Unicef verliert Spendensiegel "Das ist ein einzigartiger Vorgang"

Die Aberkennung des DZI-Spendensiegels wird zu weiteren Spendenrückgängen bei Unicef führen, sagt Rupert Graf Strachwitz im stern.de-Interview. Der Experte für gemeinnützige Organisationen zweifelt an der Effektivität von Unicef und empfiehlt Spendern, sich nach Alternativen umzuschauen.

Das Deutsche Institut für soziale Fragen (DZI) hat Unicef-Deutschland das "DZI Spenden-Siegel: Geprüft+Empfohlen" aberkannt. Welche Konsequenzen hat diese Entscheidung für Unicef?

Das wird sicherlich zu einem weiteren Rückgang des Spendenaufkommens führen, da das DZI mit seiner Entscheidung die bisherigen Vorwürfe gegen Unicef bestätigt hat.

Ist dieser Schritt aus ihrer Sicht nachvollziehbar?

Das ist eine harte Maßnahme. Andererseits hat sich das DZI zuerst vor Unicef gestellt und mit dem Verweis auf die jährlichen Prüfungen Unicef verteidigt. Dass das DZI nun zurückrudert, ist eine spektakuläre Entscheidung. Schließlich hätte das Prüfsiegel auch bei der kommenden Überprüfung entzogen werden können. Das ist schon ein einzigartiger Vorgang

Warum hat sich das DZI zu so einer harten Maßnahme entschieden?

Sicherlich wollte das DZI die eigene Glaubwürdigkeit schützen. Das DZI selbst wird von Wohlfahrtsorganisationen getragen, ist ein hundert Jahre alte Organisation, da ist man sicherlich bemüht, den eigenen Ruf zu verteidigen. Allerdings muss gesagt werden, dass das DZI selbst auch nicht ganz unumstritten ist. Das Bewerbungsverfahren ist relativ aufwendig. Nur wenige Organisationen können es sich leisten, sich überhaupt um das Prüfsiegel zu bewerben. Die mittleren und kleinen Hilfsorganisationen müssen daher damit leben, nicht mit dem DZI-Prüfsiegel für sich werben zu können.

Zur Person

Rupert Graf Strachwitz befasst sich seit 30 Jahren mit gemeinnützige Organisationen, Stiftungen und Philanthropie, bürgerschaftlichem Engagement, und der Zivilgesellschaft. Er ist Direktor des Maecenata Instituts für Philanthropie und Zivilgesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Außerdem sitzt er im Beirat der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International.

Das DZI hat Unicef vorgeworfen, professionellen Spendensammlern Provisionen gezahlt zu haben. Ein Verstoß gegen den Verhaltenskodex. Ist es sinnvoll, Provisionen zu verbieten?

Ich bin kein Freund der Spendenakquise auf Provisionsbasis. Aber das ist in Deutschland und anderen Ländern durchaus üblich. Auch die Finanzämter beanstanden das nicht. Einnahmen von hundert Millionen Euro lassen nun einmal nicht allein mit freiwilligen Spendensammlern in den Einkaufszonen zusammentrommeln. Man braucht Profis, externe oder Festangestellte. Die Frage ist aber, ob dafür Provisionen nötig sind oder Festgehälter sinnvoller wären.

Wie wird Unicef auf die Siegelaberkennung reagieren?

Ich erwarte Auswirkungen auf Unicef insgesamt. Das deutsche Komitee ist ja nur eine Art Förderverein, während die eigentlichen Unicef-Projekte in der Zentrale in New York gesteuert werden. Die Ereignisse werden zu Überlegungen führen, wie die nationalen Fördervereine besser geführt werden können.

Glauben Sie, dass die Unicef-Affäre auch auf andere Hilfsorganisationen abstrahlt?

Sicherlich hat das Vertrauen der Spender in Hilfsorganisationen insgesamt gelitten. Das ist zwar nicht rational zu begründen, doch Spenden ist eben nicht nur eine Vernunftsache, sondern auch eine Entscheidung die mit Bauch und Herz getroffen wird. Viele werden sich nun sagen, 'Wenn es da schon nicht stimmt, dann sicherlich auch nicht bei den anderen.', und spenden lieber gar nicht. Das ist fatal, denn das Spendenaufkommen stagniert in Deutschland schon seit Jahren. Dabei brauchen die Hilfsorganisationen deutlich mehr Geld, um ihre Projekte verwirklichen zu können.

Für all jene, die jetzt noch an Unicef spenden: Ist es Ihrer Meinung nach sinnvoll, die Zuwendungen für Unicef auszusetzen?

In dieser Phase kann man den Spendern durchaus empfehlen, sich nach anderen Organisationen umzuschauen. Die internationale Projektarbeit von Unicef ist ohnehin umstritten. Außerdem ist Unicef keine Nichtregierungsorganisation, sondern als Teil der UNO ein Regierungsorgan. Und da wird nicht immer optimal mit dem Geld umgegangen. Ich habe manchmal das Gefühl gehabt, dass viele mittlere und kleine Organisationen viel effizienter arbeiten als Unicef.

Wieso halten sie Unicef für weniger effizient?

Als Teil der UNO können praktisch alle UNO-Mitglieder bei der Unicef mitreden. Das geschieht dann nach Regeln, wie sie auch in der UNO herrschen. Es muss auf viele nationale und regionale Interessen Rücksicht genommen werden. Eine objektive Projektarbeit, wie sie kleinere Hilfsorganisationen leisten, indem sie in einer spezifischen Region klar definierte Ziele umzusetzen versuchen, ist wahrscheinlich viel effektiver.

Wird Unicef nachhaltig unter den Vorwürfen leiden?

Ja. Vertrauen verliert man leicht über Nacht, aber es wiederzuerlangen ist schwer und kann sehr, sehr lange dauern. Die Wiedererlangung des Siegels wird die Basis dafür sein, das Vertrauen wiederherzustellen. Weil von einem neuen Siegel das Signal ausgehen kann, 'Aha, da ist was passiert.' Man muss aber auch sagen, dass das Spendensiegel nicht die Führung der Organisation beurteilt, es werden lediglich Zahlen geprüft.

Interview: Sebastian Huld

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