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Und jetzt ... Django Asül Ausbildung für die Warteschleife


Frustrierte Eltern, Gymnasien ohne Arbeiterkinder und der Migrant an sich: Das sind die Probleme der Bildungsrepublik Deutschland; nachzulesen in der neuen Pisa-Studie. Damit es bald richtig bergauf geht, hat sich Annette Schavan einen genialen Trick ausgedacht.
Eine satirische Unterrichtsstunde von Django Asül

Was Wikileaks für die Weltpolitik, ist Pisa für das deutsche Bildungssystem. Die Inkarnation des Bösen vielleicht nicht unbedingt, aber zumindest des Böswilligen. Aus Sicht vieler deutscher Lehrer wurde Pisa nur erfunden, um den teutonischen Weltklassepädagogen ans Bein zu pinkeln. Vom Pisa-Schock anno 2000 hat sich die Zunft der Wissensvermittler immer noch nicht so recht erholt. Dabei ist der Chef der Pisa-Sekte sogar ein Deutscher namens Schleicher, der mehr oder weniger ordentlich lesen und schreiben kann. Weshalb es im Pisa-Headquarter (Luftlinie 800 Meter vom Wikileaks-Weiterbildungszentrum) immer noch Zweifler gibt, ob Herr Schleicher tatsächlich ein Deutscher sein könne. Sei's drum. Pünktlich zum Nikolaus wurde am 6. Dezember die neueste Erhebung veröffentlicht.

Die erfreuliche Gesamttendenz: Es geht halbwegs aufwärts. Mathematik und Naturwissenschaften solide, Lesen und Verstehen von Texten mittelprächtig. Wer da nicht gleich Litaneien des Lobpreises gen Himmel richten will, hat wohl nicht kapiert, dass Deutschland bildungstechnisch bislang bei Pisa irgendwo zwischen Nordostkorea und Südwestsahara geortet wurde. Aber Deutschland ist natürlich nicht Deutschland. Beziehungsweise ist die inländische Vielfalt in Sachen Schule so bunt, dass Deutschland eigentlich gar nicht als Gesamtland starten dürfte. Eine wundersame Idee namens Föderalismus beschert Germany nämlich sage und schreibe 16 verschiedene Schulsysteme. So ist es durchaus möglich, dass Vergleiche zwischen den Bundesländern quasi unmöglich sind. Ein Bremer Einser-Abiturient läuft beispielsweise akut Gefahr, in Bayern schon in der Grundschule zu scheitern. Im Grundschulalter sowieso. Aber eventuell auch noch mit 18. *

Kurzum: Was Frau Schavan als Vielfalt verkaufen will, ist organisierte Nichtorganisation. Und somit die optimale Vorbereitung auf das Chaos im Leben nach der Schule. Womit auch folgerichtig jedes Plädoyer für ein einheitliches bundesweites Schulsystem unbedingt im Keim erstickt wird. Man lernt ja nicht für die Schule, sondern ungern und unter Druck. Und da liegt das wahre Problem: Der deutsche Schüler (oder Kombattant, falls an einer Hauptschule interniert) hat keine Freude an der Schule. Was oft zu schlechten Leistungen führt. Was wiederum die Eltern auf die Palme bringt. Die lassen dann ihren Frust am Lehrer aus oder wollen um bessere Noten pokern. In manchen Elternsprechstunden soll es angeblich zugehen wie auf einer Warenterminbörse gegen Ende des 19.Jahrhunderts. Gilt doch das Zeugnis als Optionsschein für eine bessere Zukunft. Da ist es legitim, dem Kind und dem Lehrer wenigstens die Gegenwart zu versauen.

Aber Pisa besagt: In Wahrheit liegt es nicht an den Lehrern, sondern an den Eltern. Ein Arbeiterkind hat eine 4,5-mal geringere Chance, es auf das Gymnasium zu schaffen als ein Akademikerkind, sogar wenn es die gleichen Leistungen bringt. Deutschland ist also Weltklasse in Sachen Ungerechtigkeit. Einerseits. Andererseits nimmt das den Druck von den Kindern und schafft stattdessen Selbstvertrauen. Es muss lediglich dem Kind früh genug gesagt werden, dass es nichts wird mit dem Gymnasium, weil der Vater eine Pfeife ist und eben nicht das Kind. Das muss natürlich nicht unbedingt für ein besseres Familienklima sorgen. Aber wo deutsche Bildungspolitiker hobeln, fallen eben nicht nur Späne, sondern vor allem die Kinder hinten runter.

Schuld an der Mittelpracht des deutschen Pisa-Abschneidens ist allerdings nicht nur das Arbeiterkind, sondern in erster Linie natürlich der Ausländer. Denn der Ausländer stellt sich leider überdurchschnittlich oft doof an in der Schule und muss sich daher folgerichtig Migrant schimpfen lassen. Schon sind Probleme programmiert. Vielleicht bietet die Schweiz einen praktikablen Lösungsansatz. Ende November beschlossen die Eidgenossen die sogenannte Ausschaffung krimineller Ausländer. Das hat durchaus eine befreiende Wirkung. Wenn jedoch das Ausländerkind erst kriminell werden muss, um ausgewiesen zu werden, ist es ja längst schon in den Brunnen gefallen. Ganz zu schweigen von der Arbeit für Polizei, Justiz und so weiter. Die Ausweisung muss also wesentlich früher erfolgen. *

Und zwar in dem Moment, wo das Lesedefizit offenbar wird. Denn der Mechanismus ist klar: Der Ausländer, der heute schlecht liest, wird später automatisch kriminell, weil er ja das Strafgesetzbuch nicht lesen und verstehen kann. Also begeht er mitunter Straftaten, ohne zu wissen, dass das im hiesigen Kulturkreis eher unerwünscht ist. Aber da bekanntlich Unkenntnis nicht vor Strafe schützt, muss der Bildungsbürger, der lesen kann, vor dem leseunlustigen Ausländer geschützt werden. Zumal der ja auch noch oft einen unleserlichen Namen hat.

Fördern will Frau Schavan übrigens Schüler aus ärmeren Familien. Kümmern sollen sich darum die Jobcenter, weil die ja sonst nichts mit Bildung zu tun haben und somit viel Bürokratie mit wenig Wirkung garantiert ist. Der Kultusministerin geht es ja auch gar nicht darum, dass Schüler aus prekären Verhältnissen vorwärts kommen. Und doch ist es ein genialer Trick von ihr: Wer Jobcenter schon mit acht Jahren kennenlernt, gewöhnt sich früh genug daran, dass er dann nach der Schulzeit dort wöchentlich antanzen muss. Oder darf, wie es Frau Schavan wohl formulieren würde.


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