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Innere Sicherheit: Schwänzen gegen Bush

Statt todernster Ideologie spontane Gefühle: Tausende Schüler gehen statt zum Unterricht auf die Straße und demonstrieren.

Die Teenager der Freien Schule aus Berlin-Pankow schimpfen mit Anstand: "Buck Fush", skandieren sie. "Wir wollen ja nicht unhöflich sein", entschuldigt eine Zwölfjährige den Buchstabendreher. Eine andere Demonstrantin ist da pingeliger, zumindest in der Rechtschreibung: "Fuck Bush - du kriegsgeile Sau", steht auf ihrem Pappschild.

Der Protest der Berliner Schüler

auf dem Alexanderplatz ist zwar einhellig - aber so vielfältig wie seine Protagonisten: Punks mit Bierbüchsen neben Rappern in Baggy-Pants. Bebrillte Sechstklässler mit Klappstullen von Muttern neben jungen Türken, auf deren Oberlippen der erste Flaum sprießt. Gepiercte Girlies neben Abiturienten mit ernsten Gesichtern. Ein Sammelsurium jugendlicher Subkulturen, 50 000 Schüler sind gekommen. Die einen nehmen dafür den Tadel ihrer Rektoren in Kauf, die anderen kommen Hand in Hand mit ihren Lehrern. Die Clay-Oberschule in Neukölln hat nur Schüler ziehen lassen, die eine Frage beantworten konnten: "Wer ist Saddam Hussein?"

Die neue Friedensbewegung marschiert von den Schulhöfen los. Für ihre spontanen Streiks bekommen die Jugendlichen häufig mehr Sympathisanten auf die Beine als die etablierten Aktivisten. Während in Hamburg Initiativen zaghaft zu "Schweigen für den Frieden" oder "Blinken für den Frieden" aufrufen, ziehen einen Tag nach den Ferien 20 000 Schüler lärmend durch die Stadt. 8000 Schüler protestieren in Nürnberg, 4000 in Halle und Bonn, 2000 in Potsdam. Der Widerstand trägt Zahnspange.

Statt todernster Ideologie

("Kein Blut für Öl") bestimmen spontane Gefühle den Protest, und manchmal auch der Spaß, zumindest in den Wortkreationen: "Die Welt ist kein Rumms-Feld" oder "Hinter jedem Bus(c)h steckt ein Terrorist", sind die Parolen. Für die bewährten Demo-Aktivisten von Attac eine "wunderbare Erneuerung der Friedensbewegung", wie Sprecherin Barbara Fuchs sagt. "Man muss ja nicht viel Theorie im Kopf haben, um jetzt empört zu sein." Frei von Theorie ist auch der Demo-Ausklang einiger Hamburger Schüler: Nach ihren "Fuck Bush"-Rufen stärken sie sich erst mal mit McRib und Coca-Cola.

Das Verständnis, das den jungen Rebellen entgegenschlägt, ist verblüffend: Eltern malen mit ihren Sprösslingen daheim Plakate, die Schulbehörden verzichten auf rigide Strafen. "Wir können nicht auf der einen Seite junge engagierte Menschen wollen, sie aber dann auf der anderen Seite für ihr Engagement bestrafen", sagt der parteilose Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern, Hans-Robert Metelmann.

Mit den Tagen der Demos

wird die Stimmung allerdings aggressiver: "Stoppt, stoppt, stoppt den Krieg", rufen Tausende Hamburger Schüler auf ihrer Demo am Montagmorgen. Trillernd und flötend ziehen sie durch die Stadt. "Wir wollen nicht, dass Kinder sterben", sagt Helena, 14. Auch sie steht in der Menge vor der Polizeiabsperrung. Und erfährt, dass Friedenswunsch und Gewalt nur einen Steinwurf voneinander entfernt liegen. "Es war bis dahin alles wie ein Schulausflug", sagt Leon, 15, vom Walddörfer Gymnasium, "die Stimmung war total gesmoothed, keine Aggression."

Doch dann fliegen aus einer kleinen Gruppe junger Palästinenser mit grüner Fahne plötzlich Flaschen, Stöcke und Steine in Richtung Polizeikette. Sofort packen Greiftrupps die Jugendlichen, Wasserwerfer rücken vor und spritzen die Schüler von der Straße, von der sie gerade geglaubt haben, dass sie an diesem Vormittag endlich einmal ihnen gehört. Sandra, 17, liegt auf dem Pflaster, krümmt sich vor Schmerzen, übergibt sich, kollabiert. Die Schülerin des Carl-von-Ossietzky-Gymnasiums war nicht schnell genug. Ein Polizeiknüppel traf sie in die Niere. Was als friedliches Happening begonnen hatte, löst sich auf in Wut auf die brutalen Beamten. Eine Wut, die im Moment vielleicht noch echter ist als die auf George W. Bush.

Martin Knobbe / print