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Interview: "Anti-Amerikanismus ist dumm, Arbeitsteilung ist klug"

Nach dem 11. September 2001 haben die USA ihre Vorherrschaft ausgedehnt, US-Truppen stehen jetzt in Afghanistan oder im Irak. Wie Europa und Deutschland auf die Hypermacht reagieren sollten, beschreibt Egon Bahr in seinem neuen Buch "Der deutsche Weg".

Herr Bahr, kann Amerika seinen Kampf gegen den Terror gewinnen?

Das hoffe ich. Denn Präsident Bush meint es ernst damit, der Welt Frieden mit Waffengewalt zu bringen, nachdem Gott Amerika diese Macht gegeben hat.

Wie lange wird sein Feldzug dauern?

Dass kann so lange wie der Kalte Krieg dauern – das heißt jedenfalls sehr lange.

Haben die USA den 11.September genutzt, um ihre Vorherrschaft zu festigen?

Amerika wurde durch den 11. September tief verwundet. Die USA haben es aber auch verstanden, ihn zur Machterweiterung zu nutzen. Die Militärstrategie, die Amerika jetzt verfolgt, wurde schon vor dem 11. September ausgedacht.

Sind die USA im Irak nicht gescheitert?

Amerika hat im Irak militärisch brillant gesiegt, schafft es aber nicht, Stabilität herzustellen. Die USA könnten erleben, dass sie zum zweiten Mal in ihrer Geschichte einen Krieg verlieren – wie in Vietnam.

Was können wir den USA entgegensetzen?

Warum sollten wir? Militärisch sind die USA uneinholbar überlegen. Europa muss sich darauf konzentrieren, Gewalt zu verhindern, präventiv diplomatisch zu handeln und Verträge zu schließen, die den USA nichts von ihrer militärischen Macht nehmen. Anti-Amerikanismus ist dumm, eine Arbeitsteilung ist klug: Europa sorgt durch Diplomatie dafür, dass ein Schurkenstaat sich nicht mehr schurkisch verhält. Damit ersparen wir Amerika einen Krieg. Und wenn wir scheitern, kann Amerika immer noch kämpfen.

Wie sieht der deutsche Weg aus?

Natürlicher Stolz ohne Überheblichkeit. Wir Deutschen haben im Vergleich zu unseren europäischen Partnern eine Singularität: den Artikel 26 des Grundgesetzes, der die Beteiligung Deutschlands an einem illegalen, nicht durch UN-Mandat gedeckten Angriffskrieg verbietet. Diesem Artikel unterliegt jede deutsche Regierung. Er macht unsere Außen- und Sicherheitspolitik berechenbar – ohne dass sich irgendjemand bedroht fühlen muss. Die europäische Zukunft ist wichtiger als die deutsche Vergangenheit.

Interview: Matthias Weber / print