscht werden.

Allerdings schließt sich so gut wie kein Zeitfenster irgendwann vollständig. Auch im Alter können wir noch ein neues Musikinstrument erlernen. Nur fällt es immer schwerer.

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