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Zukunft der Rente: Stoppt die Blutung der Mittelschicht

Die meisten haben es geahnt: Millionen von künftigen Rentnern droht Altersarmut. Private Vorsorge klingt toll, aber selbst Durchschnittsverdiener haben leider immer weniger Geld zum Zurücklegen.

Ein Kommentar von Niels Kruse

Helmut Kohl sprach einmal von der Gnade der späten Geburt. 1984 war das, und er spielte damit auf die Generation an, die den Nationalsozialismus nicht mehr mitzuverantworten hatte. Zwei Jahre später ließ der damalige Bundeskanzler seinen Arbeitsminister Norbert Blüm großflächig plakatieren: "Denn eines ist sicher: die Rente." Eigentlich hat das eine nichts mit dem anderen zu tun: Außer, dass es nur wenige Generationen gibt, die sowohl ein sorgloses Leben leben als auch sorglos ihre Altersruhe genießen können oder konnten. Gut behütet von der Wiege bis zum Sterbebett - das gilt für die ersten Nachkriegsgeborenen. Und dann gibt es die anderen: Die "Spätgeborenen", die Jahrgänge ab Mitte der 60er. Darunter sind viele, die jetzt ordentliche Einkünfte haben, aber wie es im Alter aussieht - unklar. Das fängt schon mit dem Beginn des Renteneintrittsalters an: 67 Jahre, Stand heute. Vermutlich geht es aber erst ab 70 in den Ruhestand, vielleicht auch noch später. Und man muss schon einen sehr zynischen Maßstab von "sicher" anlegen, um die Doktrin Blüms am Leben zu erhalten. Denn sicher ist: Es wird auch für diejenigen, die ab 2030 in den Ruhestand gehen, eine Rente geben. Aber sicher ist auch: Für viele Menschen wird sie nur unwesentlich höher als der heutige Hartz-IV-Satz liegen, also auf dem Niveau des Grundsicherungsbetrags von 688 Euro, wie aus den Berechnungen des Arbeitsministeriums hervorgeht. Zyniker könnten sagen: Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.

Die Legitimität des Rentensystems steht auf dem Spiel

Rein statistisch gesehen wird das diejenigen betreffen, die 35 Jahre rund 2500 Euro brutto verdient und 35 Jahre lang brav in die Rentenkasse eingezahlt haben. Selbst bei einem etwas höheren Verdienst und etwas längerer Beitragszeit ändert sich nur wenig an der Summe, die am Ende herauskommt. In ihrem Papier zufolge warnt Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU): "Es steht nicht mehr und nicht weniger als die Legitimität des Rentensystems für die junge Generation auf dem Spiel."

Die meisten, die jetzt zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, werden es immer schon geahnt haben, dass ihnen nicht mehr der sorglose Ruhestand bevorsteht, wie ihn noch die Eltern genießen konnten. Dafür hat allein schon die Politik gesorgt, die ob leerer Rentenkassen und Bevölkerungsentwicklung seit Jahren mahnt, bitte doch privat vorzusorgen und eigens dafür die Riester-Rente ins Leben rief. Dazu gesellt sich das stetig steigende Renteneintrittsalter. Erst vor wenigen Tagen brachte eine Anfrage der Linken zu Tage, dass immer mehr Rentner Minijobs haben - im schlechtesten Fall, um ihre kargen Einkünfte aufzubessern.

Auch die Mittelschicht fürchtet um ihr Geld

Leider sind das nicht die einzigen dunklen Wolken, die sich am Himmel abzeichnen. Selbst nicht für diejenigen, deren Gehalt höher liegt als 2500 Euro brutto im Monat: Auch die Mittelschicht ächzt zunehmend unter steigenden Abgaben, Mieten und Heiz-, Strom- und Benzinkosten, Ausgaben für Lebensmittel, Bildung und Gesundheit. Ein Beispiel: Das Durchschnittseinkommen in Deutschland liegt laut des Datenreports 2008 bei 3707 Euro brutto. Davon gehen bei einem Ehepaar mit zwei Kindern rund 1250 Euro für Steuern und Sozialversicherungsbeiträge ab und 50 Prozent des Rests für die Grundbedürfnisse: also Wohnen, Energie, Lebensmittel. Darin enthalten sind noch immer nicht: Kosten für Bildung (etwa Nachhilfe), das Auto, um zur Arbeit zu kommen, Versicherungen, Urlaube oder zum Beispiel die Rückzahlung von Krediten. Für private Altersvorsorge, ob nun staatlich gefördert oder nicht, bleibt da natürlich immer weniger Spielraum.

Sicher: Wer tatsächlich mit fast 4000 Euro brutto im Monat nach Hause geht, das sind vor allem Akademiker, sollte finanziell einigermaßen solide dastehen. Doch nicht einmal mehr ein Uniabschluss gewährleistet heutzutage auch ein hohes Einkommen. Angestellte Architekten - um nur ein Beispiel von etlichen anzuführen -, verdienen selten mehr als 3000 Euro brutto, fangen aber, wie alle Hochschulabsolventen, später zu arbeiten an. Und ob sie es überhaupt je schaffen, 35 oder gar 40 Jahre durchgängig in die Rentenkasse einzuzahlen, steht, wie bei allen Beschäftigten der Generation Spätgeborener, in den Sternen. Denn irgendetwas kann immer dazwischen kommen: Arbeitslosigkeit, Krankheit, Elternzeit oder einfach nur eine berufliche Umorientierung.

Der wilde Aktionismus der Arbeitsministerin

Nun hat Ursula von der Leyen schon vor ein paar Wochen damit begonnen, das Thema Altersarmut in die Öffentlichkeit zu schieben. Vermutlich wissend, was in ihrem Bericht zur Rentensituation stehen wird. Ihre Idee, die niedrigen Altersbezüge aufzustocken, mag wie Hohn für diejenigen klingen, die ihr gesamtes Arbeitsleben Beiträge gezahlt haben. Denn sie erhalten letztlich kaum mehr als diejenigen, die nichts zum System finanziell beigetragen haben. Allerdings sieht es derzeit so aus, als würde ohnehin nur ein sehr kleiner Teil von der geplanten Aufstockung profitieren. Denn die Hürden für die Zuschussregelung hat die Christdemokratin reichlich hoch angesetzt. Als wäre das absehbare Rentenproblem nicht schon schlimm genug, gefällt sich die Arbeitsministerin offenbar darin, sich in Aktionismus zu üben. Sprich: Irgendeine Idee in die Welt zu setzen, um auch eine Duftmarke hinterlassen zu haben. Dabei liegt das Kernproblem eigentlich ganz woanders: Nämlich darin, die ständig steigenden Lasten von Gering- als auch Durchschnittsverdienern zu nehmen. Durch die Einführung von Mindestlöhnen etwa oder die Anhebung der Reallöhne. Oder aber, der Generationenvertrag muss grundsätzlich neu verhandelt werden.

Niels Kruse