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Kindesmisshandlung: Bremens Sozialsenatorin tritt zurück

In Bremen ist in einem Kühlschrank eine Kinderleiche entdeckt worden. Bremens liberale Politik, Kinder bei drogenabhängigen Eltern zu lassen, wird heftig kritisiert. Die Sozialsenatorin ist nun zurückgetreten.

Ein zweieinhalb Jahre alter Junge ist am Dienstag tot im Kühlschrank in der Wohnung seiner Eltern entdeckt worden. Beamte machten den grausigen Fund, als sie das Kind abholen wollten, wie ein Polizeisprecher mitteilte. Der Junge stand seit dem Tod seiner drogensüchtigen Mutter 2005 unter der Vormundschaft des Jugendamtes. Den Ermittlern zufolge wies die Leiche des Kindes Spuren von Mangelerscheinungen auf. Der Junge sei nicht erst in den vergangenen Tagen gestorben.

Fehleinschätzungen der Behörde

"Es muss geklärt werden, in wiefern es in der zuständigen Behörde Fehleinschätzungen zu dem Fall gegeben hat", sagte Jugendamt-Leiter Jürgen Hartwig. Inzwischen hat die Bremer Sozialsenatorin Karin Röpke auf diesen offensichtlichen Missstand mit ihrem Rücktritt reagiert. Das Kind wurde seit seiner Geburt von der Jugendhilfe begleitet, da die Mutter dem Säugling gegenüber gewalttätig war. Das letzte Lebenszeichen des Kindes stammt vom Juli 2006, als ein Arzt das Kind gesehen hatte. Seitdem bekam es kein Mitarbeiter der Sozialbehörde mehr zu Gesicht.

Nach einem Bericht der "taz" war der Junge bereits im November 2005 einen Monat lang in staatlicher Obhut. Das bestätigte Hartwig der Zeitung. Anlass seien damals Gewalttätigkeiten gewesen, die man jedoch der ebenfalls drogenabhängigen Mutter zugeschrieben habe. Nach deren Tod habe man das Kind daher - einer fachlichen Weisung folgend - dem Vater zurückgegeben. "Das ist in Bremen politisch gewollt, dass auch drogenabhängige Eltern ihre Kinder behalten können", sagte Hartwig der taz. Die politische Linie gerät nun zunehmend in die Kritik.

In einem dpa- Gespräch sagte die Leiterin des Bremer Kinderschutzzentrums Petra Stern: "Ich sehe die derzeitige Praxis mit großer Skepsis." Sie favorisiere besonders im Fall von Heroinabhängigen wie Kevins Vater die Unterbringung der Kinder in Heimen oder bei Pflegefamilien. "Das ist allerdings wesentlich teurer", sagte Stern. Gerade Junkies hielten sich aber oft nicht an die Auflagen und Termine. "Man braucht viel Arbeitskapazität, um da hinterher zu sein."

Das Familiengericht hatte am 2. Oktober entschieden, dem Vater die Obhut für das Kind zu entziehen. Der Mann hatte sich nach Angaben der Sozialbehörde den Empfehlungen der Sozialarbeiter widersetzt und war wiederholt nicht zu den Gerichtsterminen erschienen. Als die Sozialarbeiter das Kind am Dienstag mit Unterstützung von Polizei und Gerichtsvollzieher abholen wollten, fanden sie im Kühlschrank nur noch die Leiche.

Spuren von Mangelerscheinungen

Gegen den Vater ist inzwischen Haftbefehl erlassen worden. Dabei wird noch geprüft, ob die Staatsanwaltschaft dem Verdächtigen aktive Tötung oder Vernachlässigung des Kindes vorwirft. Er hatte auf die Frage nach dem Kind mit den Worten geantwortet "Da drüben liegt er" und auf den Kühlschrank gedeutet. Danach habe er geschwiegen. Nach Angaben des behandelnden Arztes habe der Mann bisher "keine weiteren Auffälligkeiten" gezeigt. Der 41-Jährige befand sich in einem Methadon-Programm gegen seine Drogensucht.

Das Schicksal des Jungen ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren mussten mehrere Kinder qualvoll an Mangelversorgung sterben. Die Eltern des sechsjährigen Dennis aus dem brandenburgischen Cottbus wurden zu lebenslanger Haft verurteilt, nachdem sie den Jungen verhungern ließen und die Leiche in der Tiefkühltruhe versteckten. Im Jahr 2005 erstickte die sieben Jahre alte Jessica in Hamburg. Ihre Eltern hatten sie vernachlässigt und eingesperrt. In Stendal stehen derzeit die Eltern des zweijährigen Benjamin wegen Totschlags vor Gericht. Das Kind soll verhungert sein.

DPA / DPA