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Analyse

SPD-Verzwergung: Gabriel, der Leidensmann

Die Krise der SPD scheint sich im Gesundheitszustand ihres Vorsitzenden zu spiegeln: Bei Gabriel ist die Gesichtshaut entzündet, er hat vorerst alle Termine abgesagt. Gerüchte kursieren, er würde demnächst hinschmeißen.  

SPD-Chef Sigmar Gabriel: Seine Hauterkrankung ist schon deutlich zu erkennen

Ende April im Bundestag: Sigmar Gabriels Hauterkrankung ist schon deutlich zu erkennen.

Auch das noch. Eine Gürtelrose im Gesicht, diagnostiziert die "Bild". Die Symptome: Ausschlag, Fieber, Schmerzen. Eine der möglichen Ursachen: Stress. Eine offizelle Bestätigung der Diagnose gibt es nicht. Aber die jüngsten Fotos von Sigmar Gabriel zeigen schonungslos, wie stark seine Gesichtshaut entzündet ist. Sicher ist, dass es medizinisch um mehr als Peanuts geht: Der Vizekanzler hat alle Termine und Reisen bis Sonntag abgesagt. Gabriel hat sich nach Goslar zurückgezogen, seine Heimatstadt. Er will sich erholen.

Wahrscheinlich gelingt das - hinsichtlich seiner Hautprobleme. Ob sich der SPD-Chef auch politisch erholt, ist fraglich. Ein Insider sagte dem stern, Gabriel werde den Parteivorsitz in den kommenden Wochen hinschmeißen. Damit hätte er gleichzeitig die Kanzlerkandidatur aufgegeben. In der SPD gehe es nur noch um die Frage "Schulz oder Scholz", so der Informant. Gemeint sind Martin Schulz, Chef des Europaparlaments und Olaf Scholz, Erster Bürgermeister Hamburgs. Beide haben bewiesen, dass sie Wahlkampf können, beide sind Hoffnungsträger der Sozialdemokratie - auch wenn Scholz wegen seines konservativen Stils nicht unumstritten ist. Würde einer von beiden einspringen, sollte Gabriel kapitulieren?

Die Kandidatur als Kamikaze-Flug

Wollen will keiner. Schon vor Wochen sickerte durch, dass Gabriel sowohl Schulz als auch Scholz sowie Familienministerin Manuela Schwesig gefragt hatte, ob sie bei der Bundestagswahl 2017 als Kanzlerkandidaten antreten würden. Aber keiner ist zu einem politischen Kamikaze-Flug bereit. Warum auch: Da es keine Wechselstimmung gibt, tendieren die Chancen der SPD, das Kanzleramt zu erobern, gegen Null - dafür ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die SPD mit einem historisch schlechten Ergebnis nachhause kommt. Dafür prügelt sich niemand durch einen physisch wie psychisch hoch belastenden Wahlkampf. Es sei denn: Er muss.

Bislang galt als gesetzt: Gabriel muss. Und scheinbar trifft er auch erste Vorbereitungen. Sein Sprecher ist just vom Ministerium in die Parteizentrale gewechselt. Dahinter verbirgt sich die Erwartung, dass die Sacharbeit zunehmend vom Wahlkampf abgelöst werden wird. Dass Gabriel dafür seinen wichtigsten Kommunikator in Position bringt, zeigt, dass er eine Kampagne zumindest vorbereitet.

Bekanntgabe des SPD-Kandidaten 2017, möglichst spät

Offiziell bekannt gegeben werden soll der Kandidat erst 2017, und zwar möglichst spät. Den Genossen ist noch in allerschlechtester Erinnerung, was passierte, als Peer Steinbrück ein Jahr vor der Wahl 2013 ins Rennen ging - die politischen Gegner hatten alle Zeit der Welt, ihn zu demontieren. Außerdem gehen die Sozialdemokraten davon aus, dass die Menschen immer später entscheiden, wen sie wählen wollen - und dass niemand dafür Verständnis hätte, wenn die Regierung faktisch ihre Arbeit einstellt, um monatelang Wahlkampf zu führen. Die parteiinterne Entscheidung, wer kandidieren wird, müsste allerdings viel früher fallen, um die Wahl angemessen vorzubereiten.

Also doch Gabriel? Zwei Voraussetzungen müssten dafür erfüllt sein. Gabriel müsste seinen Parteifreunden beweisen, dass er sie aus dem 20-Prozent-Ghetto führen kann. Er sollte einen Silberstreif an den Horizont malen können, der die Wahlkämpfer motiviert. Und er müsste die quälende Unruhe in seiner Partei, die Dauerkritik an seiner Person, weiter aushalten können. Aktuell jedoch steht er schon wieder in der Kampfzone. Als Wirtschaftsminister hat er ein Interesse daran, das Freihandelsabkommen TTIP durchzubringen. Große Teile seiner Partei würden es aber lieber heute als morgen beerdigen. Streitereien sind programmiert.

Vielleicht macht ja Merkel rüber

So kommt derzeit die gesundheitliche und politische Lage Gabriels zur Deckung: zu sehen ist der Leidensmann. In Berlin kursiert der Spott, es gäbe nur einen Kandidaten, der die SPD ins Ziel bringen könnte: Angela Merkel. Sie müsste einfach nur rübermachen.


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