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Lehrkräfte und Kita-Personal Die "Bauchschmerzen" mit der geänderten Impfreihenfolge

Aus den Daten einer in Israel durchgeführten Studie, geht hervor, dass eine Impfung mit dem von Biontech und Pfizer entwickelten Vakzin dazu führt, dass Geimpften nicht mehr ansteckend sind. Auch schwere Krankheitsverläufe sollen zu rund 99 Prozent ausgeschlossen sein, wie das israelische Gesundheitsministerium am Samstagabend bestätigte. In Israel haben fast die Hälfte der Bewohner zumindest eine erste Impfung erhalten, ein Drittel ist bereits zweimal geimpft. In Deutschland haben erst rund vier Prozent der Menschen zumindest eine Erstimpfung erhalten, allerdings soll in den den nächsten Wochen deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung stehen. Genau ein Jahr nach Bekanntwerden des ersten Covid-19 Falls wurden am Sonntag in Israel zahlreiche Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung wieder gelockert. Während Geschäfte für die gesamte Bevölkerung wieder öffnete, blieb der Zugang zu Fitnessstudios, Hotels und Theatern denjenigen vorbehalten, die mit einem entsprechenden Nachweis beweisen konnten, dass sie bereits zwei Impfdosen erhalten haben.
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Schulen und Kitas werden schrittweise wieder geöffnet, Kita-Personal und Lehrkräfte sollen daher schneller als bisher vorgesehen geimpft werden. Das stößt nicht nur auf Zustimmung.

Letztlich sind Impfzentren eine Art Bahnhof, ein Drehkreuz, mit einem Ausgangspunkt und einem Ziel: weg von der Krise, zurück zur Normalität. Am Montag erfolgte eine Durchsage von Bund und Ländern, die den Fahrplan durch die Corona-Pandemie zum Teil neu aufgleist: Achtung, geänderte Impfreihenfolge

Erzieherinnen und Erzieher sowie Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen sollen schneller gegen das Virus geimpft werden als bislang vorgesehen und in der Impfverordnung in Prioritätsgruppe zwei statt in Gruppe drei eingestuft werden. Darauf verständigten sich Bund und Länder auf der Gesundheitsministerkonferenz. Die Impfverordnung könnte noch an diesem Mittwoch aktualisiert werden.  

Die Fahrplanänderung ist die Folge eines erhöhten Verkehrsaufkommens: Nach rund zwei Monaten Schließung, Notbetreuung oder nur sehr eingeschränktem Betrieb ist in vielen Grundschulen und Kitas in Deutschland ein bisschen Leben zurückgekehrt, die Jüngsten werden wieder unterrichtet und betreut. Folglich sollen Lehrkräfte und das Kita-Personal in der Impfpriorisierung aufrücken, um sie vor dem erhöhten Risiko einer Infektion zu schützen. Der Schritt wurde nicht zuletzt vom Deutschen Lehrerverband und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft begrüßt, sorgt an anderer Stelle aber für Verstimmungen in der Magengegend.

Ein Satz vom RKI, der Sorgen bereitet

"Mir macht diese Veränderung der Priorisierung Bauchschmerzen", sagte die Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx im Deutschlandfunk. Sie sieht das Verändern der Impf-Priorisierung kritisch, da man das ursprüngliche Prinzip dahinter aufgebe. Der Impfplan sei "sehr gut überlegt" gewesen. Zudem habe die ständige Impfkommission klar gesagt, dass Lehrkräfte und Erzieherinnen und Erzieher nicht den gleichen Risiken ausgesetzt seien wie Menschen, die von Beginn an in der zweiten Gruppe der Impfreihenfolge waren, "da reden wir ja tatsächlich von Patientinnen und Patienten, die aktiv in der Chemotherapie sind", sagte Buyx. "Und das (...) macht mir Bauchschmerzen."

Wer wann geimpft wird, ist in der Impfverordnung geregelt. Demnach hat aktuell nur Gruppe 1 ("Höchste Priorität") einen Anspruch auf die Schutzimpfung. Dazu gehören über 80-Jährige, Pflegebedürftige und Pflegende – also besonders vulnerable Personenkreise, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Das ist in Gruppe 2 ("Hohe Priorität") nicht unbedingt anders. Hier reihen sich etwa über 70-Jährige ein, aber eben auch Krebserkrankte und Personen, bei denen "ein sehr hohes oder hohes Risiko für einen schweren oder tödlichen Krankheitsverlauf" besteht. Später geimpft wird Gruppe 3 ("Erhöhte Priorität"), zu der bisher auch Lehrkräfte und Kita-Personal zählten, und Gruppe 4 ("Ohne Priorität"), in der ein "geringeres Risiko" für eine schwere Erkrankung vorliegt, also etwa bei Jüngeren ohne Vorerkrankungen.

Ethikrat-Vorsitzende Buyx befürchtet nun, mit dieser Entscheidung sei eine Büchse der Pandora geöffnet worden: Schon jetzt erreichten sie zahlreiche Zuschriften "von Gruppen, die aus nachvollziehbaren Gründen sagen, sie müssten höher stehen in der Reihenfolge." Einen "harschen Verteilungskampf" sieht sie zwar nicht aufziehen, sagte sie im Gespräch mit dem Deutschlandfunk. Aber klar sei auch: "Wenn Sie einer Gruppe bevorzugt etwas geben, dann fehlt es eben tatsächlich irgendwo anders." Zumal die Verteilung der Vakzine angesichts der knappen Impfmengen derzeit sowieso ein Problem darstelle. 

Der Schritt wird aber auch von Sorge und Skepsis wegen der aktuellen Entwicklung bei den Corona-Zahlen begleitet. Das RKI schreibt in seinem Situationsbericht von Dienstag: "Der Rückgang der täglichen Fallzahlen seit Mitte Januar 2021 setzt sich aktuell nicht fort." Dazu kommen die Befürchtungen über einen schnellen Wiederanstieg der Infektionszahlen durch die Ausbreitung neuer Virusvarianten. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sieht eine "dritte Welle" in Deutschland bereits unaufhaltsam in Gange, wie er der "Passauer Neuen Presse" sagte.

Wird das Leben kosten?

Daraus ergeben sich zwei Fragen, die durchaus das Zeug für einen "harschen Verteilungskampf" hätten: Nach langen Wintermonaten zu Hause sind viele Kinder nun schon wieder in Schulen und Kitas zurückgekehrt – können Lehrkräfte und das Kita-Personal in der aktuellen Corona-Lage überhaupt rechtzeitig geimpft werden, oder ist der Zug schon abgefahren? Und müssten Hochbetagte und Schwerkranke nun nicht erst recht bei der Impfung priorisiert werden?

Eine drastische Wortmeldung kam dazu von der Deutschen Stiftung Patientenschutz. "Wenn jetzt Berufsgruppen noch weiter nach vorn gesetzt werden sollen, wird das Leben kosten", sagte der Stiftungsvorsitzende Eugen Brysch. Und auch Dario Schramm, Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, plagt "ein bisschen dieses Bauchschmerzengefühl" mit Blick auf die aktuelle Corona-Lage, wie er der "Welt" sagte

Wie so oft während dieser Pandemie, deren Entwicklung praktisch niemand sicher vorhersagen kann, wird sich erst noch zeigen, wohin die Fahrt schließlich geht. Zum Wochenbeginn haben in zehn weiteren Bundesländern Kindertagesstätten und Grundschulen geöffnet oder ihren Betrieb ausgeweitet. Niedersachsen und Sachsen waren schon im Januar und der vergangenen Woche vorangegangen. Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Bremen und Sachsen-Anhalt starten später. Die Einzelheiten, wie und wann gelockert wird, regelt jedes Bundesland für sich.

Doch schon am Montag zeigte sich dann auch gleich, wie wenig Planungssicherheit Familien und Beschäftigte in Schulen und Kitas weiterhin haben: Nach nur einem Tag erfuhren etwa die meisten Schülerinnen und Schüler in Nürnberg, dass sie ab Dienstag wieder von zu Hause aus lernen müssen. Der Grund: Die Corona-Zahlen sind zu hoch.

Quellen:  Deutschlandfunk, Coronavirus-Impfverordnung, Robert Koch-Institut (RKI), "Passauer Neue Presse", "Die Welt", Deutsche Presse-Agentur

fs

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