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Schändungsskandal: "Gefahrenpotenzial deutlich erhöht"

Die Bilder der Totenschändungen in Afghanistan schockieren das ganze Land. Wie kann die Bundeswehr verhindern, dass sich solche Vorfälle wiederholen? stern.de sprach mit einem Truppenpsychologen über schwarze Schafe und Gruppendynamik.

Fast täglich tauchen neue makabere Bilder auf, die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan mit Schädeln und Knochen zeigen. Was sind das für Leute, die für die Bundeswehr zu solchen Auslandseinsätzen gehen?
Sie spiegeln die Gesellschaftsstruktur wieder. Es sind alle Altersgruppen, alle Dienstgrade, alle Bildungsstände vertreten. Für viele gehören Auslandseinsätze zum Dienst. Andere melden sich freiwillig, vielleicht auch wegen der finanziellen Anreize. Freiwillige mit Söldnermentalität versuchen wir aber von Anfang an auszusortieren, Menschen die sämtliche Normen und Werte relativieren. Söldner werden Söldner, weil sie kämpfen wollen. Ich will nicht vom Killerinstinkt sprechen, aber die, die nur auf Abenteuer aus sind, können wir nicht brauchen.

Wie will die Bundeswehr diese Menschen denn aus der Masse von Bewerbern herausfiltern?


Bei den Einstellungsuntersuchungen werden die Freiwilligen unter anderem durch erfahrene Psychologen geprüft. Aber einen hundertprozentigen Schutz bieten auch psychologische Tests und Interviews nicht. Es gibt immer gute Schauspieler, die durch die Maschen schlüpfen. Bei 200.000 bis 250.000 Soldaten ist auch mal ein Schwarzes Schaf dabei.

Wie werden die Soldaten auf Auslandseinsätze vorbereitet?


Es gibt zwei verschiedene Arten der Vorbereitung. Zum einen eine dreiwöchige Schulung, bei der militärische Fertigkeiten ausgebaut und Konfrontationen geübt werden. Da stellen wir zum Beispiel in Übungen Geiselnahmen nach und versuchen die Soldaten mit Hilfe von Fotos und Filmen auf die Konfrontation mit Gewalt und Zerstörung vorzubereiten. Soldaten, bei denen der Termin für den Auslandseinsatz schon steht, schulen wir dann aber noch einmal intensiv. Eine Woche lang werden sie auf Land, Leute und Kultur ihres Einsatzgebietes vorbereitet. Außerdem bekommen sie Ethik- und Psychologieschulungen. Wir unterrichten Stressbewältigung, erklären ihnen Kriterien und Symptome von Traumata. Vor dem Kongo-Einsatz sind wir auch auf die Konfrontation mit Kindersoldaten eingegangen.

Vor zwei Jahren hat die Bundeswehr die Regeleinsatzzeit von sechs auf vier Monate verkürzt. Wegen des psychischen Drucks?
Ja, auch deswegen. Denn je länger man aus dem heimatlichen Kulturkreis herausgerissen wird, desto mehr können Normen und Werte von zu Hause verblassen. Die Gefahren in Ländern wie Afghanistan müssen für die Dauer des Aufenthalts in den persönlichen normativen Bezugsrahmen integriert werden, müssen quasi zur Normalität werden. Wer es nicht schafft, die Konfrontation mit Zerstörung, Bedrohung und Gewalt als normal zu akzeptieren, wird psychisch krank.

In den Camps im Ausland sind auch Psychologen und Seelsorger vor Ort. Werden deren Dienste von den Soldaten in Anspruch genommen?


Das kommt immer auch auf die Situation an. Man kann nicht sagen, dass zehn, zwanzig oder dreißig Prozent der Soldaten psychologische Hilfe in Anspruch nehmen. Nach dem Anschlag auf einen Bus in Kabul zum Beispiel wurden deutlich mehr Soldaten psychologisch oder seelsorgerisch betreut. Außerdem haben wir so genannte "Peers" in der Truppe. Das sind speziell geschulte Soldaten, unsere Fühler in den Verbänden. Wenn diese bei Kameraden auffällige Verhaltens- oder Persönlichkeitsveränderungen feststellen, dann werden sie als speziell geschulte Kameraden selbst aktiv werden und gegebenenfalls dafür sorgen, dass diese Soldaten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Vielleicht haben wir zu wenige ausgebildete Peers.

Wie kann man solche Vorfälle, wie sie jetzt publik gemacht werden, in Zukunft verhindern?
Wenn wir genau wissen, wie es dazu gekommen ist, können wir mehr sagen. Aber eines ist sicher: Komplett verhindern kann man so etwas nicht. In Gefahrensituationen wird der Gruppenzusammenhalt wesentlich stärker. Da kann sich eine Situations- oder Gruppendynamik entwickeln, die unter hoher Belastung in Einzelfällen, insbesondere bei noch jüngeren Soldaten, auch außer Kontrolle geraten kann. Das sind subtile psychologische Prozesse.

Wenn der Zusammenhalt in Gefahrensituationen so stark ist, warum gehen einzelne mit diesen Fotos an die Öffentlichkeit?


Das würden wir auch gerne wissen. In einer so brisanten Situation wie dieser, in der es aktuell auch um den Einsatz deutscher Soldaten im Süden Afghanistans geht, ist die Veröffentlichung unverantwortlich. Die Konsequenz ist, dass das Gefahrenpotenzial für die Soldaten vor Ort deutlich erhöht ist. Wir kennen die Reaktion der afghanischen Regierung, aber wir wissen nicht, wie die Taliban oder Warlords reagieren werden.

Interview: Christina Stefanescu und Nicole Heißmann
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