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SPURENSUCHE: Amokläufer war Sportschütze

Der Amokschütze von Erfurt war nach Informationen der Polizei seit einiger Zeit ein »sehr aktives« Mitglied in einem Schützenverein. Wie die Behörde am Morgen mitteilte, besaß der 19-jährige ordnungsgemäß Besitzkarten für Pistolen und langläufige Waffen. Dazu zähle die bei dem Amoklauf verwendete Pumpgun. Um an Besitzkarten zu gelangen, müsse man mindestens ein halbes Jahr ein »straffes Training« absolvieren.

Polizei korrigiert Zahl der Opfer auf 17

Zugleich korrigierte die Polizei die Zahl der Opfer auf 17. Außer dem Täter, einem Polizisten und zwei Schülern seien 13 Lehrer ums Leben gekommen, sagte ein Polizeisprecher am Morgen. Bisher war die Zahl der toten Schulangestellten mit 14 angegeben worden. Die Polizei begründete dies mit einem Übermittlungsfehler zwischen Sondereinsatzkommando und Ärzten in der Schule sowie den Polizisten vor dem Gebäude. Auch bei den zwei toten Schülern korrigierte die Polizei ihre früheren Angaben, wonach zwei Mädchen getötet worden seien. Es handele sich um ein 14-jähriges Mädchen und einen 15-jährigen Jungen.

Die Polizei setzte am Vormittag die Vernehmung der Familie des 19-jährigen Todesschützen fort. Gerichtsmediziner und Staatsanwaltschaft untersuchten dem Polizeisprecher zufolge die Opfer in der Nacht am Tatort. Das letzte Todesopfer sei am frühen Morgen abtransportiert und zur Obduktion gebracht worden. Die Untersuchungen sollen auch Aufschluss darüber geben, ob, wie von einigen Zeugen berichtet, ein zweiter Täter Schüsse abgegeben hat.

Motiv nach wie vor unklar

Nach wie vor unklar ist das Motiv der Tat. Der junge Mann sei für die Polizei bis zu diesem Zeitpunkt ein unbeschriebenes Blatt gewesen. Er wurde von der Schule verwiesen, weil er Krankenscheine gefälscht haben soll. Das schnelle Erscheinen der

Polizei habe vermutlich ein noch größeres Massaker verhindert. Bei der Durchsuchung des Gymnasiums seien in der Toilette noch rund 500 Schuss Munition entdeckt worden.

Am Abend hatte die Stadt der Opfer gedacht. Hunderte Menschen versammelten sich spontan in der Innenstadt. Am Tatort, dem Gutenberg-Gymnasium, und vor dem Dom der Landeshauptstadt legten sie Blumen nieder und entzündeten Kerzen. In der überfüllten Andreaskirche wurde ein ökumenischer Gottesdienst abgehalten. Um 21 Uhr läuteten alle Kirchenglocken der Stadt. Im Kondolenzbuch im Rathaus trugen sich Hunderte Erfurter ein. Die Bundesregierung ordnete für ganz Deutschland Trauerbeflaggung an.

Nach Ansicht des Polizeipsychologen Adolf Gallwitz von der Polizeihochschule Villingen-Schwennigen gibt es »keinen 100-prozentigen Schutz« gegen Amokläufer. In einem Interview mit tagesschau.de sagte er, eine solche Tat erfolge selten spontan. Zumeist gehe ihr eine längere Beschäftigung mit Gewalt und Rache voraus, mitunter gefördert durch Computer-Spiele oder Filme. Häufig gebe es zuvor Hinweise auf die bevorstehende Tat. Amokläufer handelten dann wie in der letzten Phase eines Filmes. Schüler und Lehrer müssten eine solche Tat zum Anlass nehmen, über Gewalt und Konfliktbewältigung zu sprechen und mehr Verantwortung für einander zu übernehmen.

Rau fordert Engagement gegen Gewalt

Bundespräsident Johannes Rau äußerte sich bestürzt über den Amoklauf von Erfurt geäußert. Rau forderte, die Gesellschaft dürfe sich nicht mit sinnloser Gewalt abfinden. Das ertrage keine Gesellschaft und kein Einzelner, sagte das Sttatsoberhaupt in der ARD-Sendung »bericht aus berlin«. Die Politik müsse aus diesem schrecklichen Geschehen Schlüsse ziehen. Deutschland trauere mit den Hinterbliebenen, sagte Rau.

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