Reform der Gymnasien Stunden streichen ist der falsche Weg


Der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider will die Zahl der Pflichtstunden bis zum Abitur reduzieren. Doch schon jetzt lernen deutsche Schüler im europäischen Vergleich viel weniger. Wer jüngere Abiturienten haben will, muss die Ganztagsschule einführen.
Ein Kommentar von Catrin Boldebuck

Die Bayern sind wieder mal am schnellsten. Nach massiven Protesten von Eltern gegen Leistungsdruck und Stress durch die G8-Reform an den Gymnasien, reagiert nun Kultusminister Siegfried Schneider (CSU). Er will die Zahl der Pflichtstunden bis zum Abitur reduzieren. Doch von "deutlichen Kürzungen", wie die "Süddeutsche Zeitung" heute schreibt, kann keine Rede sein. Bisher muss ein deutscher Schüler bis zum Abitur 265 Wochenstunden in der Schule hocken, in Bayern sogar 266 Stunden. In Zukunft sollen 260 in acht Jahren reichen. Statt 33,25 Wochenstunden pro Schuljahr also nur noch 32,5. Eine deutliche Entlastung sieht anders aus.

Beim Fachunterricht soll nicht gespart werden, die Schulen können lediglich Projektarbeiten oder Intensivierungsstunden streichen. Das ist der falsche Weg. Denn noch immer dominiert in deutschen Schulen der Frontalunterricht: Der Lehrer spricht, die Klasse hört mehr oder weniger zu. Stattdessen sollten die Schüler in jedem Fach individuell und selbständig lernen. Aber das kostet Zeit. Außerdem kündigt Bayerns Schulminister die Überarbeitung des Lehrplans an. Vier Jahre nach Einführung der G8-Reform soll er nun endlich angepasst werden. Zum nächsten Schuljahr soll es nur noch den Pflichtstoff geben, Doppelungen und Detailwissen werden gestrichen.

Auswirkungen auf Kinder: Bei G8-Reform nicht bedacht

Kein Unternehmen könnte sich erlauben, so vorzugehen. Bevor ein neues Haus gebaut wird, entwirft der Architekt das Haus, er macht einen Plan und organisiert alle Gewerke. Erst danach werden das Fundament gegossen und die Mauern hoch gezogen. Ganz anders wird dagegen in Deutschland Schulpolitik gemacht. Die G8-Reform wurde über Nacht beschlossen und eingeführt - ohne darüber nachzudenken, wie sich das auf die Kinder auswirkt.

Die bayerischen Schüler der Klassen fünf bis acht waren quasi Versuchskaninchen. Das Haus ist völlig schief geraten, jetzt wird nachgebessert. Jeder Bauherr weiß, was das heißt. "Das ist völlig schlampert gemacht worden", sagte Doris Schröder-Köpf treffend im stern.

Stunden am Gymnasium sollten nicht gestrichen werden

Die Stunden am Gymnasium sollten nicht gestrichen werden. Denn schon jetzt lernen deutsche Schüler im Vergleich mit ihren europäischen Klassenkameraden viel weniger. Wer jüngere Abiturienten haben will - und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden - muss die Ganztagsschule einführen. Nur dann kann der Stoff sinnvoll aufgeteilt und strukturiert werden, damit neben Englisch und Physik auch noch Zeit für Sport und Erholung bleibt. Mehr Stunden in die Halbtagsschule zu quetschen funktioniert einfach nicht. Um das auszurechnen, muss man noch nicht mal in Mathe gut aufgepasst haben.


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