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Opel-Rettung: Der schmale Grat

Sein Besuch in den USA ist die erste große Prüfung für Karl-Theodor zu Guttenberg. Im Eiltempo muss sich der Wirtschaftsminister profilieren, während Konkurrenten und Kritiker nur auf den ersten Fehltritt warten - die Gefahren lauern überall. Ein Reisebericht.

Von Timo Pache, New York

Jetzt auch noch der Chicken-Mann, es wird langsam ein bisschen viel. "Look Sir, it's good", sagt der Chicken-Mann, zeigt auf die Fotos seiner Hühnchenkebabs und grinst die Fotografen an. Natürlich hat er keine Ahnung, wer da vor ihm steht, aber der Tross hinter dem jungen Mann im eleganten Anzug signalisiert: Der ist wichtig oder prominent oder beides.

Die Fotografen wiederum grinsen Karl-Theodor zu Guttenberg an, der jetzt ziemlich genervt guckt. Nein, winkt er ab, kein Bedarf. Aber der Chicken-Mann lässt nicht locker, und die Fotografen auch nicht. "Ein Bild, kommen Sie", rufen sie, und Guttenberg macht den ersten Fehler: Er riskiert einen Blick auf den großen Haufen Fleisch, der in der Garküche vor sich hin brutzelt. Nein, wirklich nicht, sagt der Wirtschaftsminister. Aber er hat hingeschaut, er kommt nicht mehr raus aus der Nummer. Die Fotografen haben ihre Kameras im Anschlag, sie bitten und betteln, jetzt kommen Sie schon, es wär' doch lustig. Guttenberg kapituliert. Ein Stück Fleisch, kein Kebab, nur ein Stück. Nimmt sich's und schiebt es in den Mund. "Zwei Tage Durchfall, aber immerhin ein gutes Foto", ruft jemand.

Es ist nur ein Satz, aber vom einen auf den anderen Moment ist Guttenberg an diesem Abend in New York wie ausgewechselt. Gerade noch Fotoshooting am Times Square, der neue Wunderwirtschaftsminister in großer Pose vor dem Lichtermeer. Alles scheint möglich, Arme ausbreiten, die Krise weglächeln, selbst hier. Mal wieder losziehen, hier kennt ihn ja niemand, ein bisschen wie früher eben. Eine Bar wäre jetzt nicht schlecht, ein Bierchen trinken. Doch dann der Chicken-Mann und dieser Satz.

Die US-Medien stürzen sich auf zu Guttenberg

Er fahre jetzt ins Hotel zurück, sagt Guttenberg plötzlich, "noch was lesen". Dreht sich um zu seinem Wagen und braust davon. Die Show ist vorbei. Das Foto vom Times Square wird am nächsten Tag in allen Zeitungen erscheinen, und es wird alles erzählen, die ganze Geschichte des phänomenalen Aufstiegs des Karl-Theodor von und zu Guttenberg. Denn dieser Aufstieg ist ein einzigartiges öffentliches Experiment: Was wird aus einem, der praktisch aus dem Nichts in die vorderste Front der Politik katapultiert wird - in ein wichtiges Amt, mit 37, und das noch inmitten einer schweren Krise?

Sofort haben sich alle auf ihn gestürzt, auf den Namen, die Familie, das Schloss, wo kommt er her, was machen seine Kinder, welches Gel streicht er sich in die Haare. Es gab Anekdoten, Attribute und erste Fotoshootings. Nun aber ist er auf seiner ersten großen Mission, und es ist seine erste große Prüfung. Es geht um viele schwierige Fragen, aber zu Hause wollen alle nur wissen, was mit Opel wird. Was also kann er? Und was will er, der neue deutsche Star? Guttenberg weiß es selbst noch nicht. Es geht zu schnell, er tastet und testet, das wird auf dieser Reise nach New York und Washington deutlich, er sucht: nach seinen Grenzen, politisch und medial. Was kann er wirklich bewegen, wie weit kann er gehen, wem ist er eigentlich verpflichtet? Es ist auch ein Test für ihn selbst.

In New York bewegt sich zu Guttenberg wie ein Fisch im Wasser

Schon sein dandyhaftes Auftreten, die guten Anzüge, sein perfektes Englisch wirken in der deutschen Politik so ungewohnt wie Wolfgang Joop auf einem SPD-Parteitag. Politik in Deutschland ist alt bis mittelalt und hell- bis dunkelgrau. Selbst gegen den acht Jahre jüngeren Philipp Mißfelder wirkt Guttenberg noch jünger. Wirtschaftspolitik hat er noch nie gemacht. Aber er sagt: "Natürlich traue ich mir das zu" - allein dies ist für Fachpolitiker, die sich seit gefühlten 100 Jahren um den Standort Deutschland sorgen, eine Provokation.

Und dann diese Lässigkeit, dieses Kosmopolitische. In New York bewegt er sich wie ein Fisch im Wasser. Er hat hier gelebt, es ist schon mehr als zehn Jahre her. Wie er an diesem Abend so durch die Straßen streift, hier einen Klub kennt, da eine Bar weiß, wo man vielleicht noch rauchen darf, da spürt man, wie beklemmend eng all die Erwartungen und die ständige Beobachtung in der Politik sind. Dieser Abend, diese Bilder sind ein Ausbruch - oder zumindest der Versuch: Was kannst du dir erhalten, wie viel Freiheit hast du noch? Es ist ein schmaler Grat, auf dem Guttenberg wandelt. Überall lauern sie auf seine ersten Fehler, Journalisten, die politischen Gegner, Parteifreunde. Erfolg schafft Neid, erst recht in den eigenen Reihen. Irgendwann kommt die erste Abrechnung.

Zu Guttenbergs Linie bleibt unklar

Guttenberg weiß das. Und weil er das weiß, hält er sich bedeckt - zumindest bei all jenen Themen, die in Deutschland heikel sind. Fast 40 Journalisten begleiten ihn in die USA, schon auf dem Hinflug muss er Rede und Antwort stehen: Wie hält er es denn nun mit den vielen Ausnahmen von der Mehrwertsteuer, der selbst ernannte Ordnungspolitiker? Wie will er Opel retten, will er es überhaupt? Was will er von General Motors, was von der US-Regierung?

Typisch für seine Generation: Er vertraut der Analyse mehr als Parteiprogrammen. Und so versucht er es mit umständlichen Szenarien und Entscheidungsbäumen: Er müsse mehrgleisig fahren, sagt er, weil seine Pläne stets von der Wirklichkeit überholt werden könnten. Also müsse er sich überlegen, was zu tun sei, wenn General Motors endlich "ein tragfähiges Sanierungskonzept" vorlege, und was, wenn nicht. Da über allem aber noch die US-Regierung stehe, die für GM jederzeit Gläubigerschutz verhängen könne, müsse er sich auch auf eine Insolvenz vorbereiten.

Am Ende kommt er auf mindestens vier Szenarien und jede Menge Ableitungen. Er sagt, er wolle in die Debatte "endlich wieder eine Linienführung hineinbringen". Ein Schweißtropfen rinnt ihm in diesem Moment von der Schläfe über die rechte Wange. Aber tatsächlich gibt es bei ihm nicht eine Linie, sondern mehrere. Welche davon seine ist, bleibt auch auf dieser Reise unklar. Wahrscheinlich hat er sie nicht - und kann sie auch noch gar nicht haben. So wie sein ganzes Land ja gerade auf der Suche ist, welche Regeln eigentlich künftig gelten sollen. Die Fragen, die an Guttenberg gerichtet werden, werden gleichzeitig an ein ganzes Volk, und vor allem an die junge Generation gerichtet: Was wollt ihr?

Ist Opel systemrelevant?

Zu Hause werden so manche langsam nervös, vor allem die Ministerpräsidenten jener Bundesländer, in denen Opel Autos baut. Als am Montagmorgen im Internet die ersten Fotos vom Times Square erscheinen, stellt sich in Berlin Jürgen Rüttgers vor die Kameras. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident fürchtet um das Opel-Werk in Bochum mit 5000 Beschäftigten. Der Autokonzern gehöre zum "industriellen Kern des Landes", lässt Rüttgers den Minister in der Ferne wissen, das sehe selbst die Kanzlerin so. Ist Opel also systemrelevant?

Bisher sperrte sich Guttenberg gegen diese Sicht. Darauf angesprochen in New York, steigt dem Wirtschaftsminister das Blut ins Gesicht, seine Halsschlagader schwillt. Er wisse nicht, wie Rüttgers seine Wortmeldung gemeint habe. "Ich tue mich jedenfalls weiterhin außerordentlich schwer, beziehungsweise habe noch keinen einzigen Fall gefunden, wo ich die Begrifflichkeit der Systemrelevanz und die besondere Unterfütterung der Begrifflichkeit der Systemrelevanz, die wir bei Finanzdienstleistern zu Recht anlegen, einfach mal auf Unternehmen in der freien Wirtschaft übertragen kann - und ich bin auch nicht bereit, dies zu tun, nur weil einige dies behaupten." Wäre Opel also verzichtbar? "Jede Bundesregierung wünscht sich, dass wir eine plausible Möglichkeit finden, dass Opel fortbesteht. Aber es kann sich nur auf ein betriebswirtschaftlich sinnvolles Konzept beziehen, und die volkswirtschaftliche Förderungsfähigkeit muss gegeben sein."

Rüttgers und Koch wollen Guttenberg festnageln

Seine Rhetorik ist ein Versteckspiel in Schachtelsätzen. Genau registriert er, dass die Deutschen in Umfragen keinesfalls klar für eine Rettung von Opel sind. Das schafft ein Stück politischen Freiraum. Er weiß, dass ihn Rüttgers und sein hessischer Kollege Roland Koch öffentlich auf die Rettung festnageln wollen. Aber er sträubt sich. Wenn er könnte, wie er wollte, er würde Opel kaum helfen. Und er würde auch nicht wochenlang überforderte Manager um bessere Sanierungskonzepte anflehen. Das widerspricht schon seinem Stolz. Wenn sich Guttenbergs Satzwölkchen verflüchtigt haben, bleibt diese Botschaft ziemlich deutlich in der Luft hängen.

So testet er in diesen Wochen auch Loyalitäten und Verpflichtungen. Dass Merkel sich bisher öffentlich noch nicht festgelegt hat, schafft ihm ebenfalls etwas Spielraum. Er steckt in der Zwickmühle: Auch wenn er nicht will, vielleicht muss er bald. Am Ende dieser Reise jedenfalls ist der Abend in New York schon wieder ganz weit weg. Der Minister wirkt müde und abgekämpft, erschöpft vom Testen und Tasten, vom Suchen nach Lösungen und der eigenen Linie. Nur eines scheint klar: Frei ist er nicht mehr - selbst wenn man es ihm wirklich wünschen würde.

FTD