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Lehrer des Jahres 2005: Souffleuse fürs Leben

Vorsagen gilt nicht - aber Tipps für Schule und Beruf können Schüler sich immer holen. Bei Ingrid Timm, der Lehrerin des Jahres.

Wenn die Lehrerin des Jahres das Fenster aufreißt, liegt unter ihr ein grünes Paradies. Aus dem Raum der Hauptschulklasse H9 blickt Ingrid Timm in einen Innenhof hinab, der mit Buchsbäumen und Stauden bepflanzt ist. Ein Kiesweg schlängelt sich zu ein paar Stufen. "Das haben alles die Jungs hier angelegt. Sogar die Treppe haben die selbst betoni ert", sagt Timm stolz. Die Jungs sind die Schüler der H9 an der Kellerskopfschule, einer kombinierten Haupt- und Realschule in Wiesbaden-Naurod. Außerdem haben die Jungs die Klassentür repariert und den Raum neu verputzt. Gestrichen und mit Comic-Girls bemalt haben ihn anschließend die Mädchen der Klasse. Auch wenn die letzte Englischarbeit der H9 miserabel ausgefallen ist, baut Timm die Schüler auf: "Dafür könnt ihr andere Sachen gut. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie man einen Computer zusammenbaut." Sie versteht sich als Talentscout, will Begabungen fördern und die Schüler für den späteren Job fit machen. Dafür fährt sie mit ihrer Reals chulklasse 10b auf Ausbildungsmessen und besucht Firmen, den Frankfurter Flughafen, die Wiesbadener Kurbetriebe oder Feinkost Käfer.

Regelmässig lässt sie Kontakte zu Unternehmen und Behörden für die Schüler spielen, vermittelt Bewerbungsgespräche oder Praktika. Eine Zehntklässlerin, deren Praktikum bei der Bundeswehr wegen der dort grassierenden Bindehautentzündung platzte, vermittelte die Lehrerin nach Umwegen über Polizei, Amtsgericht und Gefängnis schließlich gl…|cklich an den Bundesgrenzschutz. "Bisher habe ich die Schüler aus meinen Klassen immer alle untergebracht." Ihr Unterricht soll möglichst viel mit dem Leben außerhalb der Schule zu tun haben: In Timms Englischstunden diskutieren die Schüler oft über aktuelle Themen wie Stammzellforschung oder den Umgang mit jugendlichen Verbrechern. Lebhaft wird gestritten, aber nur selten fällt ein Schüler dem anderen ins Wort. Die Zehntklässler lassen ihre Mits chüler ausreden, andere Meinungen werden respektiert: "Wir sind viel ruhiger geworden bei Frau Timm. Vielleicht liegt's daran, dass sie uns nicht nur als Schüler sieht, sondern ein bisschen wie ihre Kinder", sagt die 16-jährige Isabella Schäfer aus der 10b. Ein partnerschaftliches, kein kumpelhaftes Verhältnis sucht Ingrid Timm zu ihren Schülern. Dabei sieht sie Lehrer nicht mehr als reine Wissensvermittler. Wenn Eltern mit ihren Kindern überfordert seien, falle der Schule ein immer größerer Teil der Erziehung zu: "Gerade die Hauptschule ist mittlerweile ein Sammelbecken. Manche Schüler scheite rn in der fünften Klasse auf dem Gymnasium, in der sechsten auf der Realschule, und wenn sie dann auf der Hauptschule landen, haben sie bis dahin nur Misserfolge erlebt." Wechselschüler lädt Ingrid Timm daher zum Einzelgespräch ein. Sie fragt nach persönlichen Neigungen und danach, was der Neue von ihrer Schule erwartet. "Ich akzeptiere die Schüler erst einmal so, wie sie sind. Jeder hat Fehler, ich ja auch." Zu Schulzeiten sei sie selbst eher faul und "eine echte Saisonarbeiterin" gewesen: Sie habe meist nur gebüffelt, wenn die blauen Briefe kamen. Bei allem Verständnis für ihre Schüler erwartet sie aber, dass Regeln eingehalten werden: Wer ständig fehlt, muss den Unterrichtsstoff mit ihr in Einzelstunden nacharbeiten. Aber auch freiwillig investieren die Schüler zusammen mit ihrer Klassenlehrerin viel Freizeit und probieren Neues aus. So strampelt die 10b am Wandertag mit Frau Timm im Fitnesscenter oder übt Bogenschießen. In der kommenden Woche geht die Klasse abends gemeinsam ins Ballett. "Sie sollen das wenigstens mal kennen lernen: Wenn ich einen 30-Jähr igen frage, ob er mit in die Oper oder ins Theater kommt, und er war noch nie drin, sagt er natürlich: Nein danke, keine Lust." Einige Schüler haben über Ingrid Timm selbst das Theaterspielen entdeckt. Vor vier Jahren organisierte sie ein Casting mit Wiesbadener Schauspielern als Jury. Seitdem hat die Kellerskopfschule eine Theatergruppe mit eigener Bühne, an der regelmäßig Boulevardstücke aufgeführt werden. Timm plant die Aufführungen und hilft bei Kulissen und Ko stümen. Eine Bühne würde sie allerdings nie betreten, weil sie schreckliches Lampenfieber hat. Sie sitzt lieber am Rand und souffliert. Und muss sich dabei oft ziemlich zusammenreißen: "Ich will immer direkt los-flüstern, wenn die Leute hängen. Aber manchmal muss man sie einfach lassen, die finden ihren Text schon."

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