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Griechenland-Krise Die zerstörten Brücken des Sigmar Gabriel

SPD-Chef Sigmar Gabriel steht in der Kritik - sie kommt aus den eigenen Reihen
SPD-Chef Sigmar Gabriel steht in der Kritik - sie kommt aus den eigenen Reihen
© Odd Andersen/ AFP
Vizekanzler Sigmar Gabriel wählte deutliche Worte nach dem "Nein" der Griechen im Referendum. Dafür muss er nun heftige Kritik einstecken - vor allem aus der eigenen Partei. 
Von Matthias Jauch

Sigmar Gabriel hat viele Talente. Eines seiner größten ist sicher, sich in die Nesseln zu setzen. Nach dem griechischen Referendum war es mal wieder soweit: Kaum hatten über 60 Prozent der Griechen mit "Nein" gestimmt, hörte Gabriel - für ihn ganz typisch - auf seinen Bauch und machte seiner Wut über die griechische Regierung Luft. Vor allem gegen Ministerpräsident Alexis Tsipras teilte er aus: Dieser habe "letzte Brücken eingerissen", wütete Gabriel. Im stern-Interview setzte er noch einen drauf: Tsipras habe versucht, "die gesamte Euro-Zone auf den Kopf zu stellen" und nicht verstanden, dass das nur zu Lasten der Griechen gehe. "Wir dürfen die Menschen nicht verantwortlich machen für die Dummheiten ihrer Regierung", erklärte der SPD-Chef.   

Zuspruch kommt dafür von ungewohnter Seite. Die Bild-Zeitung lobt Gabriel in den höchsten Tönen: "Hart, härter Gabriel." Der "eiserne Sigmar" sei sogar härter als die Kanzlerin. 

Viel Kritik von Seiten der SPD-Parteispitze

In den eigenen Reihen fielen die Reaktionen weit weniger positiv aus. Im Deutschlandfunk empfahl SPD-Vize Ralf Stegner seinem Vorsitzenden, nicht "mit dem gehobenen Zeigefinger Ratschläge" zu geben. Es sei wichtig, "auch Respekt gegenüber Griechenland anzuwenden." Noch deutlicher formulierte es Juso-Vorsitzende Johanna Uekermann in der Zeitung "Die Welt": "Die SPD muss Brückenbauer in Europa sein, nicht Sprengmeister." SPD-Außenpolitiker Niels Annen sagte der "Süddeutschen Zeitung": "Wir dürfen uns jetzt, bei allem berechtigten Ärger, nicht von Emotionen leiten lassen, dafür steht zu viel auf dem Spiel." Auch das Bild eingerissener Brücken wies er zurück: "Wenn es einen belastbaren Vorschlag aus Athen gibt, sollten wir diese Brücke betreten." 

Die heftige Kritik erinnert daran, welche Alleingänge Gabriel seit Beginn des Jahres hingelegt hat. Im Januar hatte er, als "Privatmann", in Dresden mit Anhängern der "Pegida"-Bewegung diskutiert. Kurz darauf nötigte er Justizminister Heiko Maas, seinen Widerstand gegen die Vorratsdatenspeicherung aufzugeben. Die SPD, eine linke Partei? Für viele Genossen driften Ton und Kurs des Vorsitzenden gerade viel zu weit nach rechts.   

"Zickzack No More" - Genörgel von der SPD-Basis

Auch Teile der Basis teilen nun gegen ihren Vorsitzenden aus. In Online-Foren und Blogs von SPD-Mitgliedern findet sich starke Kritik, etwa unter dem Titel "Zickzack No More", eine Anspielung auf Yanis Varoufakis Tweet, in dem er seinen Rücktritt bekanntgab. Genörgel gibt es auch Gabriels Aussage im stern-Interview: "Die Aufnahme Griechenlands in den Euro ist aus heutiger Sicht sehr naiv erfolgt." Diese war vor allem durch die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Schröder vorangetrieben worden. "Schröder war als Kanzler anstrengend – aber er hatte eine Linie, und er war RegierungsCHEF. Da kann man ab und an poltern", steht dazu in einem Blogeintrag der Seite "deinespd.de". 

Auch typisch Gabriel: Wenig später gibt er der Kritik etwas nach und schlägt moderatere Töne an. "Selbstverständlich müssen alle jederzeit zu neuen Gesprächen und Verhandlungen bereit sein", schrieb Gabriel am Tag nach der Vorstandssitzung auf seiner Homepage. Europa dürfe die Menschen in Griechenland jetzt nicht im Stich lassen, das Land bedürfe unserer Solidarität, schrieb er weiter. Wenn es um die Brücken zur eigenen Partei geht, ist Gabriel um Instandsetzung mehr als bemüht. 


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