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Schlag 12 zum G7-Treffen der Finanzpolitiker: Griechenland hätte auf die Tagesordnung gehört

Bei ihrem Treffen in Dresden hätten die G7-Finanzminister und Notenbankchefs grundsätzlich über Griechenland reden können, sogar müssen. Aber sie haben sich nicht getraut.

Von Andreas Hoffmann, Dresden

Sie waren alle da - die Finanzminister der G7-Staaten und die Notenbankchefs. Aber über Griechenland - das vermeintlich wichtigste Thema derzeit - stand nicht auf der Tagesordnung.

Sie waren alle da - die Finanzminister der G7-Staaten und die Notenbankchefs. Aber über Griechenland - das vermeintlich wichtigste Thema derzeit - stand nicht auf der Tagesordnung.

Kennen Sie die Geschichte vom Elefanten in Wohnzimmer? Jeder Brite kennt sie. Sie geht so: Eine Familie sitzt beisammen, redet über dies und das, bis einer sagt: "Da sitzt ein Elefant im Zimmer." Ein Elefant im Wohnzimmer? Das kann nicht sein, und so redet die Familie einfach weiter. Es ist eine herrliche Metapher, die die Briten gefunden haben; es gibt ein wichtiges Problem, aber keiner will darüber reden.

Warum wir das so ausführlich erzählen?

Weil sich das Elefanten-Bild aufdrängt, wenn man das G7-Treffen in Dresden beobachtet hat. In diesen drei Tagen redeten die Finanzpolitiker und Notenbankchefs der wichtigsten Industriestaaten über alles Mögliche, nur über das, was die ganze Welt interessiert, über Griechenland und wie es weitergeht, wollten sie partout nicht reden. Jedenfalls nicht offiziell auf der Tagesordnung. Natürlich war Griechenland dennoch ein Thema, in den Pausen, auf den Fluren, bei Hintergrundgesprächen mit Journalisten.

Die Gelegenheit war günstig

Doch mit diesem verdrucksten Vorgehen haben die G7-Finanzminister eine Riesenchance verpasst. Sie hätten mit einer Grundsatzdebatte beweisen können, dass sie mehr sind als Zahlenzwerge und Haushaltsknechte, und vielleicht hätten sie den Verhandlungen neuen Schwung verleihen können.

Die Gelegenheit war günstig in Dresden. Seit über fünf Jahren werden die Griechen gerettet, und wo, wenn nicht in einer solchen internationalen Wirtschaftsrunde, hätte man die Krisenpolitik bilanzieren können. Sieben Top-Ökonomen von Kenneth Rogoff, über Nouriel Roubini bis Larry Summers hatten die Politiker in das Dresdner Residenzschloss eingeladen, sie sollten frische Ideen liefern.

Wie schafft man Wachstum? Lassen sich die Finanzmärkte überhaupt bändigen? Brauchen wir einen Verhaltenskodex für Banker? Verschärft die soziale Ungleichheit die Probleme? Über diese Themen haben die Politiker ausführlich debattiert, ließen sich von den Experten das Hirn durchpusten und rangen nicht, wie es sonst auf Gipfeln üblich ist, um Floskeln für das Abschlusskommunique.

Dieses Konzept war eine ziemlich gute Idee. Nur warum haben es die deutschen Organisatoren nicht zu Ende durchdacht. Wenn es schon ums Grundsätzliche geht: Warum haben die Politiker nicht grundsätzlich über Griechenland geredet? Warum nicht darüber diskutiert, dass trotz über 220 Milliarden Euro an Hilfen, das Land nicht auf die Beine gekommen ist? Dass daran vielleicht nicht allein die Griechen schuld sind, sondern auch die Europäer?

Doch diese Debatte gab es nicht. Stattdessen hieß es nur: Die Griechen müssen ihre Hausaufgaben machen, und eine Lösung braucht Zeit.

Recht-Haben-Wollen führt nicht weiter

Ja, die neue Regierung in Athen handelt wirr und widersprüchlich. Ja, die Griechen müssen sich ändern. Und ja, Regeln sind einzuhalten. Aber eine ehrliche Diskussion über Sinn und Unsinn der Griechenland-Rettung wäre nötig, weil sie künftige Fehler vermeiden könnte. Hätten die Politiker sogar den ein oder anderen Irrtum eingestanden, hätte das die harten Finanzminister menschlich wirken lassen. Und mit Menschlichkeit lassen sich Kompromisse machen, mit Recht-Haben-Wollen nicht.

Wie es mit Griechenland weitergeht, werden am Ende die Kanzlerin und die Staats- und Regierungschefs in der Europäischen Union entscheiden. Um Geld, Reformgesetze oder Auflagen geht es längst nicht mehr; es geht, um die Stellung Europas in der Welt, um die Ukraine, um Russland, es geht um hohe Politik. Für diese Lösung hätten die Finanzminister den Boden bereiten können, aber das haben sie sich nicht getraut. Den Elefanten im Residenzschloss wollten sie nicht wahrhaben. Aber er war da.

Andreas Hoffmann beobachtete schon viele Gipfel in der Politik. In Dresden wunderte er sich, dass sogar die Proteste fast Teil des Gipfelprogramms sind. Vor der Frauenkirche, die die Minister besuchten, durfte eine Gruppe mit riesigen Ballonen, die Politiker-Köpfe zeigten, protestieren. Die Polizei stand daneben und schaute zu. Er twittert unter AndreasHoffman8.