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Noel Martin: "Ich werde als zufriedener Mann sterben"

Für Noël Martin ist das Leben eine Qual, seit ihn vor elf Jahren Neonazis zum Krüppel machten. In Würde leben kann er nicht, da will er in Würde gehen. Er hat sich für Sterbehilfe entschieden - mit Liedern von Marley und Sinatra im Ohr wird er sanft wegdämmern

Von Arno Luik

Wie unser Gespräch verlaufen wird, Herr Luik, weiß ich nicht. Vielleicht muss ich es abbrechen. Ich habe heute Nacht schlecht geschlafen, über einen halben Liter Blut habe ich verloren, vier Stunden hat es gedauert, bis ich angezogen war, eine schmerzhafte Prozedur, ich habe gefroren, und wenn mir kalt ist, schwitzt mein Körper, er spielt verrückt. 17 Handtücher habe ich durchgeschwitzt, und jetzt sitze ich vor Ihnen, Blut läuft aus mir raus, ich bin müde, es kann sein, dass meine Beine plötzlich nach oben schnellen, immer wieder, erschrecken Sie nicht. Ich bin jeden Tag in der Todeszelle und...

...bald, Herr Martin, ist alles vorbei.

Ja, ich fahre demnächst in die Schweiz zu "Dignitas", ich werde den Giftbecher mit einem Strohhalm austrinken und in ein anderes Leben überwechseln. Ich freue mich auf meinen Tod.

Wie bitte? Ich habe Angst vor meinem Tod.

Das verstehe ich. Sie leben ja. Sie spüren, Sie fühlen. Sie können sich bewegen. Sie fragen sich: Wie ist es, wenn ich die verlassen muss, die ich liebe? Alles Fragen, die für mich nicht mehr so wichtig sind. Ich bin nur noch Kopf. Ich habe Augen, die sehen, einen Mund, der mit Mühen schlucken kann. Ich weiß aber nicht, wann ich Hunger habe, ich weiß nur, dass ich gelegentlich etwas essen muss.

Sie spüren tatsächlich nichts, gar nichts?

Nein. Ich habe ein Gehirn, das denken kann. Aber das Gehirn empfindet nichts. Das Hirn macht das Leben nicht lebenswert. Ich vegetiere dahin. Wenn Sie jemanden lieben, spüren Sie das im Bauch. Ich fühl nicht mal meinen Herzschlag. Nur aus der Erinnerung weiß ich noch, wie Haut sich anfühlt, wie schön eine körperliche Berührung sein kann. Ich habe nur noch Erinnerungen!

Gibt es irgendetwas, das Ihnen wenigstens noch ein bisschen Freude macht?

Nein, nichts. Ich muss diese Wahrheit akzeptieren: Mein Körper ist ein totes Stück Möbel. Er ist nur lästig. Eine Mücke, die mir an der Nase herumkrabbelt, ist stärker als ich, sie kann mich wahnsinnig machen, ich kann sie nicht wegpusten. Ich habe keine Privatsphäre, keine Intimität, keine Geheimnisse, jede Blähung von mir ist öffentlich, es ist so peinlich - um mich sind ständig Pflegerinnen, die mich manchmal gut, oft gleichgültig, stets ohne Liebe betreuen. Manche riechen angenehm, manche schlecht, manche haben ungewaschene Hände, manche will ich gar nicht sehen, aber sie, die Fremden, sind die Chefs in meinem Haus, ich bin ihnen ausgeliefert. Ein Albtraum. Manchmal singe ich rebellische Lieder, um alles zu vergessen. Ständig muss ich um Würde kämpfen.

Auf alten Bildern sieht man Sie als einen kräftigen Mann, durchtrainiert, sehr athletisch.

Ich war ein schöner Schwarzer. Die Frauen schauten mir nach, und jetzt schau ich an mir runter - und was sehe ich? Einen Kugelbauch, eingesunkene Schultern, dünne Beinchen, ich verdünnisiere mich mehr und mehr. Ich war ein stolzer Mann, schnell und stark, jetzt bin ich ein Pflegefall. Ich muss mich füttern und windeln lassen - und wenn die Pflegerinnen mich vergessen, liege ich in meinen Exkrementen. Es ist entwürdigend.

Sagen Sie mal ganz konkret: Wie fühlen Sie sich?

Sie stellen Fragen! Ich kann das Ihnen doch nicht vermitteln. In einem Song heißt es: "Love don’t live here any more". So ist es. Ich lebe jenseits Ihrer Welt. Wie ein Stein in der Glut eines lodernden Feuers. Ein Stein, der nicht zerspringen kann. Wie eine brennende Lampe, der man plötzlich das Stromkabel durchschneidet. Da ist noch Strom in der Leitung, Strom ist in meinem Kopf - aber der kann nicht abfließen. Ich sitze hier und beobachte, wie die Welt vorüberzieht, und ich hoffe, dass ich bald wegfliege von dieser Welt. Wissen Sie, was ich wirklich schlimm finde?

Nein.

Ich muss in die Schweiz, um in Würde sterben zu können. Jedes Tier, das in England leidet, wird eingeschläfert. Zu den Tieren ist man sehr human, aber ich soll qualvoll dahinleben. Wie viel Schmerz und Demütigung kann ich aber ertragen, Tag für Tag, Nacht für Nacht? Ohne die geringste Hoffnung auf Linderung? Seit elf Jahren bin ich ein Gefangener meines Körpers.

Damals, im Juni 1996, machten Rechtsradikale im brandenburgischen Mahlow Jagd auf Sie, warfen einen sechs Kilo schweren Stein in Ihr Auto - und Sie krachten gegen einen Baum, brachen sich das Genick, seitdem sind Sie vom Hals abwärts gelähmt.

Ich sehe im Rückspiegel ein Aufblendlicht, ich höre einen Knall, spüre einen Schlag, danach nichts mehr. Als ich aufwache, fragt mich jemand: "Fühlen Sie, dass ich Ihre Füße berühre?" "Nein", sage ich. Später komme ich in einen Operationssaal, und dort besucht mich der Tod. Gestern war ich noch mitten im Leben und...

...nun draußen - an der Schwelle ins Jenseits.

Ja, acht schwarze Menschen treten in den Saal, sie wollen mich abholen. Ich stehe vom OP-Bett auf, ich beobachte, wie die Ärzte an mir arbeiten. Die Männer tragen afrikanische Kleidung, irgendwie altmodisch, einer hat nur einen Lendenschurz an, manche tragen Hüte. "Dein Vater", sagt einer mit einem langen Bart, "hat uns gebeten, uns um dich zu kümmern." Er sprach mit mir, ohne den Mund zu öffnen, die Worte kamen direkt aus seinem Kopf zu mir. Ich antwortete: "Ich komme nicht mit." "Komm", sagte er nochmals, "komm mit uns." Die Männer waren sehr freundlich, und hinter der Krankenhauswand war es grün, wunderschön grün, saftig-grün, eine herrliche Landschaft, wirklich verlockend. Aber ich sagte: "Ich bin noch nicht bereit" - und der Tod verschwand.

Aber nun sind Sie das - bereit.

Ja. Aber ich muss noch ein paar Dinge regeln, dafür sorgen, dass meine Stiftung - und nicht der Staat - dieses Haus hier bekommt, ich möchte noch einige Schulden begleichen. Ich will sauber und rein in die andere Welt treten.

Sie klingen gelöst.

Warum auch nicht? Ich bin kein böser Mensch, ich habe nichts verbrochen. An mir wurde etwas verbrochen. Und was lasse ich hinter mir? Schmerz! Und was versäume ich? Muss ich noch weiterhin erleben, wie Bush und Blair oder demnächst Brown noch mehr Unglück in die Welt bringen mit ihren Bomben gegen farbige Menschen? Muss ich noch mehr einsame Sonntage durchstehen? Mitmachen, wie fremde Menschen mich wischen, waschen, mich anschreien?

Verfluchen Sie manchmal, dass Sie nach Deutschland gingen?

Überhaupt nicht. Aber ich verdamme diesen idiotischen Rassismus. Ich bin ja auch nach Deutschland, weil es in Birmingham so schlimm war. Es gab Monate, da wurde ich 35-mal von der Polizei angehalten, ich meine, ich war ein erfolgreicher Geschäftsmann, ich ...

Sie waren Bauunternehmer und ...

... ich mochte meine Arbeit, und alles lief wunderbar, aber ich wurde regelmäßig schikaniert, drangsaliert - einfach weil ich ein Schwarzer bin. Ich war 13 Jahre alt, da hat mich die Polizei zum ersten Mal hier in Birmingham zusammengeschlagen. Und Ostdeutschland war schön für mich - es hat mich an Jamaika erinnert.

Wie bitte?

Es klingt komisch, ich weiß, aber mir gefielen die Weite Brandenburgs, die grünen Wiesen, die Leere, am Horizont das Meer in Mecklenburg. Ich war im Spreewald, und dort war ich glücklich wie in Jamaika!

Sie waren zehn Jahre alt, als Sie aus Jamaika nach England kamen.

Und das war für mich der totale Schock. Ein Fehler. Ich wollte nicht weg aus Jamaika. Ich liebte mein Leben dort, ich musste zwar hart arbeiten, ich hatte Hühner und Ziegen, auf dem Heimweg von der Schule fingen wir Fische - es war aber paradiesisch. Doch meine Eltern waren schon lange in England, man hatte zu ihnen gesagt: England ist das wahre Paradies! Die Straßen sind voller Gold, und jeden Tag gibt es ein Huhn zu essen! Mein England war kalt, dreckig, arm. Das Gold auf den Straßen war schmutziger Schnee. Wir waren zu dritt in ein Zimmer gepfercht, in der Schule wollten sie nicht, dass wir Schwarze etwas lernen. Es war brutal. Ich weinte und weinte. Zum ersten Mal hörte ich: Nigger! Affe! Gorilla! Auf dem Schulweg jagten uns Weiße mit Eisenketten - vom ersten Tag an kämpfte ich ums Überleben.

Der britisch-jamaikanische Poet und Sänger Linton Kwesi Johnson, der fast zeitgleich mit Ihnen nach England kam, schrieb über seine Erfahrungen in einem Gedicht voller Wut: "Inglan is a bitch and...

...there is no escaping it". England ist eine Hündin, böse. Das sind unsere Erfahrungen. Man musste aufpassen, dass man nicht selbst böse wurde - zerfressen in einer Spirale aus Verzweiflung, Drogen, Slum, Hass. Ich musste lernen, über die eigenen Ängste zu lachen. Die Musik von Marley, Peter Tosh, Bunnie Wailer - ihr Reggae hat mir Kraft gegeben. Sie sind meine Inspiration. Auch Martin Luther King mit seiner Rede "I have a dream"; Muhammad Ali, der einem zeigte, dass man siegen kann, wenn man kämpft. Ohne diese Leute, ohne diese Lieder wäre ich längst tot. Heute Nacht habe ich Marleys "Redemption Song" angehört - ich denke, das wird eines der letzten Lieder sein, die ich in der Schweiz anhören werde.

Sie haben es ja geschafft, Sie wohnen in einem schönen, viktorianisch eingerichteten Haus - und das lassen Sie alles hinter sich.

Ich habe es geschafft, ja, ich bin, wenn Sie so wollen, ein Pionier, der erste Schwarze Birminghams, der in diesem weißen Viertel wohnt. Ich lasse alles ohne Bedauern zurück. Ich habe alles erreicht, ich habe den Weißen gezeigt, dass wir Schwarze so gut sind wie sie.

Aber Weiße haben Sie doch, wie Sie in Ihrer eben erschienenen Autobiografie "Nenn es: Mein Leben" schreiben, "platt gemacht".

Sie haben mich platt gemacht, das stimmt, körperlich platt gemacht, aber sie haben mich nicht besiegt. Sie haben mit diesem Anschlag mein Leben zerstört, auch das stimmt. Seither ist keine Freude mehr in mir. Sie haben mir die Würde aber nicht nehmen können. Sie sind dumm, ignorant, Bob Dylan hat über so einen mörderischen Rassisten gesungen: "He’s only a pawn in their game". So ist es, und mit der Zeit werden die Rassisten verlieren, aber ich will meine Energie nicht mehr an sie verschwenden.

Sie haben in Ihrem Leben ein paar wirklich wundersame Dinge erreicht.

Was meinen Sie damit?

Sie sind der erste Schwarze, der als Pferdebesitzer eines der wichtigsten Pferderennen der Welt gewonnen hat - Ascot!

Das stimmt. Und das macht mich wirklich sehr stolz. Das war ein lebenslanger Traum, den ich als Zehnjähriger das erste Mal hatte. Und vor ein paar Jahren konnte ich ein junges Pferd kaufen, Baddam. Und dieses Pferd gewann in Ascot vergangenes Jahr zwei Rennen hintereinander, so etwas hatte es das letzte Mal vor 30 Jahren gegeben! Für mich war das ein unfassbarer Triumph. Alle Leute, 75 000 Menschen auf der Rennbahn, auch die Queen in ihrer Loge, Millionen an den Fernsehschirmen, schauten auf mich - den Schwarzen, den Krüppel im Rollstuhl. Ich hatte es den Aristokraten gezeigt. Ich war im Himmel vor Glück.

Aber dieser Triumph...

...hilft mir nicht. Ich bin jetzt zwar für alle Ewigkeiten in den Geschichtsbüchern. Aber was heißt das für mich? Für mein Seelenheil? Nichts. Ich habe längst erkannt: Alle Eitelkeit, die Jagd nach Ehre, das Streben nach Anerkennung sind letztendlich vergebens. Tinnef. Wir bleiben einsam, wenn das Liebste im Leben weg ist. Sehen Sie diesen Steinquader dort hinten im Garten unter den Rosen?

Ja.

Dort liegt meine Frau Jacqui. Wir waren 18 Jahre zusammen. Sie wurde oft angefeindet, weil sie sich in einen Schwarzen verliebt hatte. Sie stand zu mir. Sie verdammte den Rassismus. Sie hat mich rund um die Uhr gepflegt, sie wäre auch bereit gewesen, mir den Stecker rauszuziehen. Sie starb an Krebs, ganz schnell, und ich glaube, sie bekam diesen Krebs aus Verzweiflung über meine Zerstörung, und weil sie sich für mich verausgabte. Am 10. April 2000 haben wir geheiratet, zwei Tage später ist sie gestorben. Ich wäre so gern an ihrer statt gestorben! In dem Grab dort, das ich für sie baute, ist Platz für mich, dort will ich jetzt hin.

In Deutschland dürften Sie Ihr Grab nicht im eigenen Garten haben.

Hier in England wussten sie auch nicht, ob es rechtens ist. Ich habe mich mit den Behörden angelegt, es gibt kein klares Gesetz. Aber Lady Di liegt in ihrem Privatgarten, und Jacqui war meine Lady, also darf sie in meinem Garten liegen, so sehe ich das.

Sie wollten an dem Tag, an dem Sie vor 48 Jahren geboren sind, am 23. Juli, den tödlichen Cocktail trinken.

Das stimmt. Aber ich kann diesen Termin nicht einhalten. Ich habe Zeit verloren, denn ich habe am Rücken durch das falsche Liegen und die falsche Pflege eine Druckstelle bekommen, ein zehn Zentimeter tiefes und sechs Zentimeter breites Loch.

Und die Rechtsradikalen spotten jetzt über Sie im Internet, sie höhnen: "Noël Martin kneift", dabei sei doch "Selbstmord gegen rechts - eine tolle Idee!"

Das berührt mich nicht. Ich bin zufrieden mit dem, was ich in meinem Leben erreicht habe. Vielleicht, das wäre nochmals schön, gewinnt Baddam am 21. Juni in Ascot. Setzen Sie auf ihn, er ist gut, er wird die jamaikanischen Farben vor den Aristokraten fliegen lassen, spenden Sie dann den Gewinn an meine Stiftung. Und bald danach werde ich in die Schweiz fahren, mit dem Strohhalm das Gift trinken. Dazu werde ich Bob Marley hören und als Allerletztes Frank Sinatra: "I did it my way". Ich werde als zufriedener Mann sterben.

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