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Umstrittenes Meldegesetz: Der große Deal mit unseren Daten

Mit dem Verkauf von Adressen und persönlichen Daten lässt sich in Deutschland gutes Geld verdienen. In der Branche wird befürchtet, dass das neue Meldegesetz das Geschäft verhagelt.

Der Deal mit persönlichen Daten ist eine ganz eigene Branche, ein eigener Geschäftszweig, meint Florian Glatzner von der Verbraucherzentrale Bundesverband. Die Unternehmen nutzen alle Daten, die ihnen in die Finger kommen - über Preisausschreiben, Telefonverzeichnisse, Statistiken und die inzwischen reichlichen Intiminformationen, die die Bürger via Internet in die Welt senden.

Drei Player sind beim Datengeschäft im Spiel: Meldeämter, Adresshändler und die, die Interesse an den Daten haben. Meistens sind das werbende Unternehmen, manchmal aber auch Firmen, die einen Schuldner oder Privatpersonen, die einen Freund suchen.

Die Ämter verfügen über die zuverlässigsten Datenbanken. "Das sind ja gesicherte verifizierte Daten, sozusagen staatlich geprüft", sagt Glatzner. Das lassen sich die Ämter gut bezahlen: Bis zu acht Euro koste dort eine Adresse.

Das Meldeamt ist der letzte Schritt

Nach Angaben des Berliner Landesamtes für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten gab es dort 2011 mehr als 740.000 private Melderegisterauskünfte. Die meisten Anfragen kamen von Unternehmen. Doch auch Privatpersonen können über das Amt nach "einer alten Schulfreundin" suchen. Seit dem 10. Mai 2012 geht das sogar online - für einen Schnäppchenpreis von 1,50 Euro. Der Suchende muss allerdings vier eindeutige Angaben zur gesuchten Person machen: Vor- und Familienname, Geschlecht, Geburtsdatum oder die letzte bekannte Anschrift in Berlin.

Verbraucherschützer Glatzner erklärt, warum die Kommunen trotz Billigkonkurrenz durch professionelle Adresshändler an den Daten verdienen: "Wenn ein Werbeunternehmen von mir eine Adresse hat, ich bin in der letzten Zeit aber fünfmal umgezogen und habe keine Nachsendeauftrag gestellt und die wollen mir trotzdem weiterhin Werbung zuschicken, dann fragen sie bei den Meldeämtern nach." Die teure Information vom Meldeamt ist für die Unternehmen also immer nur der letzte Schritt, um eine bestimmte Person ausfindig zu machen.

Die Adresshändler verdienen ihr Geld mit umfassenderen Datenlisten, die sie speziell für das jeweilige Unternehmen gezielt auf eine bestimmte Zielgruppe ausrichten. Möchte ein Unternehmen für eine Werbeaktion riesige Datenlisten haben und eine bestimmte Zielgruppe ansprechen, dann wendet es sich an Unternehmen, die über viele Anschriften verfügen. Dazu zählt auch die Deutsche Post. Die Tochterfirma Deutsche Post Direkt gehört zu den professionellen Adressdienstleistern. "Die Adressen kommen aus frei zugänglichen Verzeichnissen, wie Telefonbüchern oder Gewinnspielen", erklärt ein Sprecher des Unternehmens.

"Einfacher, an verifizierte Daten zu kommen"

Die GmbH verkaufe allerdings keine Daten, sie vermiete sie nur. Ab acht Cent koste das pro Adresse. Die Kunden leihen die Datenlisten dem Sprecher zufolge für einen einmaligen Zweck, danach dürfen sie diese nicht mehr verwenden. "Wer nicht möchte, dass seine Daten weitergegeben werden, der kann sich natürlich an die Deutsche Post wenden und dagegen widersprechen", heißt es.

Statt zuzustimmen muss man also aktiv widersprechen. So sieht es auch das bisherige neue Meldegesetz vor. Ein ursprünglicher Entwurf vom vergangenen November hatte noch eine verbraucherfreundliche Regelung vorgesehen. Die neue Fassung, die die Regierungsfraktionen Ende Juni im Bundestag beschlossen haben, verkehrt sie quasi ins Gegenteil. "Ich würde behaupten, dass es für die Unternehmen dann einfacher ist an verifizierte Daten zu kommen", sagt auch Florian Glatzner.

Auch die Deutsche Post ist ein guter Kunde der etwa 5000 Meldeämter in Deutschland. Ihr Angebot "adress research" ist laut Firmen-Website eine "preiswerte Alternative zur Eigenrecherche". Unternehmen, die auf der Suche nach verzogenen Kunden sind, können - statt direkt beim Amt zu fragen - hier Hilfe suchen. "Adress research" wiederum bündelt die Anfragen und holt sich die aktuellen Anschriften beim Amt. Voraussetzung sei aber, dass eine alte Adresse der gesuchten Person bekannt sei.

Manche Unternehmen tauschen ihre Daten direkt über ein Rechenzentrum aus. Beispielsweise gibt ein Verlag die Abonnenten eines Familienmagazins an einen Reiseveranstalter, der für Urlaub mit Kindern werben möchte - ohne dass es die Verbraucher mitbekommen.

Sophia Weimer, DPA / DPA