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Warnschussarrest: Cems Strafe

Kann der umstrittene "Warnschussarrest" wirklich jugendliche Straftäter abschrecken? Oder helfen Therapien und konsequente Erziehung besser? Begegnung mit Cem, einem 20-jährigen Bankräuber.

Von Anieke Walter

Cem hat Mist gebaut. Großen Mist. Vor knapp einem Jahr überfiel er mit drei Kumpels eine Postbank in Dresden, mit einer Knarre. Aber das war nicht alles. "Wir haben einfach nicht genug bekommen", sagt Cem. Nach der Postbank nahmen sie sich noch einen Penny Supermarkt in Berlin vor. Zu zweit sind sie rein, haben mit der Schreckschusspistole geballert und sind auf die Kassierer losgestürmt. Cem schlug einen nieder. "Damit der sieht, dass ich es ernst meine!" Die zwei anderen Jungs haben draußen im Wagen gewartet. Nach dem Überfall waren sie auf der Flucht, die dauerte allerdings nur zehn Minuten, dann kesselte die Polizei Cem und seine Kumpels mit drei Einsatzwagen und Blaulicht ein. Abmarsch in Handschellen.

Cem, der eigentlich anders heißt und sich nicht fotografieren lassen will, sitzt in Berlin-Pankow an einem großen Holztisch. "Scheiße bauen will ich nie wieder", sagt er laut, gestikuliert mit seiner rechten Hand und schaut mit großen braunen Augen die Sozialpädagogin Ulrike Klotz an. Cem ist 20 Jahre alt, wirkt aber wie 16. Ein schmächtiger Junge, enges beigefarbenes T-Shirt, am Hals blinkt ein Goldkettchen, seine schwarze Basecap trägt er falsch herum. Cem nimmt an einem sozialen Training des Pfefferwerks Stadtkultur teil, einem gemeinnützigen Unternehmen, das unter anderem jugendliche Straftäter betreut. Ulrike Klotz will mit ihm heute die vergangenen acht Gruppentreffen besprechen. Sie will wissen, was Cem gelernt hat und ihm zeigen, wie sie ihn wahrnimmt. Jedes Jahr durchlaufen rund 70 Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren das Training. In Gruppensitzungen sollen sie lernen, mit Konflikten umzugehen. Das Training ist eine Auflage der Jugendrichter - "Erziehen statt Strafen" ist der Grundgedanke. Die meisten hier haben Straftaten wie Diebstahl, Körperverletzung, Raub oder Vandalismus begangen - so wie Cem.

Abends heulen alle

Nachdem die Polizisten Cem und seine Kumpels gefasst hatten, musste er in U-Haft - 40 Tage lang, allein in einer kleinen Zelle: "Tagsüber sind alle cool und abends heulen sie - ich habe auch geheult", sagt Cem. Er drückt dabei die Beine zusammen, dann wird seine Stimme lauter: "Reden wollte ich, mit irgendjemandem, da habe ich dann manchmal auch einfach nur aus dem Fenster rausgebrüllt. Oder den Knopf für die Sprechanlage in meiner Zelle gedrückt, damit einer von den Wärtern kommt - aber irgendwann kam keiner mehr."

Ulrike Klotz holt eine Liste hervor. Jeder in der Gruppe bekommt von den Sozialpädagogen pro Sitzung für sein Verhalten Punkte. Fünf Punkt ist die Höchstzahl, die hatte Cem in den ersten zwei Gruppensitzungen. "Da warst du konzentriert, hast mitgemacht und die anderen auch mal zur Ruhe aufgefordert", sagt Klotz. Dann nahm Cems Konzentration ab und es gab nur noch drei Punkte. "Da hast du dich dann von ein paar anderen in der Gruppe mitreißen lassen." Cem schaut auf seine Hände: "Ich vertraue schnell und passe mich schnell an." "Und woran liegt das?" fragt die Sozialpädagogin. Cem wird unruhig. "Ihr müsst alle zur Hochzeit meiner Schwester kommen", schlägt er lachend vor. Aber Ulrike Klotz lässt nicht locker: "Hat dein Besuch hier auch damit zu tun, dass du dich nicht abgrenzen kannst?" Cem wird wieder ganz ruhig: "Ich lasse mich zu leicht verführen."

"Verführung" zum Raubüberfall

Zu dem Raubüberfall vor einem Jahr hat er sich auch "verführen lassen", sagt Cem. Die drei anderen Täter lernte er über Kumpels kennen: "Wie das eben so ist. Der eine kennt einen, der einen anderen kennt und beim nächsten Mal gibt man ihm selber die Hand." Von Überfällen sprachen die neuen Freunde schon länger. "Ich hab zu denen gesagt, dass sie nicht so einen Scheiß erzählen sollen". Aber die Kumpels meinten es ernst mit dem Scheiß. Eines Abends standen sie vor seiner Tür und sagten, dass es jetzt los geht. Und Cem ist mitgegangen. Alle anderen, die mit ihm den Raubüberfall begangen haben, sitzen jetzt im Gefängnis. Cem ist der einzige, der nicht sitzen muss. Wohl auch, weil er der Jüngste war und, so erzählt er es zumindest, seine letzte Straftat sechs Jahre zurück liegt. Damals hätten ihm seine Lehrer eine Schachtel Zigaretten und das Handy weggenommen. Er sei dann in die Schule eingebrochen und hätte sich seine Sachen zurück geholt.

Seine Strafe für den Bank- und Penny-Bruch wurde zur Vorbewährung ausgesetzt. Falls er das soziale Training abschließt und seine Auflagen erfüllt, kommt Cem mit Bewährung davon.

Als Cems Eltern von dem Überfall erfuhren, sagte der Vater nur wütend, dass ihn die Polizei länger im Knast behalten soll. Und Cems Mutter? Die habe viel geweint, sagt Cem. "Wie Mütter eben so sind." Seine Eltern kamen vor über 20 Jahren aus dem Libanon nach Berlin. Insgesamt sind sie sechs Geschwister, drei Mädchen und drei Jungen. Cem ist der älteste Sohn. Der Vater arbeitet als LKW-Fahrer. Die Mutter in einem Schulhort. In der Erziehung muss trotzdem gewaltig viel schief gegangen sein.

Keine Wattebauschpädagogik

Für Ulrike Klotz ist es wichtig, dass Cem sich selbst hinterfragt: "Wir betreiben hier keine Wattebauschpädagogik, sondern es geht immer wieder darum, den Jugendlichen einen Spiegel vorzuhalten. So viel Konfrontation wie nötig und so viel Wertschätzung wie möglich." Die Jugendlichen sollen in der Gruppenarbeit, bei denen es um Themen, wie Gewalt, ihre Straftaten, Drogen oder ihre Zukunft geht, den Umgang miteinander lernen. "Wenn der eine den anderen auslacht, wird nachgefragt: Warum machst du das? Wir wollen Denkanstöße geben und das Verantwortungsbewusstsein fördern. Das ist harte Arbeit. Ablehnung haben die Jugendlichen genug erlebt", sagt Klotz.

Für Cem fängt nun die zweite Hälfte des sozialen Trainings an. Er will wieder seine fünf Punkte zurück, die er sich am Anfang der Gruppenarbeit erarbeitet hatte. Seine Zukunftspläne klingen wie die Wünsche der meisten Jungen in seinem Alter. "Ich hätte gerne eine Freundin und ich will meinen Hauptschulabschluss nachmachen", sagt Cem. Danach will er mit seinem Vater ein libanesisches Restaurant aufmachen. "Ich will nie wieder in den Knast."