Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 9 Nach dem Einsatz ist vor dem Einsatz


Knapp 18.000 Polizisten sicherten den G8-Gipfel. Anders als Politiker und Demonstranten kamen sie kaum zu Wort. Für stern.de schilderte Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, was er erlebte. Im letzten Teil schreibt er: Auch nach dem Gipfel will die Welt gerettet werden. Von seiner Hundertschaft natürlich.
Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Das laute Klingeln meines Telefons reißt mich aus dem Schlaf. Die Nacht kann unmöglich zu Ende sein, denke ich frustriert und versuche mein Telefon zu finden. Beim Blick auf das Display stelle ich fest, daß ich tatsächlich schon zwanzig Minuten geschlafen hatte, und mein Hundertschaftsführer mich zu erreichen versucht.

Ein Anruf mitten in der Nacht während der Bereitschaft kann nur zweierlei bedeuten: Entweder brennt irgendwo gewaltig die Luft oder es ist etwas Tragisches geschehen.

Bei der Besprechung kurze Zeit später stellt sich völlig überraschend heraus, daß wir aus dem Gesamteinsatz "Kavala" entlassen sind, dafür aber früh morgens für einen Einsatz in Wismar und Schwerin benötigt werden. Was für ein Trost.

Für uns heißt das nichts anderes, als dass wir in knapp fünf Stunden unsere Unterkunft zu räumen haben, und sofort in den nächsten Einsatz fahren.

Manchmal haben wir wirklich das Gefühl, daß wohl nur wir allein die Welt retten können und andere scheinbar der Ansicht sind, das wir in unseren Einsätzen Urlaub machen. Daran wird sich wahrscheinlich nie was ändern. Die Erde dreht sich weiter.

Früh morgens sitzen wir übernächtigt in unseren Fahrzeugen, und ich verlege mit meinem Zug nach Schwerin. Um der ganzen Sache überhaupt etwas Positives abzugewinnen, rede ich mir ein, daß wir zumindest in Richtung Heimat fahren. Und mit ganz viel Glück kommen wir heute abend schon nach Hause. Wir werden es sehen.

Ich schaue aus dem Fenster. Die Landschaft zieht gleichmäßig an uns vorüber, und meine Gedanken schweifen zurück.

Zurück auf über eineinhalb Jahre im Einsatz von Heiligendamm.

Kilometerfahrleistungen, um einmal zum Mond und wieder zurück zu fahren. Gigantische logistische Aufgaben, schöne Einsatzerlebnisse, aber auch unheimlich hohe Belastungen und Entbehrungen für jeden einzelnen von uns.

An erster Stelle gebührt unser größter Dank denen, über die sonst keiner spricht, die im Stillen hinter uns stehen: unseren Familien, Eltern, Bekannten und Freunden.

Sie haben uns den Rücken gestärkt, damit wir unsere Arbeit machen konnten. Sie hielten uns frei von ihren Sorgen und Nöten, Belastungen und schlaflosen Nächten. Ohne sie wären alle Mühen vergeblich gewesen. Wir wissen darüber und sind wirklich stolz darauf!

Die Medien werden sich wieder anderen Themen widmen. Heiligendamm 2007 wird verblassen. Bleiben werden Erinnerungen an große Veranstaltungen und viele friedliche Demonstrationen. Vielleicht auch die Erkenntnis, dass in Heiligendamm ein Grundstein für eine bessere Welt mit weniger Krieg, Gewalt und Elend gelegt wurde. Die Zukunft wird es zeigen.

Der Rest ist Naturgesetz:

Die "Großen" teilen sich die Beute und sichern sich die besten Stücke, das Fell des Bären wird geteilt. Der Rest bleibt für die "Kleinen".

Fehler hat es gegeben. Viele kleine und große Fehler auf beiden Seiten, und es wird darüber zu reden sein. Vielleicht bezieht man endlich einmal die Mitarbeiter mit ein, die diese Fehler in der Regel auszutragen haben.

Werden aus den Fehlern auch Konsequenzen gezogen? Das bleibt wohl abzuwarten. Meine Erfahrung sagt mir leider, dass man harten Wegen zu gerne aus dem Wege geht.

Für mich und meine Einheit geht es dagegen weiter. Schon die nächsten Tage beginnen wir mit der Unterstützung des "Bäderdienstes" der Landespolizei M-V. Einige gehen in ihren verdienten Urlaub.

Für alle anderen heißt es, die Fahrzeuge und die Ausrüstung zu überprüfen und die Einsatzbereitschaft wieder herzustellen. Der nächste Einsatz steht bereits auf dem Plan.

Hier enden meine Tagebucheinträge.

Ich wünsche allen Kollegen, den Mitarbeitern des THW, der Feuerwehr, des DRK und anderer Hilfsorganisationen eine gesunde Heimkehr.

Mir war es vergönnt, alle meine Mitarbeiter gesund nach Hause zu führen.

Allen, die nicht von Verletzungen verschont geblieben sind, eine gute Besserung.

Unser Dank gilt Euch für Euern Einsatz, für Eure Hilfe, Unterstützung und für Eure Freundschaft.

Bestimmt sieht man sich mal wieder: in Brandenburg, Berlin, Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen, Saarland, Baden-Württemberg oder Bayern.

Der Einsatz in Schwerin und Wismar verlief ruhig

Die letzte Funkmeldung läßt unsere Hoffnungen wahr werden: Entlassen aus dem Einsatz.

Es geht nach Hause!

Und zum endgültigen Ende:

Liebe Leserinnen und Leser!

Vielleicht ist es mir gelungen Ihnen zumindest einen kleinen Einblick in einen Teil unserer Arbeit zu vermitteln. Möglicherweise haben Sie Antworten und Verständnis finden können. Haben mitgefiebert, mitgefühlt beim Anblick der Bilder von tollen Veranstaltungen, beim Lesen des Tagebuches, aber auch beim Anblick von unschönen Szenen dieses Ereignisses.

Möglicherweise aber auch nichts von alledem. Es gibt immer zwei Seiten einer Medaille. An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Vorgesetzten bedanken, die mir die Zeit für meine Aufzeichnungen ermöglichten.

Ein großes Dankeschön gebührt den Mitarbeitern von "stern.de“, die mir und letztendlich auch Ihnen als Leser diese Art von Berichterstattung erst möglich gemacht haben. Stellvertretend für alle Mitarbeiter von "stern.de" seien hier genannt Frau Manuela Pfohl und Herr Dr. Florian Güßgen, die mir sehr geholfen haben, mir ihr Vertrauen gaben und denen ich es mit Sicherheit nicht immer leicht gemacht habe.

Und alles nur einem glücklichem Umstand geschuldet.

In diesem Sinne verabschiede ich mich von Ihnen.

Letzte Lagemeldung aus dem Einsatzraum: - keine besonderen Vorkommnisse

Bilanz des Gesamteinsatzes: Auftrag erfüllt!


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