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Pisa-Studie: Auf die Lehrer kommt es an!

Der Jubel über die schlauen Sachsen kann ein zentrales Ergebnis der Pisa-Studie nicht überdecken: Ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland hat eine sehr ungünstige Prognose für die Ausbildungskarriere. Um das zu ändern, müssen nicht nur Schüler gefördert werden, sondern vor allem Lehrer.

Ein Kommentar von Ingrid Eißele

An einer Hauptschule in Baden-Württemberg rückte neulich ein 15- jähriger Junge mit seinem Problem heraus. Der schwergewichtige Denis* war zuvor immer wieder durch Wutausbrüche aufgefallen, einmal rannte er mitten im Unterricht aus der Schule, ein andermal bedrohte er einen Mitschüler mit einer Schere. Er fühlte sich von seinen Klassenkameraden gehänselt, "Ärgerspiele" nannten sie das. Sie verulkten Denis wegen seines Nachnamens, sie stichelten ihn wegen seines Körpergeruchs. Einer versprühte demonstrativ Deo im Raum, wenn Denis herein kam. Die Hänseleien dauerten an, bis der Schulsozialarbeiter das Thema vor die Klasse brachte. "Ich will, dass man mich respektiert", sagte Denis dann.

Dass Kinder gehänselt werden, ist an vielen Schulen Alltag. Dass sich ein Schüler vor die Klasse stellt und sagt, was ihm das Lernen vermiest, das ist alles andere als normal. Die Klasse hörte Denis zu - es gab eine ehrliche Aussprache und zum Schluss eine Lösung. Der Deal: Denis und seine Widersacher müssen sich nicht mögen, aber respektieren. Sein ärgster Gegner verpflichtete sich, Denis zu helfen, wenn er gepiesackt werden sollte. Seitdem kann Denis wieder lernen.

Die Lernbedingungen interessieren kaum

Die Pisa-Studie misst, was Schüler können, lernen und wissen. Doch in dieser Diskussion um Prozentpunkte und erste Plätze im Ranking spielt kaum eine Rolle, dass viele Kinder erst gar nicht zum Lernen kommen, weil Steine im Weg liegen. Wer kann konzentriert arbeiten, wenn er in seinem Rücken abschätzige Blicke spürt? Wer hat den Kopf frei für kreative Lösungen, wenn er sich leer und traurig fühlt? Jahrzehntelang haben Lehrer weggeschaut, immer noch interessiert sie vor allem, was ihre Schüler lernen, nicht wie sie lernen. Auch die Bildungspläne der Gymnasien nehmen kaum Rücksicht auf die Verfassung der einzelnen Schüler. Hineinstopfen, so viel nur rein geht, lautet die Devise seit der Einführung des achtjährigen Gymnasiums.

Pisa kann man auf zweierlei Arten verstehen: Als sportlichen Wettbewerb, bei dem um den besten Platz in den Disziplinen Naturwissenschaften, Mathematik oder Leseverständnis gerungen wird. Es ist letztlich aber nur für Bildungspolitiker wichtig, wie sich das Ranking zwischen den Bundesländern verschoben hat - bei den meisten nämlich nur graduell. Zentral ist eine andere Botschaft der Studie: Ein Viertel der Jugendlichen in Deutschland hat eine "sehr ungünstige Prognose" für die weitere Schule- und Ausbildungskarriere.

Eine Schande für uns alle

Dies ist, liebe Lehrer, liebe Bildungspolitiker, liebe Eltern, eine Schande für uns alle und darüber können auch leichte Fortschritte nicht hinwegtäuschen. Es gibt Sätze, die sollte man in Marmor meißeln und in jeder Schule und in jedem Kultusministerium aufstellen: "Unser Land braucht alle Schüler. Wir können es uns nicht leisten, auch nur eine einzige Begabung ungenutzt zu lassen." Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat das mal gesagt, vor sechs Jahren. Was ist der Stand heute, wie wird die einzelne Begabung gefördert? Nur etwa ein Prozent der Lehrer weiß, wie man bei den wichtigsten Lernstörungen helfen kann, schätzt der Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie. Immerhin zehn bis zwanzig Prozent der Kinder leiden unter schweren Lernproblemen, die aber mit professioneller Unterstützung gemildert werden können. Vergangenes Jahr haben fast 80.000 Jugendliche die Schule ohne einen Abschluss verlassen. Es sind nicht nur Schüler mit geringer Intelligenz, die aus dem System geworfen werden.

Erfolg liegt nicht am Geld allein

Bei vielen liegen eben Steine im Weg. Sie haben Sprachschwierigkeiten und verstehen deshalb komplizierte Texte nicht, andere werden gemobbt wie Denis, sie leiden unter den Konflikten der Eltern, sie haben eine Legasthenie, sind hyperaktiv, schüchtern oder depressiv. Wenn aber jedes Kind zählt, dann braucht auch jedes, besonders die Schwächeren, gebührende Aufmerksamkeit. Die kostet Geld, aber sie kommt nicht durch mehr Geld allein. Hamburg und Bremen beispielsweise, die Schlusslichter der aktuellen Studie, liegen bei den Bildungsausgaben im oberen Bereich. Auch die Klassengröße ist nicht der Generalschlüssel zur guten Schule, ebenso wenig die Systemform, ob dreigliedrig oder zweigliedrig. Wer den Grund finden will, muss in die besten deutschen Schulen gehen und wird immer wieder auf dasselbe Phänomen stoßen: Auf die Haltung der Lehrer. Sie heißt: Wertschätzung und Ermutigung. Diese uralte pädagogische Tugend ist es, die Kindern Flügel wachsen lässt und die jeder kennt, der selbst gute Lehrer hatte, die einen spüren ließen: "Ich weiß, was in Dir steckt. Und ich helfe Dir, es zutage zu fördern - egal, aus welcher Familie du kommst." Das ist kein Geschenk. Es ist ein Recht, verbrieft in den Schulgesetzen der Länder. Besonders schön ausformuliert hat es Berlin, das auf den hinteren Plätzen der aktuellen Studie gelandet ist: "Jeder junge Mensch hat ein Recht auf zukunftsfähige schulische Bildung und Erziehung, ungeachtet seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Sprache, seiner Herkunft ... und der wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Stellung seiner Erziehungsberechtigten."

* Name geändert.

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