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INTERVIEW: »An Bord herrschten katastrophale Zustände«

Interview mit Jürgen Sielemann, Experte für die Erschließung der Auswandererlisten im Hamburger Staatsarchiv, über Hamburg als Tor zur Welt, die Strapazen einer Atlantiküberfahrt im 19. Jahrhundert und die Hoffnung auf ein besseres Leben im »gelobten Land«.

Die USA haben Wurzeln auch in Hamburg. Zwischen 1850 und 1934 wanderten etwa 5 Millionen Menschen über die Hansestadt aus? Warum gerade Hamburg?

In Deutschland genießt Bremen vor 1850 zunächst einen viel besseren Ruf als Auswandererstadt: Hier verpflichtete ein Auswanderungsgesetz die Reeder, ein Mindestmaß an Komfort bereit zu stellen. Hamburg merkte erst spät, wie einträglich das Auswanderergeschäft ist. Wie die Bremer Reeder erkennen dann auch die Hamburger Schiffbauer ihre Chance, gründen neue Gesellschaften wie die HAPAG und stellen neue Schiffe in den Dienst. Die Hansestadt bot für damalige Zeiten vor allem günstige Verkehrsverbindungen: Schon vor 1850 war die Stadt auch per Bahn zu erreichen. Nicht zuletzt hat der Senat Gesetze zum Schutz der Auswanderer erlassen: Der Ruf des Hafens wurde besser, lockte weitere Auswanderer an. Im Jahre 1900 wird Hamburg als bedeutendster Auswandererhafen Deutschlands angesehen.

Wie hat die Stadt auf die Auswanderungswelle reagiert?

1891 wurden am Amerika-Kai, später auch im Stadtteil Veddel, Massenunterkünfte gebaut. Dort wurden die Auswanderer zwar kaserniert, für hygienische Verhältnisse war aber gesorgt. Das zog allerdings noch mehr Auswanderer nach Hamburg.

Hat man davon in der Stadt selbst auch etwas gemerkt?

Nicht so viel, wie es den Anschein haben mag. Von der Stadt selbst sahen die meisten Durchreisenden fast nichts. Auch die Hamburger wussten wenig von ihnen. Mittellose Auswanderer sollten nicht in die Stadt gelangen, die künftigen Zwischendeckpassagiere lebten ab 1892 in einem abgeschirmten Lager. Um den Ausbruch von Krankheiten an Bord und das Einschleppen von Epidemien in die USA zu verhindern, mussten Auswanderer bis zu 14 Tagen in Quarantäne bleiben - wo sie nach der Überfahrt auch wieder landeten.

Die Überfahrt mit dem Schiff, sofern man die gefürchtete Gesundheitsuntersuchung überstanden hatte, war für die Masse der Passagiere bestimmt auch nicht gemütlich?

Zur Zeit der Segelschiffe herrschten an Bord oft katastrophale Zustände.

Die Auswanderer steckte man in das enge und dunkle Zwischendeck - das war oft nur 1,72 m hoch. Häufig wurden mehr Passagiere als erlaubt untergebracht. Um die Jahrhundertmitte kam es vor, dass bis zu einem Fünftel der Passagiere die Überfahrt nicht überlebte.

Wer suchte sein Glück in der neuen Welt?

Politisch Verfolgte, etwa nach der gescheiterten Revolution von 1848, Juden, die nach Pogromen in Russland flüchten mussten. Zwischen 1846 und 1857 waren es vor allem Süddeutsche aus kleinbäuerlichen Verhältnissen, später dann auch Landarbeiter aus Ostdeutschland.

Was hat sie aus der Heimat vertrieben?

Hauptgründe für die Auswanderung waren die wachsende Arbeitslosigkeit und Unzufriedenheit mit den sozialen und politischen Verhältnissen. Nicht selten wurden die Erwartungen auch durch Briefe aus der Neuen Welt genährt, in denen Verwandte und Bekannte ihre wirklichen Probleme beschönigten. Und manch anderer hatte ganz einfach etwas auf dem Kerbholz und musste buchstäblich das Weite suchen.

Amerika als Land, wo Milch und Honig fließen. Welche Erfahrungen haben Einwanderer tatsächlich gemacht?

Man darf nicht vergessen, dass die Mehrheit der Einwanderer arm und mittellos war. Sie mussten sich auch jenseits des großen Teiches am unteren Ende der sozialen Leiter anstellen und hart arbeiten, um die Versorgung ihrer Familien sicherzustellen. Doch sie suchten auch Geborgenheit im vertrauten Rahmen. Oft zog es die Einwanderer in Stadtteile, in denen sich bereits Menschen aus ihren Herkunftsländern niedergelassen hatten. Und angesichts dessen, was sie zurückließen, war Amerika für die Einwanderer trotz aller Probleme das gelobte Land. Umgekehrt zogen die USA ihren Aufstieg zur Weltmacht auch aus der Kraft und dem Optimismus, den die Einwanderer ins Land brachten.

Interview: Dusko Vukovic

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