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Zwei junge SPD-Mitglieder im stern: Liebe altgediente Platzhirsche: Das muss sich ändern in unserer SPD

Der SPD laufen die Wähler davon - und in der Partei tobt ein Konflikt zwischen Jung und Alt. Wie wird Deutschlands älteste Volkspartei wieder attraktiv für junge Leute? Zwei junge Sozialdemokraten geben im stern Antworten.

SPD-Mitglied Verena Hubertz aus Berlin fordert: Ein Viertel aller Mandate in der Partei sollte an Mitglieder unter 35 Jahre vergeben werden.

SPD-Mitglied Verena Hubertz aus Berlin fordert: Ein Viertel aller Mandate in der Partei sollte an Mitglieder unter 35 Jahre vergeben werden.

Für die SPD dürfte der Jahresbeginn 2018 als eine der schlimmsten Zeiten in die Parteigeschichte eingehen. Die Wähler laufen in Scharen davon – eine Umfrage sah Deutschlands älteste Volkspartei in dieser Woche bei 16 Prozent. Und gleichzeitig tobt der Streit unter den Parteimitgliedern, ob die SPD eine erneute Große Koalition mit der Union eingehen soll. 

Ein Thema schwingt immer mit: In der SPD tobt ein Generationenkonflikt. Gegner der Großen Koalition finden sich vor allem bei den Jusos. Der Initiative "NoGroKo" geht es um nichts weniger als darum, "die Sozialdemokratie zu retten", wie es auf der Website der Kampagne heißt. Aber wie rettet man die Sozialdemokratie? Und wie verschaffen sich die Jungen Gehör in einer Partei, in der das Durchschnittsalter bei 60 Jahren liegt? 463.723 SPD-Mitglieder gibt es - darunter "nur" rund 70.000 Jusos, also Parteimitglieder unter 35 Jahren.


Der stern hat nachgefragt unter jungen Sozialdemokraten. Antworten durften sie namentlich – oder auch anonym. Hier die Gedanken zweier Jusos.

Ein Juso aus Hamburg: Das Ausmaß der Ohnmacht junger Menschen in der SPD ist neu

"Die SPD ist alt. Zumindest aus Sicht der Jusos. Nur 15 Prozent der SPD-Parteimitglieder sind unter 40 Jahre alt. 85 Prozent sind älter, so die Bundeszentrale für politische Bildung.

Warum sind junge Leute unterrepräsentiert in der SPD, einer politischen Partei die doch die gesamte Gesellschaft widerspiegeln will?

Liegt es an den altgedienten "Platzhirschen", also typischerweise alten Parteisoldaten und Geschichtenerzählern, die immer schon dabei waren und die ihre Kompetenz deutlich überschätzen? Und auch nach 25 Jahren Kreisvorstand einfach immer noch nicht das Feld für jüngere Genossen räumen?

Liegt es vielleicht auch an der Jugend selbst? Man mag ja staunen, wie sehr Multimedia und Co. den durchschnittlichen jungen Menschen davon abhält, am ersten Donnerstag jedes Monats zum Ortsverein zu kommen, um über die Frage zu diskutieren, ob man sich als SPD dafür einsetzen möchte, dass Straßennamen im Stadtteil geändert werden.

Doch nehmen wir einmal an, die Jugend will sich sogar engagieren. Man hat große Projekte, Ideale, Ideen - manche sind Stuss, manche sind wahre Visionen. Doch selten geht es dabei um Straßenschilder. Es geht eher um Ungerechtigkeiten im deutschen Gesundheitssystem und im Bereich Bildung - es geht um wichtige Dinge.

Doch so einfach lassen sich die besten Ideen nicht umsetzen. Mal ist die Rechtslage nicht so einfach - und oft nicht so ungerecht wie gedacht. Mal steht die Hälfte der Ortsvereinsmitglieder dem Projekt relativ indifferent gegenüber (wenn sie sich denn überhaupt mit ihr befassen möchten). Und dann kommt die Erkenntnis, dass sich der Status Quo auch die nächsten Jahre erstmal nicht ändern wird.

Dann wird's für viele schwer. Denn das frustriert.

Dieses Problem ist nicht neu. Und schon gar nicht in der SPD. Aber es ist kein Zufall, dass die lautesten - oder zumindest am besten inszenierten - Stimmen für #NoGroko und für eine Erneuerung in der Partei von den Bundes-Jusos kommen.

Denn das Ausmaß der Ohnmacht junger Menschen im parteipolitischen Willensbildungsprozess der SPD ist neu. Allgemein haben Parteien sich vom Leben vieler Bürger abgekoppelt. Junge Leute sind zudem sprunghafter als früher, wählerischer, sie haben mehr Alternativen, um sich zu beschäftigen, sie legen sich ungern fest. Aber auch bei ihnen hängt die Motivation für politisches Engagement mit dem Grad ihrer Anerkennung in der Partei zusammen.

Um sie bei der Stange zu halten, muss man ihnen das Gefühl geben, sich auch einbringen zu können. Man muss die Art der innerparteilichen Kommunikation mehr nach ihnen ausrichten.

Wie das geschehen könnte? Die Kommunikation muss auch digitaler werden. Eine Möglichkeit ist die von vielen Seiten geforderte Umsetzung einer Online-Plattform. Viel diskutiert und insbesondere auf niedriger Funktionärsebene wohl auch richtig, sind Forderungen nach Quotenregelungen für Funktionärsposten. Eine andere Möglichkeit wäre ein Mindestdurchschnittsalter in politischen Gremien.

Diese Ideen zeigen: Die Jugend fordert Mitbestimmung. Sie will gehört werden. An Themen mangelt es sicherlich nicht - vielleicht gibt es auch bald Mehrheiten, um sie umzusetzen. Vermutlich bei mehr jungen Leuten in der Partei."

Verena Hubertz, Unternehmerin und SPD-Mitglied aus Berlin: Wir brauchen eine Jugendquote

Verena Hubertz (30), Gründerin der Berliner Food-Plattform Kitchen Stories und SPD-Mitglied

Verena Hubertz (30), Gründerin der Berliner Food-Plattform Kitchen Stories und SPD-Mitglied

"Die SPD muss vor allem weiblicher, jünger und digitaler werden. Hierfür haben wir mit "SPD++" einige Vorschläge erarbeitet (Anmerkung der Red.: "SPD++" ist eine Initiative innerhalb der Partei von jungen Mitgliedern). Zum einen ist es wichtig, dass die SPD über die lokalen Strukturen hinaus zusätzliche Mitmach-Möglichkeiten bietet. Insbesondere junge Menschen ziehen während des Studiums und zu Beginn ihres Berufslebens mehrfach um und können sich daher oftmals nicht über einen längeren Zeitraum an einem Ort politisch engagieren. Dies ist unter anderem ein Grund, weshalb ich die Einführung von Online-Themenforen unterstütze. Hier können sich Parteimitglieder ortsübergreifend zu Themenschwerpunkten (von Umwelt, Europa bis Arbeit 4.0) einbringen. Ich bin überzeugt, dass mehr Beteiligung der Parteimitglieder zu mehr Durchlässigkeit und somit zu besseren Ideen und Ergebnissen führt.

Ebenso finde ich die Forderung nach einer Jugendquote wichtig und richtig. Die Meinungsplattform Civey hat herausgefunden, dass rund 80 Prozent der 18 bis 29 jährigen sich von der Politik nicht ausreichend repräsentiert fühlen. Ich fordere daher, dass die SPD eine Jugendquote einführt und 25 Prozent aller Mandate an Parteimitglieder unter 35 Jahre vergibt. Obwohl ich per se kein Befürworter von Quoten bin, benötigen wir in diesem Fall ein verbindliches Instrument, da eine Verjüngung ansonsten nicht stattfindet. Eine Jugendquote würde eine stärkere Identifikation der Wähler ermöglichen und die Sichtweisen unserer Generation besser in die Politik einbringen.  

Für mich muss sich die SPD primär organisatorisch moderner aufstellen. Aus einer inhaltlichen Perspektive finde ich, dass die SPD gute Politik für meine Generation macht (von der Verbesserung der Ausbildungsbedingungen bis hin zu BAföG-Erneuerungen sowie Maßnahmen zur Stärkung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf).  

Was ich mir allerdings von der SPD wünsche, ist eine große gesellschaftliche Vision, wie wir in 30 Jahren arbeiten, leben und wohnen. Hierfür braucht es einen sozialdemokratischen Entwurf, der Freude an Themen wie beispielsweise Digitalisierung und Europa weckt. Im Falle von Europa gelingt das schon ganz gut, in anderen Fragen sehe ich hier allerdings noch Bedarf."


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