Soldaten schänden Toten "Sie spielen sich auf zu Herren über Leben und Tod"


Wie kann es dazu kommen, dass Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan Leichen schänden, mit Totenschädeln spielen, dass sie sämtliche sozialen Hemmungen über Bord werfen? Im stern.de-Interview erklärt der Psychotherapeut Peter Boppel die Mechanismen.

Herr Boppel, hat Sie die Meldung überrascht, dass Bundeswehr-Soldaten der Isaf-Truppe in Afghanistan einen Totenschädel - also Leichenteile - geschändet haben?

Nein. Das ist eine besondere Art mit Kriegsgräuel, mit der eigenen Angst und der eigenen Aggressionsspannung umzugehen. Als Soldat im Krieg befinde ich mich in einer Situation der ständigen Todesangst, der Hilflosigkeit und einer großen inneren Spannung. Die kann ich am besten dadurch lösen, in dem ich mich in eine Größenfantasie hereinsteigere, in dem ich mich als Herr über Leben und Tod aufspiele. Durch Klamauk. Durch irgendwelche extremen Verhaltensweisen. Die eigene Kleinheit wird durch irgendeine große Tat überdeckt, die auch unsinnig sein kann. Die Handlungen der Soldaten haben in diesem Fall dabei fast rituellen Charakter.

Was für ein Ritual meinen Sie?

Das ist fast wie in archaischen Zeiten: Sie erheben sich über den Feind, in dem sie sich an seiner Leiche vergehen. Dazu passt, dass sie die Totenschädel auf eine Kühlerhaube pflanzen.

Eines der Fotos, das die "Bild-Zeitung" abgedruckt hat, zeigt einen Soldaten, wie er die Mundöffnung des Schädels zu seinem entblößten Penis führt. Hat es eine besondere Bedeutung, dass die Entgleisung so einen stark sexuellen Charakter hat?

Nein, das ist eine Machtgebärde. Ähnlich wie bei einer Vergewaltigung im Krieg sollen solche Gebärden demonstrieren, dass man die Macht hat, den Gegner auch über sexuellen Handlungen völlig zu erniedrigen. Mit Sexualität hat das nur sehr am Rande zu tun.

Was läuft da so falsch in der Psyche der Soldaten, dass sie sämtliche sozialen Hemmungen ablegen?

Das ist ein sehr komplexes Geschehen. Ein Soldat kommt zunächst mit seiner Primärpersönlichkeit in die Ausbildung. Dann spielt eine wesentliche Rolle, wie er ausgebildet wird. Spätestens seit den Vorgängen in der Kaserne in Coesfeld wissen wir, wie selbst normale Wehrpflichtige schwer getriezt, gedemütigt und gequält werden können. In Spezial- und Eliteeinheiten, die für den Nahkampf, für das Mann-Zu-Mann-Töten ausgebildet werden, müssen die im Menschen vorhandenen altruistischen Anteile abtrainiert werden. Ich muss die Leute richtig gut für das Töten ausbilden, um sie so auch selbst zu schützen. Als drittes Element kommt der situative Faktor hinzu. Da spielt der Gruppendruck eine große Rolle, die Atmosphäre, die in einer Einheit herrscht.

Wie würden Sie die Ausbildung bei der Bundeswehr bewerten?

Seitdem die Bundeswehr Spezialeinheiten wie das Kommondo Spezialkräfte (KSK) ausbildet, werden auch Ausbildungen praktiziert, die massiv in die Persönlichkeit einschneiden, um die Soldaten fit für den Einsatz machen. Früher gab es das vielleicht bei den Fallschirmjägern und den Tauchverbänden. Der erste Kommandant der KSK jedoch ist abgelöst worden, weil die Ausbildung zum archaischen Kämpfer irgendwann offensichtlich wurde.

Im Juli dieses Jahres wurde bekannt, dass immer mehr Bundeswehr-Soldaten mit der wachsenden Zahl der Einsätze unter so genannten Posttraumatischen Belastungsstörungen (PBTS) leiden. Was bedeutet das?

Der seelische Druck, der auf diesen Soldaten lastet, führt zu einem Zerbrechen von inneren Strukturen. Das ist vergleichbar mit einer Situation, in der man jemandem den Arm umdreht. Irgendwann, wenn man immer weiter dreht, reißt das Gewebe. Das ist vergleichbar mit dem Seelischen: Das, was ein Mensch aushält, hat eine bestimmte Begrenzung, die wiederum vom Individuum abhängig ist und vom äußeren Druck. Hier kann eine Traumatisierung entstehen - abhängig davon, wie gut man die Leute zuvor ausgebildet hat.

Und wie kann man so etwas behandeln?

Der Patient wird mit dem sehr allmählichen Wiedererleben jener Situation, die ihm immer wieder in den Kopf kommt, vertraut gemacht, etwa, wenn er immer wieder davon träumt, wie sein Kamerad zerfetzt worden ist. Man muss versuchen, dieses Geschehen mit psychologischen Mitteln in sein Leben einzuordnen, so dass es eine nicht mehr unterbrochene Geschichte gibt, die er selbst anerkennt. Das ist ein sehr schwer zu behandelndes Krankheitsbild.

Interview: Florian Güßgen

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