Volkstrauertag Versöhnung über den Gräbern


Per Gesetz erhoben die Nazis 1934 den Volkstrauertag zum Staatsfeiertag und nannten ihn "Heldengedenktag". Fünf Jahre später war Europa ein Schlachtfeld. Über 800 Kriegsgräberstätten in 44 Staaten werden noch gepflegt.

Der 81-jährige Ernst Eierkaufer hat viele Schlachtfelder erlebt. Weil er ein geübter Holzschnitzer war, musste er 1944 als Soldat in der Normandie eine besondere Aufgabe erfüllen: Aus Birkenholz schnitzte er "Sterbetaferl" für die Gräber der gefallenen Kameraden. Oft arbeitete er unter Beschuss, geduckt hinter Hecken und Baumreihen.

Zeichen der Erinnerung und der Mahnung

Seither ist Eierkaufer mehrmals in die Normandie gereist und hat Soldatenfriedhöfe besucht, auf denen 177.000 Tote vieler Nationen ruhen. Er war auch in La Cambe, dem größten deutschen Soldatenfriedhof der Normandie mit mehr als 21.000 Gräbern. Die Zufahrt ist heute gesäumt von jungen Ahornbäumen. Sie wurden von Mitgliedern und Förderern des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge gestiftet und bilden zusammen mit einem Informationszentrum einen "Friedenspark" - ein lebendiges Zeichen der Erinnerung und der Mahnung.

"Würdige Grabstätten haben die Kameraden von einst bekommen", sagt Eierkaufer und erzählt zwei Erlebnisse. Wie seine Flak-Einheit sich im August 1944 mit vier Jahre zuvor von den Franzosen erbeuteten Flugabwehrkanonen in einen aussichtslosen Panzer-Abwehrkampf stürzte. Und wie sie am Abend zuvor in einem Dorf bei Rouen in ein Gasthaus gegangen waren, in dem zum Tanz aufgespielt wurde. Er habe die ganze Nacht durchgetanzt. Am Morgen "würden die Alliierten einrücken, das wussten alle". Die Worte einer jungen Französin seien ihm nie mehr aus dem Kopf gegangen: "Genießt heute das Leben, was morgen ist, das wissen wir alle nicht." Der pensionierte Eisenbahner schüttelt den Kopf: "Es war so wirklich und gleichzeitig so bizarr. Warum sind wir nur übereinander hergefallen?"

Vom Volkstrauertag zum "Heldengedenktag" und zurück

Für Gerd Krause, Landesgeschäftsführer des Volksbundes in Bayern, bezeugen solche Schilderungen den Wert der Versöhnungsarbeit der Kriegsgräberfürsorge. Versöhnung über den Gräbern, das sei die Botschaft des nach dem Ersten Weltkrieg 1919 gegründeten Volksbundes. 1922 begründete der Volksbund den Volkstrauertag. Die Nazis machten daraus 1934 einen so genannten Heldengedenktag und fünf Jahre später aus ganz Europa noch einmal ein Schlachtfeld.

Wie tief die Aussöhnung heute Wurzeln geschlagen hat, sieht Krause bei Begegnungen zwischen Tausenden von Kriegsveteranen mit jungen Leuten. Die Zeit habe tatsächlich Wunden geheilt und Ressentiments beseitigt. Die Gräber von zwei Millionen deutschen Soldaten pflegt der Volksbund in 44 Ländern der Erde. Seit der Öffnung des Eisernen Vorhangs liegt der Schwerpunkt in Osteuropa. Allein im vergangenen Jahr wurden dort die sterblichen Überreste von rund 75.000 Soldaten umgebettet, eine Arbeit, die auf den westlichen Kriegsschauplätzen längst getan ist. Bei Jugendlagern des Volksbundes pflegen junge Leute aus vielen Staaten die Friedhöfe gemeinsam und begegnen sich so über die Gräben der Vergangenheit hinweg.

Elmar Stöttner/AP AP

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