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Magdeburg: Das Stigma ist geblieben

Grölende Rechtsradikale trieben Ausländer durch die Stadt und prügelten auf sie ein. Die Polizei war überfordert, Passanten schauten tatenlos zu. Am Himmelfahrtstag vor zehn Jahren gingen diese Bilder aus Magdeburg um die Welt.

Die Bilder aus Magdeburg lösen am Himmelfahrtstag vor zehn Jahren weltweit Entsetzen aus: Grölende Rechtsradikale treiben stundenlang Ausländer durch die Stadt und prügeln auf sie ein. Die Polizei ist überfordert, Passanten schauen tatenlos zu. Zurück bleiben an jenem 12. Mai 1994 verletzte Menschen und Seelen sowie ein Stigma, mit dem die Hauptstadt Sachsen-Anhalts bis heute zu kämpfen hat: Ihr Name steht in einer Reihe mit Rostock- Lichtenhagen, Mölln, Solingen oder Hoyerswerda und damit jener Orte, an denen sich die hässliche Fratze des Ausländerhasses besonders unverhohlen zeigte.

In den vergangenen Jahren hat sich viel zum Positiven verändert in der einstigen Stadt des Schwermaschinenbaus, die mehr als manch andere Ost-Kommune mit Strukturproblemen und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Politik, Polizei und diverse Initiativen engagieren sich für ein besseres Miteinander und Verständnis von Ausländern und Einheimischen - trotz weiter bestehender Probleme mit einigem Erfolg. Begegnungsstätten, Feste, Kulturveranstaltungen und Schulprojekte sorgen für ein wenig Multikulti in einer Stadt, die mit 3,5 Prozent einen vergleichsweise geringen Ausländeranteil hat.

"Nach den Krawallen sind die Menschen aufgewacht"

"Ich lebe gern hier", sagt Amadeo Vembane, ehrenamtlich im Ausländerbeirat aktiv. Nach den Krawallen seien Politiker, Behörden und viele Menschen aufgewacht: "Heute verstehen viele die Ausländer nicht mehr als Störfaktor, sondern als Bereicherung für die Stadt. Es ist das Bemühen erkennbar, auf Probleme von Ausländern einzugehen." Ähnlich sieht es die Ausländerbeauftragte des Evangelischen Kirchenkreises Magdeburg, Gabriele Herbst: "Man merkt deutlich, dass die Einheimischen sich bemühen, mit Ausländern zusammenzuleben."

Stark engagiert ist dabei die Polizei, die sich nach den blutigen Krawallen 1994 massiven Vorwürfen ausgesetzt sah, sie habe die Ausländer nicht ausreichend geschützt und keinen Unterschied zwischen Tätern und Opfern gemacht. Das von ihr 1996 ins Leben gerufene "Fest der Begegnungen" hat sich inzwischen zu einem beliebten Volksfest am Himmelfahrtstag entwickelt. Zu den Projekten gehört auch die Aktion "Grüne gehen Fremd - Fremde sehen grün", bei der sich Beamte regelmäßig mit ausländischen Familien treffen. "Das Verhältnis zwischen Polizei und Ausländern in Magdeburg hat sich grundlegend positiv gewandelt", sagt Polizeipräsidentin Monika Liebau-Foß.

Im Alltag gibt es noch Probleme

"Natürlich gibt es auch noch Probleme", sagt Waltraud Zachhuber vom Runden Tisch gegen Ausländerfeindlichkeit, dem Gewerkschaften, Kirchengemeinden und andere angehören. So ist die Zahl fremdenfeindlicher Straftaten in den vergangenen Jahren in der Tendenz rückläufig, doch die Statistik spiegelt oft nicht den Alltag wieder: "Wenn sie als Afrikaner eine Straßenbahn besteigen, kriegen sie ein mulmiges Gefühl", berichtet Vembane. Auch in Geschäften oder Büros seien Vorurteile noch häufig zu spüren. "Rassistische Sprüche kommen keinesfalls nur von Jugendlichen - da sind alle Altersgruppen dabei."

"Die Angriffe auf ausländische Mitbürger zu Himmelfahrt 1994 und insbesondere die Medienberichterstattung darüber haben dem Image Magdeburgs nachhaltig geschadet", sagt Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD). Auch weiterhin bedürfe es vieler Anstrengungen, Klischees und Vorurteile zu überwinden. Hier seien alle Bürger gefragt, der Welt zu zeigen: "Magdeburg ist nicht ausländerfeindlich."

Stefan Kruse, dpa / DPA