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Perspektive-Deutschland: Die Zufriedenheits-Wiedervereinigung

Mehr als 500.000 Bürger nutzten die große Onlineumfrage, um ihren Wohnort zu loben und zu schelten. Größte gemeinsame Sorge: der Arbeitsmarkt. Doch mancherorts herrscht Optimismus.

Nicht einmal jeder dritte Bürger (28 Prozent) glaubt heute, dass man in fünf bis zehn Jahren noch gut in der Bundesrepublik leben kann. Und auch heute ist das Glück nicht vollkommen: Nur 60 Prozent der Bürger sind mit dem Leben in Deutschland zufrieden. Wichtigster Grund für die Skepsis ist die Angst um den Arbeitsplatz. Fast jeder zweite Deutsche (42 Prozent) sorgt sich inzwischen um den Job - im Vorjahr waren es 35 Prozent.

Zu diesem Ergebnis kommt die Auswertung der vierten Fragerunde von Perspektive-Deutschland. Die Umfrage geht auf die Initiative von McKinsey, Stern, ZDF und AOL zurück. Beteiligt haben sich daran im Zeitraum September bis Dezember 2004 insgesamt 511.000 Teilnehmer - mehr als jemals zuvor. Perspektive-Deutschland ist damit die weltweit größte gesellschaftspolitische Onlineumfrage.

Am Arbeitsmarkt muss etwas passieren

Der Schirmherr der Umfrage, der frühere Bundespräsident Richard von Weizsäcker, erklärte: "Nach wie vor leben wir Deutsche gerne in unserem Land." Allerdings bröckele diese Zufriedenheit auf hohem Niveau - im Vergleich zum Vorjahr liegt die Zufriedenheit um fünf Prozent niedriger. Die Sorgen um den Arbeitsplatz und um die Versorgung im Alter seien stark gewachsen. Mehr als die Hälfte der Bürger (60 Prozent) rechnet damit, dass sich ihre persönliche finanzielle Situation verschlechtert. Drei von vier Bürgern sehen "besonders hohen Handlungsbedarf" im Bereich Arbeitsmarkt. Die Schaffung von Arbeitsplätzen habe oberste Priorität - "daran sollte sich die Politik orientieren", sagte von Weisäcker bei der Vorstellung der Ergebnisse.

Doch es gibt auch gute Nachrichten. So ist das Misstrauen gegenüber Institutionen und politischen Parteien ebenfalls gesunken. "Die Bürger honorieren, dass die politisch Verantwortlichen die Probleme deutlicher als bisher beim Namen nennen, sie anpacken und ihnen dabei - wenn nötig - auch Opfer abverlangen", so von Weizsäcker. Dennoch stehen immer noch 59 Prozent der Bürger diesen Einrichtungen skeptisch gegenüber, Hilfs- und Umweltorganisationen genießen ein Vielfaches an Vertrauen.

Opfer ja - in Maßen

Opferbereit zeigen sich die Deutschen - wenn auch nur in Maßen. Rund ein Drittel der Bevölkerung ist kaum bereit, für die Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen persönliche Opfer zu bringen. Für Jobsicherheit würden die meisten lieber mehr arbeiten als auf Lohn zu verzichten. Fast jeder Zweite (47 Prozent) lehnt einen Gehaltsverzicht von zehn Prozent ab, selbst wenn er damit seinen gefährdeten Arbeitsplatz für die kommenden drei Jahre sichern könnte.

Die Gruppe der Arbeitslosen ist dabei wenig kompromissbereit. Könnten sie einen Job bekommen und dafür nur am Wochenende zu Hause sein, so würde mehr als die Hälfte der Arbeitslosen ablehnen. Selbst zwei Stunden pro Tag zu pendeln, lehnen 37 Prozent kategorisch ab. Grundsätzlich ist die Bereitschaft zum Pendeln und zum Umzug umso größer je jünger und je besser ausgebildet der Arbeitssuchende ist.

Leipzig ist Zukunftskandidat

Die zufriedensten Deutschen leben in Bayern und Baden-Württemberg. Stuttgart und München sind - wie auch in den Vorjahren - die Spitzenreiter unter den 15 größten deutschen Städten, gefolgt von Hamburg, Hannover und Köln. In Zukunft könnte Leipzig als erste Stadt im Osten in die Top Five vorstoßen. In diesem Jahr lag die Messestadt noch auf Platz zwölf unter ihresgleichen. Bei der Abfrage der erwarteten Zufriedenheit in fünf bis zehn Jahren jedoch machte Leipzig einen gewaltigen Satz und landete auf Platz vier.

"Leipzig zeigt, dass man mit einer starken Führungsfigur, einer guten lokalen Vernetzung und einer Verwaltung, die zügig auf die Anliegen der Unternehmer reagiert, ein positives Klima für wirtschaftlichen Aufschwung erreichen kann", so Jürgen Kluge, Deutschland-Chef von McKinsey.

Auf die lokale Führung und Vernetzung kommt es an

Damit ist Leipzig ein Modell, von dem andere viel lernen können. Denn eine Erkenntnis bildet die diesjährige Umfrage sehr deutlich ab: Den wirtschaftlichen Erfolg von Regionen machen vor allem starke Führungspersönlichkeiten in Politik, Wirtschaft und Verwaltung aus. Ihre reibungslose Zusammenarbeit ist nach Ansicht der Befragten die wichtigste Voraussetzung für mehr Investitionen und ein gutes regionales Gründerklima. Ist das gegeben, so blicken die Bewohner der Region viel positiver in die Zukunft. Größtes Hemmnis bei Investitionen und Arbeitsplatzwachstum ist nach Ansicht der befragten Selbstständigen, Freiberufler und leitenden Angestellten eine ineffiziente Verwaltung.

Schwindende Kluft

Auch andere Regionen im Osten haben sich mit dieser Methode auf einen aussichtsreichen Weg begeben. Die Zufriedenheit der Menschen dort stieg von 41 Prozent in 2003 auf 52 Prozent in 2004. Zwar werden die unteren Ränge erneut vorwiegend von ostdeutschen Städten und Gebieten belegt. Mit Oberfranken-Ost, der Westpfalz, Duisburg und der Region Bremerhaven sind aber erstmals auch westdeutsche Regionen vertreten. Eine wichtige Erkenntnis der diesjährigen Umfrage ist, dass sich - 15 Jahre nach der Wiedervereinigung - die Stimmung in Ost und West annähert. Während in Westdeutschland die Zufriedenheit insgesamt um vier Prozent sank, stieg sie im Osten um elf Prozentpunkte.

Optimistischer Osten

Und die ostdeutschen Regionen befinden sich im Aufwind: Die zehn Regionen, in denen sich die Zufriedenheit der Menschen mit ihrem Wohnort am stärksten verbessert hat, befinden sich ausschließlich in Ostdeutschland - angeführt von Uckermark-Barnim, Dessau und Vorpommern. Realistischere Erwartungen, gestiegene Kaufkraft und wirtschaftlich viel versprechende Industrieansiedlungen lassen die Menschen optimistischer als zuvor in die Zukunft blicken.

"Es ist wichtig, dass die Regierung genau weiß, wie die Leute ticken", sagte Heino Faßbender von McKinsey bei der Ergebnispräsentation mit Blickrichtung auf die Politiker. Die Deutschen seien Teil der Lösung und nicht des Problems. Nun ist es an den regionalen und überregionalen Politikern, sich von den erfolgreichen Regionen inspirieren zu lassen und so viel wie möglich aus den Einschätzungen, Gefühlen und Wünschen der Bürger zu machen.

Claudia Fudeus