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Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 7: Das ist die Hölle

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, was er erlebt. Im siebten Teil trifft er - wieder - auf den "schwarzen Block".

Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

"Rauchentwicklung auf drei Uhr! Das muss in der Kühlung sein, unserem heutigen Anmarschweg!" Diese Meldung meines Fahrers ließ mich von meinen Unterlagen aufschauen. Da mein Zug im Marschband vor der Hundertschaft eingesetzt war, nahmen wir es auch als erstes wahr: Eine riesige schwarze Rauchwolke stand drohend über dem Waldgebiet "Zur Kühlung" und verdunkelte den malerischen Sonnenaufgang am Horizont.

Bei einem kurzen technischen Halt holte sich unser Hundertschaftsführer die aktuellste Lagemeldung aus diesem Bereich. Und in der Tat bestätigte sich unsere Vermutung. In der Zufahrtsstraße zwischen Kröpelin und Kühlungsborn waren Barrikaden aufgebaut und angezündet worden. Da andere Einheiten bereits mit der Räumung der Barrikaden begonnen hatten war unsere Unterstützung vor Ort nicht erforderlich.

Wir nahmen eine Ausweichstrecke und erreichten ohne weitere Zwischenfälle Heiligendamm.

Randalieren, zerstören, verletzen

Eigentlich erwartete ich, dass es am heutigen Tage am Zaun ruhiger als am Vortag wird. Die friedlichen Demonstranten würden sicherlich zum Konzert nach Rostock wollen und dem "Schwarzen Block" würde das Rückzugsgebiet fehlen. Sie wissen und kalkulieren es stets eiskalt ein, dass wir nur beschränkt vorgehen können, wenn sie sich in normale Demonstrationen zurückziehen. Aber weit gefehlt. Wieder was gelernt.

Heute zeigte sich wieder die wahre Einstellung dieser Gruppierungen: randalieren, zerstören, verletzen.

Ab zehn Uhr bis in die Abendstunden erfolgen "…im Namen einer besseren Welt…" massive Angriffe auf die Polizeikräfte am Zaun zwischen Vorder- Bollhagen und der westlichen Kontrollstelle.

Funktionieren wie Maschinen

Solch unbändiger Hass, solche Einstellung zum Leben lässt sich doch nicht mit einer "schlechten Kinderstube" oder Gruppendynamik erklären.

Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich das Anlegen der Sonderausrüstung befahl und wir innerhalb kürzester Zeit unsere Handlungsbereitschaft herstellten. Wir funktionieren nur noch wie Maschinen. Lage beurteilen, reagieren, agieren. Alles mit einer mittlerweile erschreckenden Gleichgültigkeit, Routine und Präzision. Es wird einem langsam unheimlich vor sich selbst.

Dieser Wahnsinn kann und darf doch nicht Routine werden, interessiert das niemanden, warum reagiert keiner darauf? Das ist doch die Hölle! Was ist dann Krieg?

Tagen und kämpfen

Einen krasseren Widerspruch kann es nicht mehr geben: Auf der einen Seite tagt man piekfein in "tiefsten Frieden" über Probleme, Gewalt und Kriege auf dieser Erde und nur wenige hundert Meter weiter schlagen wir uns die Schädel ein. Die sollen doch einfach mal hier herüber kommen und sich das mit anschauen. Dann würden sich viele Probleme dieser Welt von ganz alleine lösen. Versteh dass wer will, ich kann das nicht.

Steine, Mollis, Krähenfüße, Hubschrauber, …! Unsere kleine Welt beschränkt sich weiterhin auf Trinken, Schatten, Laufen, Handeln.

Letzte Lagemeldung aus Heiligendamm: Wir sollen ausgeflogen werden! (Hoffentlich auf eine Insel im Süden.) Es wird immer toller!

Bilanz des heutigen Tages: Ich will zurück zu meiner Brennnessel!