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Abiturvorbereitungen "Vertrauensbruch" der Regierung: Schüler und Lehrer kritisieren Öffnung der Schulen in NRW

Leerer Klassenraum in einer Schule
Einen Montag lang standen die Klassenräume leer. Nun soll der Schulbetrieb langsam wieder aufgenommen werden
© Kay Nietfeld / DPA
Ab Montag sollen die Schulen in Nordrhein-Westfalen wieder geöffnet werden,  ab Donnerstag können sich Abiturienten dort freiwillig auf Prüfungen vorbereiten. Schüler und Lehrer sind um ihre Sicherheit besorgt, die Kommunen teils überfordert.

Einen Monat lang waren die Schulen in ganz Deutschland geschlossen. Die Maßnahme gehörte neben der Absage von Großveranstaltungen zu den ersten Vorkehrungen, die Bund und Länder trafen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Nun wollen erste Bundesländer zumindest stufenweise den Schulbetrieb wieder aufnehmen. In Nordrhein-Westfalen sollen die Schulen bereits am Montag, den 20. April, wieder öffnen. Vorgesehen ist, dass zunächst einmal diejenigen Schüler wieder unterrichtet werden, die in diesem Schuljahr Abschlussprüfungen schreiben – davon sind in erster Linie Abiturienten betroffen.

 Am Montag werden die weiterführenden NRW-Schulen zunächst für Lehrkräfte, Personal und Vertreter der Schulträger geöffnet. Dieser Personenkreis hat dann bis einschließlich Mittwoch Zeit, um Vorbereitungen für die Umsetzung von Corona-Schutzmaßnahmen und Hygieneplänen zu treffen. Ab Donnerstag kommender Woche sollen die Schulen dann für die angehenden Absolventen geöffnet sein. Der Plan sorgt allerdings von vielen Seiten für Kritik. Schüler und Lehrer sind um ihre Sicherheit besorgt, die Kommunen teils überfordert.

Schulbesuch für Abiturienten in NRW soll freiwillig sein

Betroffen sind laut Schulministerium 148.000 Schülerinnen und Schüler in den Jahrgangsstufen 10, 12 und 13. Doch auch für diese besteht keine Schulpflicht, betont Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP), der Unterrichtsbesuch ab Donnerstag sei freiwillig. Zur Prüfungsvorbereitung sollen die Schulen laut Gebauer ein "faires Angebot für Prüflinge" anbieten, das Bildungsgerechtigkeit herstellen solle. Die Schulen sollen dafür sicherstellen, dass die entsprechenden hygienischen Vorkehrungen getroffen werden und die notwendigen Abstände eingehalten werden.

Die Landesschülervertretung in Nordrhein-Westfalen begrüßt zwar die freiwillige Regelung, hält die Öffnung der Schulen aber dennoch für verfrüht. Dass die Maßnahmen so schnell umgesetzt werden könnten, sei "eine Illusion", sagte Vorstandsmitglied Johanna Börgermann aus Löhne dem stern. Die Kommunen ächzen unter der Vorgabe der Landesregierung. In den oft ohnehin schlecht ausgestatteten Schulen nun innerhalb weniger Tage die Voraussetzungen für Corona-taugliche Prüfungsvorbereitungen zu schaffen, ist vielerorts eine große Herausforderung.

"Die Schulen müssen grundgereinigt, die hygienischen Voraussetzungen geschaffen, Räume vorbereitet und der Schülerverkehr organisiert werden", zählt Thomas Hunsteger-Petermann, Vorsitzender des Städtetages Nordrhein-Westfalen und Oberbürgermeister der Stadt Hamm, auf. "Schon kommenden Donnerstag mit diesem Unterricht zu starten, ist nicht zu schaffen." Die Städte bitten deshalb das Land, den Unterricht für die Prüfungsklassen auf den 27. April zu verschieben.

Schülervertreterin kritisiert "Vertrauensbruch" von Schulministerin Gebauer

Auch von Lehrerseite wird die geplante Schulöffnung skeptisch gesehen. "Der Zeitplan ist zu ambitioniert", sagte der Präsident des nordrhein-westfälischen Lehrerverbands, Andreas Bartsch, der "Rheinischen Post". Er wies darauf hin, dass es in der derzeitigen Situation schwierig sei, Desinfektionsmittel für eine große Zahl von Schülern zu bekommen. "Da macht es sich die Ministerin schon einfach, wenn sie sagt, die Schulen hätten ja gewusst, dass es am 20. April wieder losgehen könnte", meint Bartsch. Schülervertreterin Börgermann empfindet das als "Vertrauensbruch" der Schulministerin: Wer in die Schule gehe, müsse sich sicher sein können, dass dort das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich sei. Dies sei aber nicht gegeben.

Unter diesen Umständen fürchten viele Lehrer und Schüler um ihre eigene Gesundheit und die ihrer Angehörigen. Zwar hat die Landesregierung klargestellt, dass Lehrkräfte, die zu einer Risikogruppe gehören, nicht in der Schule erscheinen müssen. Doch die Gefahr, dass sich das Virus in der Schule verbreitet und dann Angehörige oder andere Kontaktpersonen von Schülern oder Lehrern angesteckt werden, bleibt. Bei den Schülervertretungen haben sich bereits zahlreiche besorgte Schüler gemeldet, die mit Eltern oder Großeltern zusammenleben, die der Covid-19-Risikogruppe angehören.

Sehen Sie im Video: Twitter-Nutzer feiern Rechenbeispiel der Kanzlerin. Angela Merkel erklärt, warum es wichtig ist, bei der Lockerung der Corona-Beschränkungen nicht vorschnell zu handeln. Dabei führt die studierte Physikerin ein Rechenbeispiel an. Auf Twitter zeigen sich viele Nutzer von den anschaulichen Worten der Kanzlerin begeistert. Merkel studiert von 1973 bis 1978 Physik an der Universität Leipzig. 1986 promoviert sie zum Doktor der Physik.
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Abiturprüfungen sollen am 12. Mai beginnen

Mit diesen Ängsten konfrontiert, verwies Schulministerin Gebauer in einem Interview mit dem Radiosender WDR 2 auf Schulpsychologen und andere Programme, die Lehrern und Schülern helfen sollten, mit der Situation umzugehen. Diese Äußerung empfanden viele Betroffene als unsensibel. "Prüfungen und Schule werden vor die Gesundheit gesetzt", kritisiert auch Johanna Börgermann. Die Landesregierung von Ministerpräsident Armin Laschet tue alles, um "die Wirtschaft möglichst bald wieder ins Laufen zu bringen", heißt es in einer Mitteilung der Landesschülervertretung.

Die Schülervertreter plädieren dafür, die verpflichtenden Abiturprüfungen, die in Nordrhein-Westfalen am 12. Mai beginnen sollen, für dieses Jahr auszusetzen. Nach der aktuellen Regelung ist zwar kein Schüler gezwungen, an den Vorbereitungskursen teilzunehmen. Diejenigen, die zu Hause blieben, hätten aber dennoch einen "großen Nachteil" in den Prüfungen, befürchtet die Schülervertretung. Einige könnten nicht in die Schule gehen, weil sie zu Hause auf jüngere Geschwister aufpassen müssten, anderen fehlten privat die digitalen Möglichkeiten, sich auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten, sagt Johanna Börgermann dem stern: "Die soziale Ungerechtigkeit ist dadurch größer denn je."

Quellen: Statement Deutscher StädtetagLandesschülervertretung Nordrhein-WestfalenWDR 2"Rheinische Post"

mit AFP und DPA

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