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Italienische Einwanderer: Ungebildet - und dennoch integriert

Aus der CDU kommt der Vorschlag, das Bleiberecht von Ausländern an gute Schulnoten zu koppeln. Das beträfe auch Italiener in Deutschland. Dabei sind sie bestens integriert, in der Regel beliebt, und spielen in der Integrationsdebatte keine Rolle. Doch ihre Bildungsstandards sind eher schlecht.

Von Martin Motzkau

Ist von mangelnder Integration die Rede, von schlechter Bildung und hoher Arbeitslosigkeit, dann dreht sich die Debatte in erster Linie um Muslime, insbesondere Türken. Doch auch eine Einwanderergruppe, von der man es nicht vermutet, hat Probleme: die Italiener.

Die sind zwar bestens integriert - allerdings trotz mangelnder Bildungsstandards: Eine Studie des Bundesamtes für Migration führt zu bedenklichen Ergebnissen: 71,6 Prozent der italienischen Migranten verfügen nur über einen niedrigen oder gar keinen Schulabschluss. Nur die Türken kommen unter den großen Ausländgruppen hierzulande auf noch schlechtere Werte. Die Polen beispielsweise verfügen über deutlich bessere Bildungsstandards. Nur ein Prozent von ihnen hat keinen Schulabschluss gegenüber 11,5 Prozent bei den Italienern. Ein Großteil der Italiener verfügt zudem über keine abgeschlossene Ausbildung. Dieses Defizit schlägt sich auf dem Arbeitsmarkt nieder. Laut Statistischem Bundesamt sind 11,1 Prozent der italienischen Migranten arbeitslos, das ist fast doppelt so viel wie bei den Bundesbürgern ohne Migrationshintergrund.

Die Zahlen zeigen, dass gute Bildung nicht der Schlüssel zur Integration sein muss. Denn die Italiener fühlen sich größtenteils bestens aufgehoben in Deutschland und leben von allen großen Ausländergruppen im Schnitt am längsten hier. Fast 80 Prozent der Befragten leben länger als 20 Jahre in der Bundesrepublik.

Bereits 1955 legten die Bundesrepublik und Italien mit einem Anwerbeabkommen den Grundstein für die Arbeitsmigration. Die Gastarbeiter aus dem Süden waren bis in die 70er Jahre die größte Einwanderergruppe und leisteten einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des Landes. Mittlerweile lebt bereits die dritte Generation in Deutschland. Sie spricht überwiegend gut deutsch, ein Drittel engagiert sich in Vereinen und Organisationen.

Eltern nehmen keinen Einfluss

Wie kann es da sein, dass die Italiener vergleichbare Probleme in der Bildung haben wie die türkischen Migranten? "Dieses Problem wird meist nicht wahrgenommen," sagt der Politikwissenschaftler und Migrationsforscher Uwe Hunger von der Universität Münster. Den Grund sieht er in der italienischen Mentalität: "Anders als die spanischen Einwanderer haben die Italiener es verpasst, frühzeitig Elternvereine zu gründen, um auf die Weise Einfluss auf das Bildungssystem zu nehmen." Ähnlich sieht das Dionyssia Chiroudi vom italienischen Bildungsinstitut IAL-CISL:" Das Bildungssystem in Italien ist anders. Die Eltern werden dort nicht in dem Maße eingebunden wie hier in Deutschland."

Auch Hans-Jürgen Standtke kennt diese Situation: "Viele italienische Migranten verlassen sich bei der Bildung ihrer Kinder zu sehr auf die Schule." Und doch kann der Pädagoge Erfreuliches berichten. Er ist stellvertretender Direktor der Leonardo da Vinci Gesamtschule in Wolfsburg. In der Autostadt und Umgebung lebt eine große italienische Gemeinde. VW lockte einst reihenweise Gastarbeiter an.

In den 1990er Jahren hatten sich die Wolfsburger Italiener bei den Kommunen für die Förderung ihrer Kinder stark gemacht. 1993 wurde daraufhin die deutsch-italienische Gesamtschule gegründet. Eingeteilt in je ein Drittel deutsche, italienische und deutsch-italienische Kinder werden die Klassen zweisprachig unterrichtet und können ab der fünften Klasse Italienisch und Englisch als Fremdsprachen wählen. Das Projekt läuft gut: "Ein Drittel der Grundschulklassen macht an der Gesamtschule ihr Abitur, nur wenige verlassen die Schule ohne einen Abschluss." Macht Wolfsburg Schule, bleiben die Italiener wohl weiter außen vor in der Migranten-Debatte. Wenn nicht, können sich die Muslime freuen: Sarrazin könnte sich beim nächsten Mal eine andere Gruppe vornehmen.