HOME

Gesundheitswesen: Hausarzt dringend gesucht

In Deutschland fehlen Hausärzte, insbesondere auf dem Land. Eine gefährliche Lücke - die immer größer wird. Ein Grund dafür: Die Honorarverteilung begünstigt die Fachärzte.

Von Hans Peter Schütz

Arzt wollen viele werden. Aber Hausarzt? Nein, danke! Zwar gibt es heute in der Bundesrepublik mehr niedergelassene Mediziner als jemals zuvor. Ihre Zahl stieg seit der Wiedervereinigung um 56 Prozent an, derzeit sind es rund 144.000. Gleichwohl fehlen, vor allem auf dem Land, Hausärzte. Darunter leiden vor allem ältere Patienten, die nicht mehr mobil sind.

Wie groß die Lücke ist - darüber streiten sich Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Verband der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Laut KBV sind heute schon 2600 Hausarztstellen unbesetzt. Die GKV spricht von höchstens 1000 offenen Stellen. Fakt ist: Es gibt schon jetzt Flecken auf der deutschen Landkarte, wo weit und breit kein Allgemeinmediziner zur Verfügung steht.

Spezialisten verdienen mehr

Kein Wunder. Einer der Gründe für den Mangel ist die - vergleichsweise - mäßige Bezahlung von Hausärzten. Sie verdienen erheblich weniger als ihre Kollegen, zum Beispiel Augenärzte oder Orthopäden, die viel Technik einsetzen und weniger "sprechende Medizin" praktizieren. Also müssten die Honorare anders verteilt werden. Dafür jedoch ist die Selbstorganisation der Ärzte zuständig, die Kassenärztliche Vertretung. Und die packt das heikle Thema nicht an.

2011 verdiente ein Hausarzt mit eigener Praxis durchschnittlich 138.000 Euro brutto. Der Orthopäde kam auf 193.000 Euro, der Augenspezialist auf 229.000 Euro, der Radiologe gar auf 303.000 Euro. Dass diese höchst unterschiedlichen Verdienstchancen Einfluss auf den Entscheidungen von Medizinstudenten entfalten, liegt auf der Hand. Der Anteil der Hausärzte unter allen Absolventen ist 2013 auf unter zehn Prozent gefallen.

Immer weniger Landärzte

Das Resultat: Es gibt zu viele Fachärzte, das bestreitet niemand. Und der kleine Anteil Hausärzte konzentriert sich in Ballungszentren, wo sich mit Privatversicherten allerhand zusätzliches Geschäft erwirtschaften lässt. Berlin beispielsweise ist überversorgt, die Quote liegt 110 Prozent. Ein paar Kilometer weiter, auf dem flachen Land in Brandenburg, fehlen hingegen Ärzte. Und es ist nicht absehbar, dass sich das ändert. Der ehemalige FDP-Gesundheitsminister Daniel Bahr klagte schon vor Jahren: "Die Menschen kennen den Landarzt nur aus den idyllischen Vorabendserien."

Das Landarzt-Problem verschärft sich auch dadurch, dass immer mehr junge Frauen Medizin studieren - derzeit liegt ihr Anteil schon bei 60 Prozent. Gründen sie nach dem Studium eine Familie und bekommen Kinder, lassen sich die neuen familiären Pflichten nicht gut mit den beruflichen vereinbaren. Auf dem Land muss der "Herr Doktor" oder die "Frau Doktor" praktisch ständig verfügbar sein. Und die Fahrt zum Patienten kann schon mal länger dauern. Was die Entscheidung fürs Land zusätzlich belastet: Es ist für den jeweiligen Partner schwierig, ebenfalls einen Job zu finden. Kitas und Schulen für die Kinder sind oft weniger anspruchsvoll als in der Stadt.

Anreize für den Gang in die Provinz

Um dennoch Absolventen anzulocken, hat sich das Land Sachsen etwas einfallen lassen: Medizinstudenten erhalten eine Förderung von bis zu 600 Euro im Monat, wenn sie sich verpflichten, nach dem Examen für vier Jahre in der Provinz zu praktizieren. Noch tiefer setzt der neue CDU-Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe an. Er will den Numerus Clausus aufweichen, wenn sich der Interessent auf eine Praxis draußen auf dem Land festlegt. Die Kassenärzte unterstützen das. "Um Hausarzt zu werden muss man nicht unbedingt 1,0 im Abitur haben."

Der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (CDU) mit Wahlkreis im Nordschwarzwald, plädiert im Gespräch mit stern.de dafür, junge Mediziner kommunal zu fördern, wenn sie an ihrem Heimatort eine Praxis aufmachen. "Wer den ländlichen Raum lebendig halten will, muss den elementaren Grundbedürfnissen der Menschen Rechnung tragen", sagt er.

Brötchen und Braten

Einen anderen Weg nimmt das schleswig-holsteinische Nordseeheilbad Büsum, wo drei der fünf alten Ärzte bald in Ruhestand gehen: Die Kommune will auf eigene Kosten ein Ärztehaus bauen, in das neue Hausärzte in einziehen können. Sie können dort als Angestellte arbeiten, die Gemeinde will sie unter Vertrag nehmen. Das ist für Mediziner attraktiv, die das wirtschaftliche Risiko - und die Bürokratie - der Selbständigkeit scheuen.

Diese Methode könnte effektiver sein als jene, die man 2010 im Dorf Lette im Münsterland versucht hat: Kostenlose Brötchen bot der Bäcker, Gratis-Mittagsbraten der Metzger. Der Friseur einen Umsonst-Haarschnitt. Die Suche jedoch blieb laut "Süddeutscher Zeitung" ergebnislos. In Niederwiesa, Sachsen, spielt sich ein anderes Drama ab: Hier praktiziert die Hausärztin Karla Uhlig - allerdings unfreiwillig. Uhlig, 71, wäre gerne schon vor sechs Jahren in Rente gegangen, fand aber keinen Nachfolger. Aus Verantwortungsgefühl blieb sie im Job. Uhlig: "Wenn Ärzte, die sich für eine Niederlassung auf dem Land entscheiden, nicht mehr entlohnt werden, sehe ich keine dauerhafte Lösung des Problems."