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Weltfrauentag in der Kita: Praktikant Gysi redet zu viel

Gregor Gysi ist Bestimmer - und deshalb für den Job der Erzieherin geeignet, finden die. Die Kinder meinen, er rede zu viel. Ein Tag mit dem Linken-Fraktionschef in der Kita.

Von Rebecca Struck

Laut sind sie. "Greeeeeeeeeeegor!" brüllen zwölf Kinder in gelben Warnwesten und Thermohosen. "Jaja, ich komme", brüllt der zurück, bricht sein Interview ab und hastet durch den Wald - immer dem grell leuchtenden Pulk hinterher. Wer hätte das gedacht: Gregor Gysi, Fraktionschef der Linken, lässt ein Fernsehteam stehen, um mit kleinen Menschen im Matsch zu spielen. Der Grund: Heute ist Weltfrauentag. Und ausnahmsweise schmettert der 64-Jährige keine Tiraden über die Frauenquote, verteilt Rosen oder plaudert bei Anne Will. Sondern sammelt Äste mit Finn, stampft bis zur Erschöpfung mit den Füßen zum "Eelefantenlied" und legt Florentine eine Scheibe Salami auf's Butterbrot. Um Politik geht es trotzdem: symbolisch und in eigener Sache.

Linke in der Realwirtschaft

Gysi ist für einen Tag Praktikant in der Kindertagestätte "Waldspielhaus" in Berlin-Grünau. Die liegt in seinem Wahlkreis und leiste gute pädagogische Arbeit, sagt er. Während die weiblichen Abgeordneten der Linken an diesem Tag ganz allein im Bundestag Politik machen - und das zum ersten Mal in der Geschichte der Linksfraktion - müssen die Männer hinaus in die Realwirtschaft: Klaus Ernst verteilt Essen, Steffen Bockhahn putzt, Ulrich Maurer schneidet Haare und Gysi betreut eben Kinder. "Wir haben versucht, dort hinzugehen, wo Tätigkeiten überwiegend von Frauen verrichtet werden", sagt er. Die Partei wolle zeigen, was Erzieherinnen, Putzfrauen, Friseurinnen und Schwestern leisten - ein Linkenpolitiker erlebt das schließlich nicht alle Tage. "Übrigens, weil die auch schlechter bezahlt werden. Das wollen wir natürlich kritisieren und zum Ausdruck bringen", schiebt Gysi noch schnell in Richtung Mikro hinterher. Im nächsten Moment sitzt er schon wieder neben Florentine, Helen, Finn und Lucas von der "Waldgruppe" unter einem Mobile aus Holztücken, Moos und Tannenzapfen.

Es geht eben um Symbolik, und die gilt es am Weltfrauentag zu vermitteln, was nicht leicht ist. Denn kaum gibt Gysi Interviews, überrollen ihn die Pflichten: Die Kinder wollen einfach nur mit ihm spielen. "Gregor ist nett, aber redet nur" quengelt die 5-jährige Amelie. So geht's natürlich nicht, denn: "Ein Sonderprogramm gibt's nicht", sagt die resolute Kita-Chefin Herzberg. Also muss der Linksfraktionschef auch ran, als etliche Paar Schuhe, Jacken und Thermohosen angezogen werden, gelegentlich verliert "Herr Gysi" im Gewimmel von Kindern und Journalisten schon mal den Überblick.

Stampfen im Takt

Die Erzieherinnen kämpfen für ihr Gehalt: "Wir bekommen noch nicht einmal das, was uns tariflich zusteht", beteuern sie auf dem Weg ins Grüne. Gregor Gysi kämpft für diesen Anspruch, aber auch mit seiner Fitness. Klar gehe das in die Beine, sagt er mühsam lächelnd. Gysi schleppt Äste, erklärt woran man Tannen erkennt (nämlich an den nach oben wachsenden Zapfen) und stampft im Takt zum Kinderlied. "Herr Gysi macht seinen Job gut", lobt Ramona Herzberg. Er arbeite auf "Augenhöhe", sei ein "Bestimmer", was für Kinder wichtig sei. Gysi selbst erkennt Parallelen zu seiner politischen Arbeit. Im Bundestag müsse er sich auch immer verständlich ausdrücken, damit alle kapierten, was er von ihnen wolle. Sagt's und stapft in Regenhose durch das Laub.

"Bunte Show, schöne Bilder, nichts bewegt", kritisierte SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil die Aktion der Linken schon im Vorfeld. Reine PR, findet er. Ein Körnchen Wahrheit ist drin. Dennoch: Immerhin nutzt Gysi den Weltfrauentag nicht nur für Sonntagsreden, sondern packt mit an. Für die Kinder ist das neu. Was Politiker sonst wohl am liebsten machen? "Sich streiten", sagen sie.