HOME

Lothar Bisky: "Lafontaine ist kein Stalinist"

Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine ist obenauf: Die Linke zieht in ein Parlament nach dem anderen ein. Die SPD, die CSU - fast alle tanzen nach Lafontaines Pfeife. Kurz vor dem Parteitag der Linken in Cottbus spricht Co-Chef Lothar Bisky im stern.de-Interview über Lafontaines Führungsstil, larmoyante Ossis und die politischen Auseinandersetzungen in seiner Partei.

Herr Bisky, in der Linken wächst die Kritik an Oskar Lafontaine. Er sei ein autoritäter, brutaler Hund, heißt es. Ein Stalinist, der glaube, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Erkennen Sie Ihren Co-Parteivorsitzenden in diesen Einschätzungen wieder?

Nein, überhaupt nicht. Ich halte diese Kritik nicht nur für überzogen, sondern für falsch. Lafontaine ist nicht autoritär, und ein Stalinist ist er schon gar nicht.

Wie würden Sie ihn beschreiben? Als dominanten Partei- und Fraktionschef?

Lafontaine ist ein kluger Kopf. Er weiß, was er will, und er sagt, was er denkt. Er führt die Linke auf eine etwas andere Art, als ich es tue. Ich bin mehr der moderierende Typ. Als ich Vorsitzender der PDS war, konnte mit mir alles und jedes stundenlang debattiert werden. Das war, ich sage das durchaus selbstkritisch, nicht immer gut für die Partei. Lafontaine entscheidet schneller, er ist bestimmter. Er hat schließlich mal die SPD, eine gut organisierte Volkspartei, geführt. Einen solchen Vorsitzenden sind viele in unserer Partei einfach nicht gewöhnt.

Die ostdeutschen Linken sind zu larmoyant?

Nein. Ich meine etwas anderes: Wir müssen begreifen, dass wir mit der Fusion von PDS und WASG wirklich eine neue Partei geworden sind. Unsere Bedeutung ist gewachsen. Viele linke Parteien in Europa sehen in uns ein Modellprojekt. Da können wir es uns einfach nicht mehr leisten, alle Fragen so ausführlich und selbstverliebt zu diskutieren wie in der Vergangenheit. Unsere Wähler erwarten von uns politische Antworten auf ihre aktuellen Fragen und Probleme.

Die Linke wird als Lafontaine-Partei wahrgenommen, nicht als Gysi- oder Bisky-Partei. Stört Sie das?

Nein. Das sagt doch nur etwas über die Bedeutung von Lafontaine. Er steht für unseren Erfolg im Westen. Ohne ihn, ohne die WASG gäbe es uns gar nicht. Ich kann mich noch gut an das letzte Wahlergebnis der PDS im Western erinnern, Nordrhein-Westfalen, Mai 2005: 0,9 Prozent. Danach war doch dem Letzten klar, dass wir als PDS es im Westen allein niemals schaffen würden. Drei Jahre später sitzen wir als Linke in vier westdeutschen Landesparlamenten. Wir haben bundespolitisch ein großes Gewicht. Unsere Stimme wird gehört. Das ist doch großartig.

Sie fühlen sich von Lafontaine also nicht beherrscht?

Quatsch. Wir arbeiten gut zusammen. Wir sind offen zueinander. Es gibt kein Gerangel zwischen uns. Gelegentlich sind wir unterschiedlicher Meinung, aber das ist kein Problem. Diese Meinungsverschiedenheiten tragen wir aus, allerdings sind wir nicht so naiv, das über die Medien zu tun. Wir wollen gemeinsam den Erfolg unserer Partei.

Die Linke stellt die richtigen Fragen, das bescheinigen ihr viele Wähler. Diese Wähler sagen aber auch: Die Linke gibt nicht die richtigen Antworten.

Ich behaupte auch gar nicht, wir hätten für alle Fragen am Beginn des 21. Jahrhunderts die richtigen Antworten. Welche Partei könnte das von sich schon behaupten? Was mich jedoch aufregt, ist der Vorwurf, die Linke habe kein Programm, sie wüsste nicht, was sie will. Wir haben 2007 auf unserem Gründungsparteitag programmatische Eckpunkte beschlossen, die zuvor in Urabstimmung der Mitgliedschaft beider Parteien angenommen wurde. Keine andere Partei hat das – ein in einer Urabstimmung angenommenes Programm.

Trotzdem, der Vorwurf bleibt: Die Erarbeitung des Grundsatzprogramms hat Ihre Partei verschoben.

Die Programmkommission arbeitet, sie wird bald erste Textvorschläge machen, die von unseren Mitgliedern breit diskutiert werden. Das endgültige Programm könnte dann 2010 oder 2011 verabschiedet werden. Das ist nicht zu spät. Es geht schließlich um die Identitätsfindung für die neue Linke im 21. Jahrhundert.

Ihre bisherigen Erfolge verdrängen die inneren Probleme der Partei. Sie streiten über die Frage einer Regierungsbeteiligung der Linken, über UN-gestützte Militäreinsätze, eine zeitgemäße Sozialpolitik jenseits von Hartz IV, eine moderne Familienpolitik und und und. Könnte das zu einer Zerreißprobe für Ihre Partei werden?

Nein. Ich halte diese Debatte angesichts unserer Entwicklung für normal.

Warum?

Ich darf daran erinnern: Die Linke als Partei gibt es seit einem Jahr. In dieser kurzen Zeit haben wir viel erreicht. In unserer Partei gibt es einen bemerkenswerten Zusammenhalt, bei aller Unterschiedlichkeit, die es gibt und die es auch weiterhin geben wird.

Zusammenhalt ist gut. Die Ostgenossen halten die Wessis für den verlängerten Arm des DGB. Und die beinharten Gewerkschafter aus dem Westen halten die Ossis für Weicheier, die nur eines wollen: mitregieren.

Das sind Klischees, die stimmen nicht. Was stimmt: Unsere kulturellen Hintergründe sind sehr verschieden. Nehmen Sie nur mal Lafontaine und mich: Er kommt aus dem Saarland, also quasi aus Frankreich – ich komme aus Westpolen, in meinem Wahlkreis liegt Frankfurt/Oder. Das sind doch zwei Welten. Dazu kommt die unterschiedliche Geschichte von PDS und WASG. Der Übergang von einer Staatspartei zu einer Oppositionspartei führt zu ganz anderen Erfahrungen als die Existenz einer kleinen, linken Protestpartei in der Bundesrepublik. Aber wir raufen uns schon zusammen, da bin ich optimistisch. Die Linke ist auf Gedeih und Verderb zur Gemeinsamkeit verpflichtet. Gelingt ihr diese Gemeinsamkeit nicht, wird die Linke scheitern.

Interview: Jens König