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Partei-Geschichte: SPD-Jubiläum in stürmischen Zeiten

Die SPD blickt auf 140 Jahre Parteigeschichte zurück. Es könnten aber auch erst 128 Jahre sein, denn Historiker streiten bis heute über das genaue Datum.

Der demokratische Sozialismus kommt weiter in die Jahre. Am diesem Freitag blickt die SPD auf eine 140-jährige Geschichte zurück. Vor über 2000 geladenen Gästen im Berliner Tempodrom will sie dieses eigentlich nicht richtig runde und historisch zudem recht zweifelhafte Jubiläum feiern.

Streit um Geburtsdatum

Denn der Streit um das korrekte Geburtsdatum der traditionsreichsten deutschen Partei ist uralt. Offiziell hält die SPD am 23. Mai 1863 fest. Das war der Tag, an dem sich der SPD-Altvordere Ferdinand Lassalle, der ein Jahr später völlig unsozialdemokratisch an den Folgen eines Duells starb, mit Gleichgesinnten traf, um in Leipzig den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV) zu gründen. Doch als eigentliche Geburtsstunde der Partei gilt eher die letzte Mai-Woche 1875, als in Gotha der Konkurrenzkampf der rivalisierenden Flügel mit der Gründung der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SDAP) beendet wurde. Damit bekam die Arbeiterbewegung erstmals gesamtdeutsch eine politische Vertretung, die schließlich 1890 den heutigen Namen Sozialdemokratische Partei Deutschlands annahm. Mehr persönliche als sachliche Kontroversen hatten jahrelang die Versöhnung zwischen den eher reformerischen «Lassalleanern» und den stärker marxistisch orientierten «Eisenachern» verhindert. Letztere waren Anhänger der von August Bebel und Wilhelm Liebknecht in Eisenach 1869 gegründeten Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Auf dem Gothaer Vereinigungskongress vom 22. bis 27. Mai 1875 wurde die zwölfjährige Spaltung der rivalisierenden Arbeiterparteien überwunden. Im Gothaer Programm kamen die SPD-Ahnen noch mit ganzen 14 Punkten aus, um die Grundlagen des von ihnen angestrebten Staates zu formulieren. Zu diesem nach heutigen Maßstäben ungeheuer knappen Katalogs gehörten auch nach 140 Jahre noch unerfüllte Forderungen wie diese: «Eine einzige progressive Einkommensteuer für Staat und Gemeinde anstatt aller bestehenden, insbesondere das Volk belastenden indirekten Steuern».

Zerissen wie schon lange nicht mehr

Ob der SPD aber jetzt so richtig zum Feiern ist, muss sich erst noch erweisen. Denn die Traditionspartei präsentiert sich derzeit zerrissen wie schon lange nicht mehr. Die Reform-Agenda von Bundeskanzler Gerhard Schröder hat große Teile der Anhänger in eine tiefe Orientierungskrise gestürzt.

Auch die Vorbereitung auf die Feier am Freitag, auf der Gerhard Schröder eine mit Spannung erwartete Rede hält, verlief nicht ganz harmonisch. Nach langer Bedenkzeit entschied Generalsekretär Olaf Scholz, dass der im Streit mit Schröder abgetretene Parteichef Oskar Lafontaine bei dem Jubiläum unerwünscht ist - anders als seine Vorgänger Hans-Jochen Vogel, Björn Engholm und Rudolf Scharping. Lafontaine warf wegen der Ausladung Schröder vor, er gehe mit ihm so um, wie Josef Stalin seinerzeit mit seinem Rivalen Leo Trotzki. Der Kreml-Diktator habe schließlich auf offiziellen Fotos Trotzki nachträglich wegretuschieren lassen, beschwerte sich Lafontaine.

Ganz soweit wollten die SPD-Offiziellen aber nicht gehen. In der Parteizeitung «Vorwärts» ist zum Jubiläum immerhin die komplette Ahnenreihe der SPD-Chefs einschließlich Lafontaines abgebildet. Doch den SPD-Mitgliedern war offenbar nicht zuzumuten, den abtrünnigen direkt neben den jetzigen Parteichef zu stellen. Historisch etwas fragwürdig wurde deshalb zwischen Lafontaine und Schröder ein Foto von Wolfgang Thierse eingerückt. Der heutige Parlamentspräsident war schließlich nach Lafontaines Wahl auch einmal ostdeutscher SPD- Vorsitzender. Dagegen fehlt auf der Porträtleiste ein Parteichef, der nach Engholms Rücktritt die SPD über Monate in schwierigster Zeit kommissarisch geleitet hat: Johannes Rau, der jetzige Bundespräsident, der diese Aufgabe aber nicht noch einmal übernehmen möchte.

Joachim Schucht / DPA