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Protest gegen Stuttgart 21 "Schwarzer Dienstag" fällt aus


Es geht wieder los in Stuttgart: Die Bahn baut an ihrem neuen Mega-Bahnhof, die Bürger demonstrieren, die Polizei rückt aus. Das Ganze läuft aber weit friedlicher ab als 2010.
Von Anna Hunger, Stuttgart

Lukas Lach sitzt auf einem versifften Sessel im Mahnwachezelt. "Die sollen unseren Park in Ruhe lassen", sagt er und schnippt eine Zentimeter Zigarettenasche in eine alte Bratpfanne. "Das ist mein persönliches Stuttgarter Naherholungsgebiet." Lukas ist 26, trägt Käppi und Sportjacke mit einem durchkreuzten Stuttgart-21-Protest-Sticker und macht eigentlich seine Fachhochschulreife nach, wenn er nicht in diesem Zelt am Bauzaun sitzt. Es gebe nur noch Schule und Protest in seinem Leben. Ein Mädchen sitzt auf einem Stapel Euro-Paletten und kichert. Lukas grinst in seinen Kaffeebecher. "Naja, mehr Protest eigentlich", sagt er.

Es ist morgens um kurz vor halb sieben am Grundwassermanagement hinterm Stuttgarter Hauptbahnhof und es fehlt nur noch die Hüpfburg oder eine Kettenkarussell, dann könnte die Sitzblockade der Stuttgart-21-Gegner auch als Volksfest durchgehen. Rund 300 Demonstranten sind da. Etwa 100 davon sitzen vor dem Bauzaun und blockieren die Einfahrt zur Baustelle. Es gibt Kaffee aus großen Thermostöpfen, zerbröselte Vollmilch-Schokolade aus Plastikschüsseln, eine Menge Brezeln, ein bisschen Empörung und viel gute Laune. Später wird sie die Polizei nach und nach wegtragen, Platzverweise erteilen und auch Anzeigen erstatten. Die Angst vor einer Eskalation nach dem Ende des zweieinhalb Monate dauernden Baustopps erwies sich aber als unbegründet. Vom befürchteten "Schwarzen Dienstag" keine Spur. Wäre der Protest gegen Stuttgart 21 doch nur immer so ruhig abgelaufen.

Eine Frau mit dunklen Locken spielt Akkordeon, den "Deserteur", sagt sie. Weil das so gut passt. Auch der fast blinde der fast blinde Dietrich Wagner ist da, er hat sich ein Schild umgehängt. "CDU-KZ ungesühnt" steht darauf. Was genau das bedeuten soll, weiß er nicht so genau. Jedenfalls hat er sich das Schild knapp unter den Hals gebunden. "Damit das Fernsehen es nicht herausschneiden kann", sagt er. Im Hintergrund zieht ein Mädchen übergroße Seifenblasen in den Himmel. Am Straßenrand stehen die Blockierten: Drei blaue Baufahrzeuge, deren Fahrer muffig an den Autotüren lehnen, während ein paar Männer in Anzügen aufgeregt in ihre Telefone keifen.

Anette und die Maulwürfe

"Anette von der Parkwache" kommt mit ihrem roten Golf II vorgefahren. Die Scheibe haben sie ihr in der Nacht eingeschlagen, sagt sie und ist ganz außer sich. Kekse haben sie geklaut, Linsen in Dosen und 40 Pfandflaschen. Die seien mehr wert gewesen, als das Radio, sagt sie und zeigt auf das Loch über der Schaltung, in dem gestern noch das Radio steckte und aus dem heute nur noch ein paar bunte Drähte quellen. Sabotage von Innen, glaubt sie. "Maulwürfe", sagt Anette. Gegen halb neun trägt die Polizei die ersten Sitzenden davon. Eine Musikkapelle spielt die Nationalhymne, die Akkordeonspielerin quetscht einmal mehr den "Deserteur" aus ihrem Instrument. SÖS-Stadtrat Hannes Rockenbauch, der neue Kopf des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21, sitzt in zweiter Reihe vor dem Bauzaun, gibt ein Interview, lacht für ein Foto, gibt wieder ein Interview. Der "Preis für die Politik" müsse höher werden, sagt er. Und: "Die Leute werden sich auch nicht von grün-roten Wasserwerfern einschüchtern lassen." Währenddessen spricht Parkschützer-Pressesprecher Matthias von Herrmann in sein Head-Set, hackt Statements für die deutsche Presse in seinen Laptop, telefoniert wieder, schreibt, telefoniert. Die Stimmung sei aufgeheizt. Außerdem sei es das erste Mal, dass gleich zwei Sitzblockaden auf einmal stattfinden. "Das hatten wir noch nie."

Was S21 mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun hat

Denn auch am Nordflügel wird gesessen. Sieben Demonstranten haben sich vor einem Lastwagen mit Gerüstteilen platziert, ein Mädchen liegt darunter, zwei Männer stehen hinter dem LKW. Der Fahrer sitzt in seinem Führerhaus und raucht. Seit über einer Stunde. "Kaum Polizei am Nordflügel", sagt die Stimme im Head-Set von Matthias von Herrmann. Irgendwo brüllt ein Mann einen Polizisten an, der aussieht, als sei er es mittlerweile gewohnt, angebrüllt zu werden. Eine alte Frau schwenkt das Grundgesetz durch die Luft, dann die Landesverfassung. Den Artikel 20 zur Versammlungsfreiheit hat sie sich rot markiert. Sie habe den Zweiten Weltkrieg miterlebt, soweit dürfe es nicht mehr kommen, sagt sie und brüllt ein "Buh" in Richtung zweier Polizisten, die sich mit einem Blockierer mühen, der sich unhandlich auf den Boden gelegt hat und nicht bereit ist, sich sitzend tragen zu lassen.

Auch die Akkordeonspielerin wird vom Platz getragen. Sie spielt immer noch den Deserteur. Die Menge jubelt. Um elf Uhr ist der Platz geräumt. "Sauber", sagt einer am Straßenrand. "Elf Uhr. Lange durchgehalten." Dann wird es ruhig. Lukas Lach trinkt sein drittes Bier. Die Sonne scheint.

Am Mittwoch wird er wiederkommen. Dann wird die Bahn über die nächsten Baumaßnahmen unterrichten. Wenn der Protest dagegen genauso friedlich abläuft, kann der Staatskonzern zufrieden sein.


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