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Und jetzt ... Django Asül Verlassen Sie dieses Scheißland

Silvio Berlusconi hat mit deftigen Worten angekündigt, seine Heimat verlassen zu wollen. Vielleicht haben wir Glück - und der Mann findet in Europa noch ein paar Nachahmer.
Ein satirisches Lebewohl von Django Asül

"Ich verlasse dieses Scheißland." Wie ein Menetekel am schwarzen Brett des Forum Romanum fristen diese vier Worte seit einigen Tagen ihr Dasein. Geäußert vom Staatschef. Eine gewisse Unzufriedenheit einerseits und ein relativ dürftiger Basiswortschatz andererseits mögen dazu geführt haben. Man könnte es auch als Akt allzu direkter Demokratie abtun und wieder zur Tagesordnung übergehen. Doch die Frage, die seit Wochen und Monaten über allem schwebt, was im weitesten Sinne mit Europa und EU zu tun hat, ist nun mal: Gibt es noch so etwas wie Tagesordnung?

Natürlich nicht. Denn der Tage sind zwar viele, aber die Ordnung hat sich verabschiedet. Was früher vernünftige Zusammenhänge waren, wird mittlerweile nur noch unter dem Sammelbegriff Ansteckungsgefahr geführt. Und genau diese Ansteckungsgefahr hat nun EU-Kommissare wie auch die Finanzmärkte das Fürchten 2.0 gelehrt. Was, wenn die Geisteshaltung von Berlusconi auch noch andere Staatshäupter erfasst?

Wir verlassen diesen Scheißkontinent

Man stelle sich nur vor, einer von den glorreichen EU-Renegaten stellt sich hin und verkündet: Wir verlassen diesen Scheißkontinent! Das könnte der Auftakt zu einer kurzfristigen Massenvölkerwanderung führen. Exodus aus Europa. Kurzfristig deshalb, weil der Wandertrieb relativ schnell ausgebremst würde. Denn wer nicht in Europa leben will, will es woanders erst recht nicht. Im Süden entfalten sich dank der Westerwellschen Sanktionen Revolutionen. Im Osten sitzen mit Putin und Achmedinedschad auch nicht gerade Figuren, die es in Punkto harmloser Gemütlichkeit mit Angela Merkel aufnehmen könnten. Im Westen kämpft Amerika mit sich selber und kann allein schon deshalb keine Alteuropäer brauchen, die an sich selbst verzweifeln.

Doch bevor es hier allzu apokalyptisch wird, muss erst mal das mentale und emotionale Umfeld analysiert werden, in dem sich Berlusconi zu diesem semipatriotischen Ausbruch hinreißen ließ. Was beispielsweise gerne ignoriert wird in dieser Angelegenheit: Berlusconi hat es nicht so gemeint. Das hat er wahrhaft beteuert. Darf man ihm glauben? Ja, denn Berlusconi liegt methodisch voll im Trend. Fast könnte man sogar meinen, der Oberitaliener und Fußballfan Silvio B. hat sich Philipp Lahm zum Vorbild genommen. Lahm hat schließlich auch in epischer Breite etliches von sich gegeben in Buchform, was gar nicht so gemeint und damit auch voll entschuldbar war.

Schuldmindernd für Berlusconi wirkt zudem, dass diese vier unseligen Worte a) zu sehr später Stunde und b) telefonisch ins Dasein kamen. Es hat als etwas von einer Affekthandlung, während Lahm ein Dutzend Schreiber, Lektoren und PR-Experten bei dem langwierigen Prozess um sich herum hatte. Dass es ein Schlag ins Kontor wurde trotz monetärem Erfolg, kann und darf sich ein Lahm ankreiden lassen. Er hat sich sozusagen verbucht. Berlusconi hingegen kann auch noch auf die Immunität verweisen, die Politiker seines Ranges genießen. Immunität ist immerhin die Vorstufe zur Unfehlbarkeit. Und wer noch glaubt, es sei ein Zufall, dass Berlusconi und der Papst in der gleichen Stadt ihren Amtsgeschäften emsig nachgehen, dem ist sowieso nicht mehr zu helfen.

Rechtsstaat bedroht?

Gerade in Sachen Immunität wollen sie dem Ministerpräsidenten nämlich ans Zeug flicken. Teile der Medien und der Justiz haben es auf ihn abgesehen. Hierin liegt eine bedeutende Ursache seiner Unzufriedenheit. Wenn ein Präsident nicht mehr tun und lassen kann, was er will, sieht Berlusconi den Rechtsstaat und vor allem die Rechtssicherheit bedroht. Konstruktives und zielgerichtetes Handeln ist für Berlusconi nicht mehr möglich, wenn er sich bei allem auch noch Gedanken machen muss, ob das nun legal ist oder nicht. Wie soll da noch eine Demokratie handlungsfähig bleiben? Mit Genugtuung verweist Berlusconi auf Saubermänner wie Obama oder Merkel, die ja nicht umsonst schon gewaltige Legitimationsprobleme sogar im eigenen Lager haben. Berlusconi hingegen hat ein Medienimperium geschaffen und den AC Mailand zu einem der erfolgreichsten Clubs der Welt gemacht. Mehr Demokratie kann ein Mensch allein gar nicht schaffen. Deshalb sieht sich Berlusconi auf Augenhöhe mit den wirklichen Herrschern wie Uli Hoeneß. Davon kann Merkel nur träumen.

Nein, Berlusconi wird Italien sicher nicht verlassen. Und er wird sehr gerne dort bleiben. Es sei denn, in Italien keimt tatsächlich mal Recht und Ordnung auf. Dann würde er abhauen zu seinem zweitbesten Freund Putin. Dort hat man als Präsident wenigstens noch Ruhe vor Richtern und Staatsanwälten. Sein bester Freund Gaddafi nämlich ist derzeit gerade unpässlich.

Django Asül live 27.-29.Sep München/Lach & Schießgesellschaft, 12./13.Okt Frankfurt/Neues Theater Höchst

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