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Freispruch für Wulff: Leider Männersache

Wulff ist freigesprochen. Er trägt keine Schuld. Aber männliche Journalisten treten trotzdem nach - weil sie nicht verlieren können. Über das Testikel-Problem medialer Wahrnehmung.

Ein Kommentar von Ulrike Posche

Christian Wulff ist freigesprochen worden. War's das? Nein, natürlich war's das nicht. Jetzt, wo der Fall nach Recht und Gesetz erledigt ist, kommen die Nachtreter mit dem "ja, aber". Sie kommen uns jetzt mit der Moral. "Moralisch hat Wulff versagt." Sie kommen mit der Würde. Wulff sei des hohen "Amtes nicht würdig" gewesen! Moral? Würde?

Der "Fall Christian Wulff" ist kein schlimmer Fall von "Rudel-Journalismus", wie mein Kollege Uli Jörges es genannt hat. Er ist auch keine bloße "Medienaffäre". Der "Fall Wulff" ist ein krasser Fall von aus den Testikeln geratenem Männer-Journalismus.

Wie Terrier in Wulff verbissen

So war es während der Affäre. So ist es nach dem Urteil. Wohin man heute liest, kommentieren Männer die Causa Wulff! Und die können einfach nicht verlieren. Die wollen nicht aufgeben. Die wollen Genugtuung. Und nicht allein Recht und Gesetz. Für die ist erst Schluss, wenn das Bobby-Car tot in der Spree treibt.

Denn selbst als sie Wulff schon auf dem Boden hatten da haben sich die Herren Reporter, Rechercheure, Kolumnisten und Bewerter noch in ihn verbissen. Wie Terrier in einen Hetzärmel. Sie haben viel dafür getan, dass der Mann nach dem Amt auch noch seine Würde verlor. Und von der Moral wollen wir gar nicht erst reden. Denn wie könnte es sonst sein, dass dieselben Journalisten, die bei Christian Wulff moralische Verfehlungen ("Schnäppchenjäger") ausmachten, bei - sagen wir - CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer alle Augen zumachten? Und stets nach dem "A Hund is er scho"-Prinzip auf Seehofers Privatsphäre verwiesen, als er auch in Berlin Vater geworden war.

Dagegen-Journalisten gesucht

Einmal rief die Redaktion von "Menschen bei Maischberger" an, um zu einer Wulff-Runde einzuladen. Sie suchte Journalisten, die dagegen waren. Also gegen Wulff. Mit Nicht-dagegen-sein konnte man keinen Blumentopf gewinnen.

Die Kollegin einer noblen Sonntagszeitung porträtierte Christian Wulff kurz bevor die Affäre ausbrach. Sie fand ihn als Präsidenten ganz gut. Das Porträt erschien nie. Es passte nicht zur Linie ihrer Kollegen.

Und was folgt daraus?

Blick auf den Menschen

Vielleicht, dass wir die großen Themen künftig nicht mehr allein den (kleinen) Jungs überlassen. Dass wir nicht ihnen allein die Deutungshoheit über das Wichtige und das Politische in den Zeitungen und Zeitschriften abtreten. Journalistinnen - und das ist meine Beobachtung - beschreiben nämlich meistens auch den Menschen. Und nicht bloß den Mann.

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