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Pro und Kontra Tempolimit: Von Heuchlern und Rasern

Deutschland ist das einzige Land der Welt ohne Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen. Nun macht sich die SPD für ein Tempolimit von 130 Stundenkilometern stark. Die stern.de-Autoren Gernot Kramper und Christoph M. Schwarzer streiten über Sinn und Unsinn.

Gernot Kramper:
Tempolimit muss sein

Rasen ist geil. Mit über 250 km/h über die Autobahn zu fliegen, ist ein Erlebnis ganz eigener Art. Der Fahrer verbindet sich mit seiner Maschine, die ganze Welt verengt sich zu dem einem kleinen Asphaltband am Horizont. Abbremsen, Beschleunigen, die Kräfte in den Kurven erlebt der ganze Körper. Ein Hochgefühl, wie es sonst nur Spitzensportler und Jetpiloten haben.

Im Gegensatz zu diesen Gruppen ist der Autofahrer aber in gar keiner Weise für dieses Erlebnis gerüstet. Sicher, er hat irgendwann einmal seinen Führerschein gemacht, aber die eigentliche Voraussetzung für Fahrspaß ohne Begrenzung bleibt die dicke Marie, um sich eine entsprechende Maschine leisten zu können. Hinzu kommt die Selbsteinschätzung, dass man sich die Sache schon zutraue.

Hass am Lenkrad

Wie das aussieht, weiß jeder. Die kleinsten Fische dieseln bis zur 220er Marke um die Wette. Über Stunden liefern sich Dienstwagenfahrer erbitterte Duelle, bei denen es keinen Sieger geben kann, weil die Gehaltsklasse allen den gleichen PS-Rahmen serviert hat. Lodert der Hass am Lenkrad erst einmal, sind 50 Meter Abstand im Amok-Konvoi eher die Regel als die Ausnahme. Und was passiert, wenn jetzt ein Polo blinkt und mit Tempo 120 einen Bus überholen möchte? Beruhigen sich die Rennpiloten, erinnern sich an die Richtgeschwindigkeit, bremsen beherzt ab und behelligen den Polo nicht weiter mit ihren Hormonspielchen? Sicher nicht, die Realität sieht anders aus: Anstatt auf die Bremse zu treten, wird zur Lichthupe gegriffen.

Im Kopf der deutschen Möchtegern-Testpiloten gehen Richtgeschwindigkeit von 130 km/h und das Rechtsfahrgebot eine ebenso wirre wie brisante Mischung ein. Im krassen Missverständnis wird die Gesetzlage als Anleitung zur Rücksichtslosigkeit verstanden: An die Richtgeschwindigkeit brauche man sich nicht zu halten und Langsam-Fahrer hätten nur ausnahmsweise auf der linken Spur etwas zu suchen. Dass die Selbstbeschränkung nicht funktioniert, kann jeder jederzeit erleben. Einfach nicht schneller als 140 km/h fahren und nicht im vorausseilenden Gehorsam vor den Rasern kuschen. Wer es überlebt, hat Glück gehabt. Warum sollen einsichtigere Zeitgenossen diesem Terror ausgesetzt sein?

Deutsche Autobahn kein herrenloses Terrain

Der einzige Grund fürs regellose Schnellfahren ist das aufgeputschte Gefühl des Fahrers, schneller ankommen tut er meist nämlich nicht. Aber für orgasmusartige Fahrgefühle gibt es einen geeigneten Ort, das ist die Rennstrecke und nicht die allgemeine Autobahn. Die deutsche Autobahn ist schon längst kein herrenloses Terrain mehr, das auf den energischen Herrenfahrer wartet. Sie gehört den Pendlern und beherbergt nebenbei das größte rollende Warenlanger der Welt. Ein bis zwei Spuren sind daher permanent mit "Tempo 100"-Fahrzeugen belegt, für Geschwindigkeitsexzesse bleibt kein Platz. Weil das Konzept der Richtgeschwindigkeit nicht funktioniert, muss das Tempolimit her. Es verringert die Differenz der Geschwindigkeiten drastisch und wird das Fahren stressfreier machen. Vielleicht auch langweiliger. Aber was soll daran falsch sein? Es kann keine staatliche Aufgabe sein, Nervenkitzel und Abenteuerspielplatz für Spätpubertierende bereitzuhalten.

Ob eine Autobahn-Höchstgeschwindigkeit die Co2-Bilanz merklich entlastet, ist fraglich, denn prozentual machen Hochgeschwindigkeitsfahrten nicht allzu viel aus. Hier geht es um ein Zeichen. Aber dass jeder Wagen am Limit deutlich mehr verbraucht, versteht sich von selbst, bei hohen Geschwindigkeiten wächst der Luftwiderstand extrem an. Die Verbrauchsangaben im Prospekt haben übrigens überhaupt nichts mit realen Verbrauchswerten zu tun, denn dafür wird kein Modell mit 280 km/h über die Strecke geprügelt, beim Normverbrauch gibt es natürlich längst eine Höchstgeschwindigkeit.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, warum das Tempolimit Unfug ist

Christoph M. Schwarzer:
Tempolimit ist Unfug

Unfug. Heuchelei. Enttäuschung. Mehr fällt mir nicht ein zur Forderung der Sozi-Basis nach strikten 130 auf den Autobahnen. Ja, ich bin dagegen, und das, obwohl ich ein Ökoterrorist bin. Aber der Reihe nach.

Das Tempolimit ist Unfug, weil keines der Argumente zieht. Da ist zuerst die Sprit- und damit Kohlendioxidersparnis: Unter einem Prozent, wenn's hoch kommt. Das ist erheblich weniger als der durch Fahrverhalten und sparsamere Autos ohnehin stetig sinkende Gesamtverbrauch jedes Jahr bringt. Und überhaupt, liebe SPD, wo ist denn Eure Forderung von Umweltministers Gabriel oder von Verkehrsministers Tiefensee nach einer Kohlendioxid-basierten Kfz-Steuer? Nirgends. Nicht mal ein Konzept habt Ihr vorgelegt. Mit dem hättet Ihr zeigen können, dass Ihr Spritschlucker zur Kasse bittet, um sparsame und damit für die breite Masse - Eure Wähler - erschwingliche Ökoautos zu fördern. Habt Ihr aber nicht. Weil Ihr mutlose Heuchler seid.

Der Mythos der Freiheit zieht noch

Klar, etwa 6000 Tempolimit-freie Autobahnkilometer gibt es noch. Und die sollen geopfert werden - wozu denn? Dass die SPD keine Ökopartei ist, beweist sie jeden Tag durch Nichtstun, siehe oben. Für die Sicherheit bringt es auch nichts, weil es in der Stadt 14(!)-mal gefährlicher ist und bei den fiesen Unfällen oft 80-km/h-LKWs im Spiel sind. Ins Fäustchen lachen werden sich derweil die Japaner, die Franzosen, die Chinesen und alle anderen, die mehr Autos verkaufen wollen. Wer's immer noch nicht verstanden hat: Der Mythos der Freiheit auf der Autobahn zieht immer noch, auch wenn's eben ein Mythos, eine Legende ist. Beim internationalen Käufer wirkt's, und darum werden deutsche Autos gekauft, die immer noch sehr oft von Deutschen entwickelt und produziert werden. Psychologische Gründe sind eben auch Gründe.

Zugegeben: Ich selbst fahre selten schneller als 130. Weil meine Hausstrecke über die A7 und die A2 mindestens zwei Staus hat und die Zeitersparnis wegen dieser Pace-Car-Phasen gleich null ist. Weil ich ökologisch denke und mein Golf dann eine Vier vorm Komma im Verbrauch hat. Weil's leiser ist und damit stressarm. Aber bitte, das will ich selbst entscheiden. Irgendwann muss mal Schluss sein mit den staatlichen Vorgaben, wie ich mein Leben zu führen habe.

Tempolimit nicht sexy

Die verwirrte SPD-Basis hat für ein Feigenblatt gestimmt. Statt einen Masterplan zur Förderung von Verkehrsleitsystemen und effizienten Autos aufzulegen, handelt sie aus dem Affekt heraus und will das Verbot. Ein Bärendienst für die Wahlergebnisse. Liebe Genossinnen und Genossen, wann versteht Ihr endlich, dass Tempolimit nicht sexy ist?

Ja, ich bin enttäuscht über die Einfallslosigkeit und Laschheit der roten Regierungspartei, wenn es um die Senkung des Kohlendioxidausstoßes geht. Ja, es wäre dumm und unklug, das kleine Stück unlimitierte Freiheit auf dem Altar der Political Correctness zu opfern. Und ja, ich habe schon mehr als einen Freund beim Neukauf eines Autos zum sparsameren Produkt hinterrorisiert: Wie oft, wie weit und wie schnell dann damit gefahren wird - musst Du selbst wissen!

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